Folgenschwere Blutmahlzeit

Zeckenerkrankungen Geduldig warten Zecken auf ihren Wirt, saugen ihn an und übertragen schwere Krankheiten - zum Beispiel Borreliose

Rechts herum oder links herum drehen? Nein, das ist kein Tanzstundenproblem sondern ein ernstes: Von Juni bis September herrscht Hochsaison der Blutsauger. Wie löst man eine Zecke, die ihr Mundwerkzeug unter die Haut geschoben hat wie ein Ölbohrgestänge? Da hängt sie nun am Fleisch, saugt ihren sackförmigen Hinterleib voll mit Blut und streckt alle acht Beine von sich. Gar nicht so einfach, einen Holzbock aus dem Paradies zu reißen: Die Zecke bockt. Um nicht zu sagen, sie findet den menschlichen Angriff mit Pinzette oder bloßen Fingern wortwörtlich zum Kotzen: Gedrückt, gequetscht, gestresst, spuckt sie Teile ihrer Blutmahlzeit zurück in ihren Wirt und aus ihren Speicheldrüsen fließt ein Cocktail, der häufig blinde Passagiere enthält: zum Beispiel das Bakterium Borrelium burgdorferi oder seine nahen Verwandten, die bei Mensch und Tier das Krankheitsbild der Lyme-Borreliose auslösen können.

Infektionsrate mit steigender Tendenz

Borreliose ist nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts mit circa 60.000 Neuerkrankungen pro Jahr eine der bedeutendsten Zoonosen in Europa und stellt auch in Deutschland ein gravierendes Problem dar. Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden - sei es vom lebenden oder vom Lebensmittel Tier. Zu den Zoonosen zählt die Salmonelleninfektion also ebenso wie die Malaria, die durch den Stich einer mit dem Einzeller Plasmodium infizierten Anophelesmücke übertragen wird.

Viele dieser Krankheiten gewinnen an Bedeutung. Massentierhaltung mit extremen Viehdichten in einzelnen Landstrichen, Klimaveränderungen, weltweiter Tourismus und Viehhandel fördern ihre Verbreitung. Außerdem entwickeln viele Erreger Resistenzen gegen früher hochwirksame Mittel wie Antibiotika.

Während medienwirksam inszenierte Seuchenzüge wie Schweinepest, Maul- und Klauenseuche oder Geflügelgrippe für den Menschen sehr unterschiedliche Gesundheitsrisiken mit sich bringen, bergen andere Zoonosen ein andauerndes Gefahrenpotential. Fuchsbandwurm, Fledermaustollwut und Toxoplasmose kursieren auf der Bekanntheitsskala weit unten, doch ein diffuses Bewusstsein dafür, dass Zecken irgendwie gefährlich sind, ist weit verbreitet. Die Kenntnisse über Symptome und Krankheitsverlauf der häufigsten von Zecken übertragenen Krankheit, der Borreliose, seien, so klagen Selbsthilfegruppen, allerdings nach wie vor viel zu gering.

Meldepflichtig ist die Krankheit nur in den neuen Bundesländern, dort steigt die Zahl der Fälle nach Angabe des statistischen Bundesamtes kontinuierlich an: Wurden 1994 noch 159 Infektionen gemeldet, waren es 2002 schon 2.935. Dies ist teilweise Folge mehrerer zeckenfreundlicher, milder Winter seit den neunziger Jahren, teilweise werden auch mehr Fälle entdeckt, weil Ärzte verstärkt darauf achten. Außerdem hat die engagierte Öffentlichkeitsarbeit von Betroffenen, die sich mit unterschiedlichsten Mitteln - von aufwändigen Internetseiten bis hin zu Malwettbewerben für Schulkinder - um Sensibilisierung für die Krankheit bemühen, den Bekanntheitsgrad erhöht.

Tückischer Verlauf

Was die Diagnose erschwert: Borreliose bricht nicht unmittelbar nach dem Zeckenbiss aus, es können Wochen vergehen und der Zeckenbiss kann längst vergessen sein. Außerdem ist das Krankheitsbild vielgestaltig. Zunächst - auch dies ist mit zeitlichem Abstand zum Zeckenbiss möglich - tritt eine so genannte Wanderröte um die Einstichstelle auf. Dann kommt es nach Wochen oder gar Monaten zu erkältungsartigen Symptomen wie Fieber, Gelenkschmerzen und Müdigkeit, langfristig treten Hirnhaut- und Gelenkentzündungen auf, Lähmungserscheinungen beispielsweise in der Gesichtsmuskulatur sind möglich. Hinzu können Nierenfunktions- und Herzrhythmusstörungen treten, Hautveränderungen und die so genannte Lyme-Arthritis. Ist die Krankheit erkannt, wird sie mit Antibiotika behandelt, dennoch kann der Patient dauerhaft durch die Krankheit beeinträchtigt sein.

Nun gibt es jedoch nicht nur eine Zeckenerkrankung sondern mehrere, ausgelöst durch unterschiedliche Erreger. In jeder Zecke schlummert also ein Überraschungsei. Selten kommt es in Mitteleuropa zu Infektionen mit Ehrlichiose, Babesiose, Rickettsiose und dem Q-Fieber, letzteres nur, wenn Kontakt zu Schafen und dem Kot einer auf ihnen lebenden Zeckenart bestanden hat.

Häufiger ist die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die bisher hauptsächlich in Süddeutschland und Österreich auftritt. Gegen diese Hirnhautentzündung gibt es eine wirksame Impfung. Bundesweit verbreitet ist dagegen die Lyme-Borreliose. Je nach Region enthalten in Deutschland zwischen 5 und 35 Prozent der Zecken Borrelien. In Nordamerika, wo nur ein Erregertyp vorkommt und die Krankheit Mitte der siebziger Jahre in der Gegend von Lyme (Conetticut) zuerst beschrieben wurde, kann auch dagegen geimpft werden. In Deutschland gibt es unterschiedliche Erregertypen und daher bislang keine Impfung.

Wer gegen FSME geimpft ist und glaubt, nun generell gegen Zecken geschützt zu sein, befindet sich also ebenso im Irrglauben wie derjenige, der meint, dass Zecken sich von Bäumen auf ihre Opfer herabstürzen oder sie gar anspringen. Tun sie nicht. Wie Anhalter an der Autobahnraststätte warten sie vielmehr darauf, dass ein vorbeikommender Warmblüter sie von ihrem Platz im Gestrüpp abstreift und mitnimmt. Darüber vergeht viel Zeit - je nach Witterung und "Verkehrsaufkommen" dauert es bis zu drei Jahren, bis eine Zecke alle Stadien ihres Lebenszyklus durchlaufen und alle nötigen Blutmahlzeiten zu sich genommen hat. Infiziert sie sich schon beim ersten Wirt mit einem Krankheitserreger, überträgt sie ihn auf alle weiteren Opfer.

Vermeidungsstrategien

Eine in der Slowakei durchgeführte Untersuchung an verschiedenen Säugetierarten ergab, dass gerade bei einigen Mäusearten ein besonders hoher Prozentsatz der Tiere Antikörper gegen Borrelien im Blut hatte. Und solche Kleintiere sind in der Regel die ersten Wirte der Zecken, wenn sie als ca. 1,5 Millimeter lange Larven aus dem Ei schlüpfen. Nach der ersten Mahlzeit fällt die Zecke ab und benötigt mehrere Monate für eine Häutung. Die aufgenommenen Borrelien schaden ihr nicht, doch sie vermehren sich in der Zecke. Die etwas größere Zecken-Nymphe wartet dann auf einen neuen Wirt und eine zweite Portion Blut, mit der sie die zweite Häutung zum erwachsenen Tier bewältigen kann.

Die Weibchen sind jetzt etwa doppelt so groß wie die Männchen, beide saugen aber noch einmal an einem dritten Wirt. Das Weibchen legt bis zu 3.000 Eier am Boden ab, bevor es stirbt. Dieser Lebenszyklus begünstigt, dass sich die Durchseuchungsrate der Zecken mit Borrelien und ihren bevorzugten Wirten stetig erhöht und damit die Zahl der Infektionen beim Menschen und seinen Haustieren steigt.

Was hilft, ist lange, dichte Kleidung, schattiges Gestrüpp zu meiden, ein Floh- und Zeckenhalsband für den Hund und für Frauchen und Herrchen entsprechende krabblerabwehrende Mittel. Falls es dann doch zu einem Stich gekommen ist, muss die Zecke schnell entfernt werden, da mit der Saugzeit das Übertragungsrisiko steigt. Aber wie herum dreht man nun die Zecke? Gar nicht. Zwar ist der Erreger der Borreliose ein schraubenförmiges Bakterium, doch der Saugapparat der Zecke hat kein Gewinde. Also unterhalb des Kopfes und der Beine packen, ein Ruck und raus. Aus. Hoffentlich.

Weitere Hinweise:

www.zecke.de

www.borreliose-bund.de

www.zeckenbiss-borreliose.de


00:00 20.08.2004

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