Folk fürs Volk

Alltag In Schloss Beesenstedt versteht man sich auf Dialektik und feiert rauschende Feste

Leo saust im Sessel übers Parkett. Das linke Bein kniet im Polster, das rechte Bein sorgt für den Schwung und die Erwachsenen müssen ausweichen. Am Beistelltisch geht es vorbei, unter der Leiter hindurch, eine Pirouette auf der Tanzfläche und weiter rollt Leo, Anlauf nehmend und ins Polster springend, bis der Sessel in eine Sitzgruppe prallt und der Pilot knarzend ins Ledersofa fällt. Leo darf das, im Ballsaal wird noch aufgebaut, die Frau Mama hat sich soeben zur Umkleide in die Gemächer zurückgezogen, und der Schlossherr ist noch nicht im Hause.

Dort wo Leo jetzt auf einem Sofa lümmelt und aus seinem Joghurtbecher löffelt, traf sich einstmals alles, was im wettinischen Raum einen bedeutungsvollen Rang oder Namen trug. Rauschende Bälle in lauen Sommernächten und opulente Abendgesellschaften, die Damen plauderten avec Pläsier am Kamin und unten, im blauen Salon, standen die Großjunker und Offiziere rauchend hinter schweren Samtvorhängen und parlierten aber die weltpolitische Lage.

Beesenstedt war das Gut der Adelssippe derer von Nettes: Reich an Grund und Boden im Saalekreis, reich auch an Bauern und eingeheirateten Adelstiteln ließen sie sich 1915 mitten in die anhaltinische Eintönigkeit ihr herrschaftliches Anwesen bauen. Die Stellungsgefechte bei Verdun erschienen als ein fernes Wetterleuchten am Horizont und nichts deutete darauf hin, dass die althergebrachte Gutsverfassung, die Unterteilung zwischen ihnen, den Nettes, oben, und all den Bauern, Mägden, Dienstboten unter ihnen einmal auf den Kopf gestellt werden könnte.

Heute vergnügt sich ein durch und durch bürgerlicher Menschenschlag auf Schloss Beesenstedt - bei opulenten Ballnächten und Hochzeitsschlemmereien, Konzerten und anschließender Übernachtung in den Schlafgemächern. Bei 5.000 bewohnbaren Quadratmetern könnte eigentlich jeder Gast bequem sein eigenes Gemach beziehen, aber man rückt lieber zusammen, das Kontingent an Heizlüftern ist beschränkt, und hinter so mancher Tür im Seitenflügel äugt aus dem Dunkel ein ausgestopftes Tier.

Feste auf Schloss Beesenstedt - das sind zaubertolle Nächte, die auf merkwürdige Art und Weise das Zeitempfinden durcheinander bringen. Schwere Holztäfelung, staubige Gemächer, eine nicht enden wollende Abfolge von Türen, Gängen, Treppen. Es ist, als ob man hinter der nächsten Ecke Hanns Castorp begegnen würde, heißwangig und auf dem Weg zum Speisesaal. Draußen beginnt der Putz zu blättern, ein Gerüst stützt das Vestibül und bei Sturm knirscht es im Dachgebälk. Im Dorf munkelt man, der alte Nette finde keine Ruhe und gehe nächtens durchs Haus.

Auch an Wochenenden dürfte er keinen Schlaf finden. 150 Gäste treffen sich zu Folkmusik und Reigen, eine tanzende Gemeinschaft die sich seit Jahren schon kennt und bereits im fünften Jahr auf Schloss B. zusammenkommt. Im ersten Jahr haben sie zusammen Kerzen aufgestellt, auf jede Stufe eine, im Ballsaal stand ein Flügel. Heute ist der Folktanz professioneller geworden: Fünf Bands werden am Wochenende spielen, es gibt Tanzanleitungen über Headset-Mikrophone und für die Kleinsten Kindertanzkurse.

Auch wenn die Nettes der Meinung gewesen wären, die Kleiderordnung ließe zu wünschen übrig, an dieser Schule des guten Benimms hätten sie sicherlich ihre Freude gehabt: Die Damen und Herren stehen fein säuberlich separiert im Spalier und fordern ihre Köpfe nickend zum Tanze. Der Takt setzt ein, Klarinette, Bass, Schlagzeug und Akkordeon arrangieren sich zu einer irischen Volksweise im Dreiviertel-Takt. Bald treten die Damen und Herren wippend aufeinander zu, bald schwingen sie im Walzerkreisel um sich selbst, sie formieren sich zu langen Ketten, die sich verhaken und wieder auflösen, bis ein für den Betrachter undurchschaubares Geknäuel aus wippenden Beinen und Röcken und rudernden Armen entsteht.

Beim nächsten Tanze werden die Arme steif an den Körper gepresst als wären es Stelzen. Das liegt, so wird man umgehend aufgeklärt, am früheren Tanzverbot in den nordirischen Pinten: Um die durchs Fenster lugende Obrigkeit zu täuschen, hielt man den Oberkörper gesetzestreu still und verlagerte die gesamte Tanzarbeit nach unten in den Fußbereich.


Es stellt sich die Frage, warum junge Menschen in Wollpullover und Leinenkleider schlüpfen und gemeinsam mit den Eltern nach einer Musik zu tanzen, die Altersgenossen mindestens als altbacken bezeichnen dürften? Es lässt sich nicht gerade behaupten, dass Bier oder Wein in rauen Mengen flössen, Rauchen ist nicht erwünscht und am Büffet stehen Selleriesuppen mit Rohkostsalat und Schmalzstullen bereit. Beim Folk gibt es keine Laster, außer Tanzen. Es würde einem ganz zerknirscht ums Herz, könnte man sich nicht mit der Tatsache trösten, Zeuge eines sehr seltenen generationsübergreifenden Vergnügens zu sein, bei dem man sogar dem ein oder anderen Intellektuellen beim Tanzen zuschauen darf. Das tun sie sonst nämlich gar nicht, sie wippen höchstens mit dem Fuß.

Leo hat gar keine Lust mehr. Auch nicht auf Wippen. Mit Picke, der eigentlich David heißt, steht er im roten Salon und versucht sich am Billiardtisch. Ratsch! Die Spitze des Queue bohrt sich in das grüne Tuch und die Kugel fliegt über die Bande, quer durch den Raum und schlägt dem Gipskopf eines bärtigen Mannes mitten ins Gesicht. Davon gibt es einige hier. Das ganze Schloss wimmelt von Abbildern von komischen bärtigen Männern, die Leo und Picke gar nicht kennen.

Die Gewerkschaftsfunktionäre haben sie aufgestellt, als sie das Schloss in den fünfziger Jahren stellvertretend für die Arbeiter- und Bauernklasse zu ihrem Tagungszentrum machten. Armin M., der Schlossherr, kann ein Lied, ach was, ganze Liedersammlungen davon singen, wie unkultiviert diese Herren mit dem Haus damals umgesprungen sein müssen: Da wurden Rohrleitungen über zarte Stuckleisten geführt, kostbare Mustertapeten mit Ölfarbe überstrichen und an den Zierdecken gilbten summende Leuchtstoffröhren mit Staublammellen. Wände, Tapeten, Eichenfurniere - das ganze Haus überzogen die Funktionäre mit einem weltanschaulichen Firnis aus Büsten, Flaggen, Emblemen und Wandzeitungen - bis sie sich in dieser selbstangerichteten Konfusion nicht mehr zurechtfanden und ein Rosettenfenster mit dem geheimen Logenzeichen der Nettes als DDR-Emblem deuteten.

Die Ikonographien hat Armin im Schloss belassen, sogar den Walter Ulbricht in Öl. Man könnte den Kontrast zwischen dem formverliebten Interieur der Jahrhundertwende und all den industriell gefertigten Zukunftsversprechen als dialektisch bezeichnen - und von Dialektik versteht Armin etwas. Ursprünglich war er dazu auserwählt, Schlösser zu bauen, für die Werktätigen in der DDR. Er wurde delegiert, zum Architekturstudium nach Moskau. Was am Ende der achtziger Jahre fast wie ein halber Umzug in den Westen aussah - in Moskau eröffnete gerade die ersten McDonalds Filialen - wurde innerhalb weniger Wochen von den Ereignissen zu Hause überholt: Plötzlich tanzten die Bürger der DDR mitten auf der Staatsgrenze und Armin fühlte sich nicht ganz zu Unrecht etwas ins geographische Abseits gestellt.


Nach einigen Umwegen ist er an der Saale gelandet: In einem Schloss, das sich in Barock kleidet, obwohl es von einem Werkbundarchitekten entworfen wurde, ein Herrschaftsgut, dessen Besitzer Hof hielten wie ein Sonnenkönig, obgleich sie doch nur Großbauern waren. Um seinen herrschaftlichen Zweitwohnsitz zu finanzieren, muss Armin ihn an nahezu jedem zweiten Wochenende mit einer zahlenden Gästeschar teilen.

Einmal fuhr eine gepanzerte Limousine am Entree vor und daraus entstieg ein leibhaftiger Ministerpräsident. Ein anderes Mal rückte ein Produktionsteam von Lilo Wanders Wahrer Liebe an. In den ersten Jahren wurden vor der morbiden Schlosskulisse auch Filmchen gedreht. Filmchen? Ja, Bettgeschichten fürs Nachtprogramm. Der Schlossherr hat sich vornehm in Zurückhaltung geübt, so ein großes Haus muss man schließlich ja auch unterhalten. Heute verzichtet Armin lieber darauf, auch wenn es eigentlich niemals Ärger mit den Dorfbewohnern gab. Im Gegenteil: Vermutlich hortet der ein oder andere noch heimlich die Videoaufzeichnungen von Lilo Wanders Show im Schrank.

Im Ballsaal legen die erhitzen Tänzer noch eine flotte Mazurka aufs Parkett und bringen die Kleider zum wirbeln. Dann werden die Fenster aufgestoßen und ein kühler Nachtwind bläht die Seidenvorhänge zum Bauche. Spätestens jetzt weiß der Betrachter, warum Tanzen den Rang einer olympischen Disziplin trägt - es ist Leistungssport mit allem was dazugehört: einem Trainer, der per HeadsetMikrofon zu Höchstleistungen antreibt, einer für Außenstehende unverständlichen Fachsprache und eigener Bekleidungsordnung.

Bliebe die Frage, wo das Schloss der Nettes, dieses verzauberte, altmodische Faktotum in verschlafener Landschaft zu finden ist. Der Neugierige begebe sich in den Saalekreis zwischen Halle und Harzgebirge. Irgendwo hier liegt es, und vielleicht dringt aus der Ferne gedämpfte Musik zu ihm herüber und weist ihm den Weg.


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00:00 06.08.2004

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