Folgt der Spur des Geldes

Erbe Viele deutsche Unternehmen haben vom Nationalsozialismus profitiert. Eine Vermögenssteuer würde dieses Problem eher beheben als immer neue „Enthüllungen“
Folgt der Spur des Geldes
Die Kunstsammlung von Julia Stoschek in Berlin. Die Milliardärin ist Gesellschafterin der Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG, einem Unternehmen, das zur NS-Zeit eng mit der Wehrmacht und der NSDAP verbunden war

Foto: Stefan Zeitz/IMAGO

Auf Instagram war es: In einer Video-Diskussion präsentierten die Künstler*innen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah eine Enthüllung: Viele reiche Deutsche, auch in der Kultur- und Kunstszene, haben Großeltern, die im Nationalsozialismus Karriere machten. Als Beispiele wurde zwei Frauen aufgeführt: die Galeristin Julia Stoschek und die Buchhändlerin Emilia von Senger, die gerade einen feministischen Buchladen in Berlin-Neukölln eröffnet hat. Offenbar hatte die neue Ladenbesitzerin die Tatsache verschwiegen, dass ihre Vorfahren als Generäle in Hitlers Wehrmacht dienten.

Welche Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte wäre nun für die Erbinnen angemessen? Um diese Frage drehte sich die Diskussion in den Feuilletons. Die Buchhändlerin zeigte sich dann bereit, öffentlich über ihre Nazi- Familiengeschichte zu sprechen. Damit schienen auch die Videomacher*innen zufrieden.

Interessant, was in Deutschland so als „Enthüllung“ gilt. Doch vielleicht gehört diese Debatte auch nicht auf Instagram und in die Feuilletons, vielleicht gehört sie in den Wirtschaftsteil: Wie viele reiche Menschen haben in Deutschland eigentlich keinen „Nazihintergrund“? Dabei geht es nicht nur um die Vermögen der Auto-Quandts, der Chemie-Reimanns oder der Kulturgut-Hohenzollern – sondern um eine gesamte finanzielle und politische Elite, deren Macht sich in großen Teilen auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückverfolgen lässt.

Womöglich ist es nur ein Zufall, aber während in den 1990ern die Diskussion um das Anerkennen deutscher Schuld endlich in Fahrt kam, wurde der kritische Umgang mit dem finanziellen Erbe der Nazivergangenheit vernachlässigt. Bei der Erbschaftssteuer wuchsen die Freibeträge, eine Vermögenssteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben. Angesichts der Tatsache, dass das Kapital so vieler Mitglieder der deutschen „ein Prozent“ aus der Nazi-Wirtschaft stammt: Wäre nicht eine deutlich progressivere Steuerpolitik die beste Form der Vergangenheitsbewältigung? Auf jeden Fall würde sie Chancengleichheit erhöhen und Armut besser bekämpfen als jede Selbstpositionierung einer Buchhändlerin mit Nazi-Großeltern auf Instagram. Die Einführung einer Vermögenssteuer, in Deutschland wäre sie eine antifaschistische Maßnahme.

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06:00 11.03.2021

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