Fortschritt

Differenzen Gregor Gysi denkt über den Unterschied von konservativ und reaktionär nach
Gregor Gysi | Ausgabe 42/2019 2
Fortschritt

Grafik: der Freitag

Manchmal wenigstens muss man zu sich und seinen Handlungen wirklich stehen. Auch ich bin konservativ, zumindest einmal im Jahr. Da ist Weihnachten, und das ist durchritualisiert. Ich belasse die Tradition. Sonst jedoch neige ich wenig zum Konservativen, weder in der persönlichen Lebensführung noch in der Politik. Da dort aber bekanntlich auch Konservative ihren Stammplatz haben, kommt man nicht umhin, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das sollte nicht nur das politische Tagesgeschäft betreffen, sondern auch die geistigen Grundlagen. Zu letzteren gibt es mehrere Zugänge, um sich klarzumachen, was konservativ sein soll.

Einen sehr philosophischen Zugang kann man in etwa so beschreiben: Konservative lassen sich durch eine spezifische Haltung zur Aufklärung und zu Modernisierungsprozessen charakterisieren. Die liberale Aufklärung setzte auf eine Legitimierung ökonomischer Freiheit, auf den sogenannten Besitzindividualismus. Staatliche Herrschaft war aus ihrer Sicht insoweit legitim, als sie die Befreiung des Individuums, insbesondere seine ökonomische Freiheit, damit seine Rechte, sicherte und stärkte. Sie stellt also das historisch erste Herrschaftsbegrenzungsprogramm dar. Wiederum aus historischen Gründen mussten die Aufklärungsliberalen noch blind für die teilweise desaströsen Folgen kapitalistischer Modernisierung sein. Dazu war die Produktionsweise, deren Freisetzung sie beförderten, noch zu unentwickelt. Konservative Haltungen bildeten sich entlang der Entwertungen, die kulturelle Traditionen erfahren. Staatliche und religiöse Autoritäten werden brüchig und unter Legitimationsdruck gesetzt, da die Aufklärung die Urteilskraft des einzelnen Individuums zum Gerichtshof alles gesellschaftlich Seienden machte. Wiederum gegen die Naivität der Aufklärer bezüglich der kapitalistischen Krisen, jedoch in Wertschätzung der modernen Kultur, hier den Aufklärern also recht nahe, bildet sich ein linkes, sozialistisches Denken aus. Es will das Emanzipationsdenken der Aufklärung gegen den Kapitalismus in Stellung bringen. Insofern haben Konservative und Linke mehr gemein, als sie wechselseitig zugeben. Sie üben Kritik an einer allzu naiven Haltung zur Modernisierung. Nur wo die Konservativen in kulturellen Traditionen jene Ressource sehen, mit denen eine moderne Gesellschaft stabilisiert werden könnte, sieht die Linke das in einer weitergehenden Emanzipation, die nicht nur das politische System, sondern auch ökonomische Prozesse und bürokratische Macht einer Steuerung unterziehen will.

Eine eher religionssoziologische Sichtweise, die durch Max Weber geprägt wurde, sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Reformation als einem Schlüsselereignis der frühen Neuzeit und der Hervorbringung des sozialen Typus des modernen Kapitalisten. Die calvinistische Prädispositionslehre, die im deutschen Protestantismus vor allem durch Melanchthon fortgeführt wurde, beförderte zunächst eine bestimmte Art der Lebensführung. Nicht Ausschweifungen und Luxus sollten angestrebte Ziele sein, sondern Werke, also die Orientierung auf Arbeit und kapitalistische Verwertung des Reichtums. Was also befördert wurde, war die Disziplinierung des Menschen. Wenn man diese Sicht einnimmt, wird deutlich, dass eine bestimmte Form der Pflege kultureller Tradition, nämlich die protestantische Auslegung des Christentums, ökonomische Modernisierung eher unterstützte. Hinzu kam eine durch Luther gepredigte Staatstreue, wenn es denn der richtige Staat ist. Beispielsweise war die Republikfeindlichkeit während der Weimarer Republik in protestantischen Kreisen deutlich höher als in katholischen, da der Protestantismus nicht mehr die herrschende Konfession war. Deutlich wird jedenfalls, wie die Beschwörung der Autorität des Heiligen, die Predigt des Untertanengeists und die kapitalistische Modernisierung ineinandergreifen. Es ist von hier aus gesehen dann doch nicht so überraschend, dass Deutschland während der Eurokrise gegenüber dem Süden der EU den Zuchtmeister im Interesse des Neoliberalismus gab. Der Konservative Wolfgang Schäuble konnte diese Rolle gut ausfüllen.

Burke war gegen Sklaverei

Was jedenfalls nicht behauptet werden kann, nicht nach diesen beiden Zugängen, ist, dass Konservative fortschrittsfeindlich seien. Sie haben ökonomischen Fortschritt ausgelöst bzw. stehen diesem nicht prinzipiell im Weg. Und viele Konservative werden mir zustimmen: Angela Merkel ist für eine Konservative ziemlich fortschrittlich. Auch Autoren wie Edmund Burke oder Alexis de Tocqueville, oftmals den Konservativen zugeschlagen, waren doch eher Denker des Fortschritts. Burke kämpfte leidenschaftlich gegen die Sklaverei und Tocqueville hielt den Sieg von Freiheit und Gleichheit für unausweichlich. Dennoch wird konservatives Denken oftmals mit der altehrwürdigen Reaktion identifiziert. Aus begrifflichen Gründen ist das falsch, aus historisch-empirischen Gründen jedoch lässt sich zeigen, wie man auf diese These kommen kann.

Die Reaktion zeichnet sich dadurch aus, bereits erreichte Emanzipationsfortschritte zur Gänze oder wenigstens teilweise zurückzunehmen. So ist die Rechtsgleichheit ein wichtiger Emanzipationsschritt auf dem Weg zur Rechtsstaatlichkeit gewesen. Der moderne Antisemitismus gewann an Einfluss, als die Emanzipationsbestrebungen der Jüdinnen und Juden zunehmend erfolgreich waren. Das Reaktionäre bestand also nicht einfach nur darin, eine bestimmte Menschengruppe weiterhin unterdrücken zu wollen (was schlimm genug ist), sondern auch darin, das Gut der Rechtsgleichheit zu beschädigen, in der Konsequenz: es abzuschaffen. Was konservativ aussieht und als Fortsetzung eines kulturell überlieferten und eingeübten Antijudaismus erscheint, als eine (schlechte) Tradition also, bekommt eine neue Qualität als Angriff auf erzielte Fortschritte, womit sein reaktionärer Charakter zum Ausdruck kommt. Das meine ich, wenn ich auf Nichtidentität von konservativem und reaktionärem Denken hinweise.

Dass das empirisch anders aussehen kann, ist allerdings auch richtig. Zum einen, weil Reaktionäre sich gern tradierter Muster bedienen, um ihre Anliegen zu legitimieren. Aber es liegt auch daran, dass es Konversionen gab und gibt. Was ich oben schon andeutete: Die Weimarer Republik war für jene ein Problem, die Privilegien verloren. Es gab keine Staatskirche mehr, der protestantische Klerus, eben noch staatstreu bis zur Unterwürfigkeit, wurde republikfeindlich. Er unterstützte antirepublikanische Bestrebungen bis hin zum Faschismus. Und eine wichtige präfaschistische Strömung des geistigen Lebens jener Zeit propagierte ihr reaktionäres Programm unter dem Titel einer „konservativen Revolution“. Es gibt eben Anschauungsmaterial, wo Reaktionäre den Konservativen zum Verwechseln ähnlich sehen. Heute nutzen, teilweise in bewusster Anlehnung an diese Zeit, rechte Ideologen ebenfalls das konservative Gewand.

Ich muss zum Schluss und damit auch zum Punkt kommen. Konservative und Reaktionäre unterscheiden sich. Es wäre gut, würden Konservative den Mut finden, den Trennungsstrich zwischen ihnen und der Reaktion nicht nur verbal, sondern klarer und deutlicher zu ziehen. Das wäre ein Fortschritt für die Demokratie, auf die wir alle angewiesen sind.

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06:00 17.10.2019

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