Fortschritt von unten

Türkei In Gaziantep befindet sich das Hauptquartier von Tamkeen. Das Projekt fördert Keimzellen der Demokratie im Bürgerkriegsland Syrien
Daniel Boffey | Ausgabe 22/2016 1

Rami al-Khatib wendet seinen Blick ab, lehnt sich zurück und zieht an seiner amerikanischen Zigarette. Auf seinem Gesicht liegt ein schiefes Lächeln, das nur allzu deutlich werden lässt, wie frustriert er ist. Blickt er trotz des Exils in Gaziantep optimistisch in die Zukunft? „Es gibt zwei Fragen, die man einem Syrer niemals stellen sollte“, erwidert Rami. „Das ist eine davon.“ Und die andere? „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“

Die Reaktion des 29-Jährigen, der an der Universität von Damaskus Jura studiert hat, ist verständlich. Al-Khatib wurde im mittlerweile berühmt-berüchtigten Palmyra geboren, wo der Islamische Staat (IS) hunderte Bewohner massakriert hat, bevor die Assad-Armee die Stadt im März zurückerobern konnte. In Homs war Rami dabei, als ein Teil der Bewohner Mitte 2014 evakuiert wurde. „Ich musste mitansehen, wie Scharfschützen durch die Trümmer fliehende Frauen ins Visier nahmen.“

Weil ein Soldat an einem Checkpoint der Regierungsarmee seine Mutter als frühere Lehrerin erkannte, gelang es Ramis Eltern, dem IS zu entkommen. Ein islamistischer Kämpfer in Homs hatte seiner 15-jährigen Schwester gedroht, sie auszupeitschen, wenn er sie das nächste Mal sehe. „Obwohl sie ihren gesamten Körper bedeckt hielt, wies er sie zurecht, sich sittsam zu kleiden. Es interessierte ihn nicht, dass sie nie zuvor einen Hidschab getragen hatte.“

Als er von einem „freundlichen Scharfschützen“ der Assad-Armee in Homs erzählt, der seine Ziele mit Absicht verfehlte, weil er niemanden töten wollte, hellt sich Ramis Gesicht für einen Moment auf. „Der Typ war in Ordnung, auch wenn ich ihn nie zu Gesicht bekam.“

Es kann einem wie Rami al-Khatib nicht leicht fallen, von Hoffnung oder Zukunft zu sprechen, wenn in einem mörderischen Konflikt so viele Freunde für immer verloren gingen. In nunmehr fünf Jahren Bürgerkrieg sind dem Syrian Center for Policy Research zufolge über 470.000 Menschen umgekommen. Jeder zehnte Syrer wurde seit Ausbruch des Konfliktes im März 2011 getötet oder verletzt.

Um dem Einhalt zu gebieten, liegt in Gaziantep die Zentrale des Tamkeen-Projekts, mit dem noch während des Krieges embryonale demokratische Strukturen in syrischen Kommunen unterstützt werden. „Wir haben zum Beispiel Partner aus Rif Dimaschq, die nicht aus ihrem Ort herauskommen und die von draußen niemand erreichen kann. Wie in diesem Fall haben wir die meisten Leute, mit denen wir Kontakt halten, noch nie getroffen. Wir kommunizieren nur über Skype“, erzählt Programmleiterin Lejla Catic. 2013 ins Leben gerufen, unterscheidet sich Tamkeen von anderen Projekten, die – von externen Gebern finanziert – nach Syrien hineinwirken. Es handelt sich um ein Programm, das Hilfe beim Betrieb von Schulen, Hospitälern und anderer lokaler Infrastruktur wie der Müllentsorgung und Wasseraufbereitung mit der Mission verbindet, in Kampfgebieten Grundlagen für legitime Verwaltungen zu schaffen. Kurz gesagt, von unten her demokratische Umgangsformen zu etablieren. Und das, während die Bomben fallen.

Helfen, den Motor zu bauen

Tamkeen-Mitarbeiter, die sich nach Syrien wagen, setzen vorzugsweise in ländlichen Gebieten Komitees von in der Gegend oder in einem Ort angesehenen Honoratioren ein, die in der Regel für 30.000 bis 100.000 Menschen zuständig sind. In von Assad-Gegnern wie -Anhängern gehaltenen Regionen sind oft nur noch rudimentäre Verwaltungen vorhanden, die sich an eine Infrastruktur des Minimums klammern. Mindestens einer dieser letzten Mohikaner soll zum örtlichen Tamkeen-Komitee gehören, das sich auch Frauen öffnet. Wo das wegen der oft zutiefst konservativen Kultur in den von der sunnitischen Opposition gehaltenen Gebieten als nicht opportun gilt (es gibt in Syrien Milieus, in denen Frauen ihr Haus nicht allein verlassen dürfen), soll es wenigstens ein weibliches Subkomitee geben.

Jedem Tamkeen-Komitee wird von der Zentrale in Gaziantep eine Auswahl an Projekten angeboten. Eine Finanzierung etwa durch das britische Department for International Development (DfID) oder EU-Gremien erfolgt nur dann, wenn nachgewiesen ist, dass den Prinzipien der Transparenz und Eigenverantwortung genügt wird. Das heißt, Mitglieder eines örtlichen Komitees müssen mit den Menschen sprechen, die sie vertreten. Sie sollen durch Umfragen via Facebook und durch das Gespräch nach dem Freitagsgebet soziale Bedürfnisse kennen. Dem Subkomitee der Frauen muss es zudem erlaubt sein, eigene Entscheidungen zu treffen. Ist ein Projekt auf den Weg gebracht, müssen die Gemeinden durch die Datenbrücke nach Gaziantep die Zentrale darüber auf dem Laufenden halten, was gerade geschieht.

Befürworter dieser Praxis sind überzeugt, Tamkeen sei all das, was Entwicklungshilfe in Afghanistan, in Pakistan oder im Irak bisher nicht war. Es werde nicht einflussreichen Playern Geld in der Erwartung zugespielt, dass ihre Reputation als Warlords und ihr Einfluss auf eine mächtige Zentralregierung dieses oder jenes Projekt ermögliche. Zane Kanderian, einer der geistigen Paten des Tamkeen-Prinzips, ist der Auffassung, die humanitäre Hilfe für Afghanistan habe Milliarden Dollar gekostet und wenig mehr eingebracht als Neid, Zwietracht und Blutvergießen. Das jetzige Verfahren schaffe Nachfrage nach Good Governance. „Diejenigen, die in Afghanistan und im Irak Demokratieförderung betrieben haben, verkauften den Wagen ohne Motor. In Syrien helfen wir den Leuten dabei, den Motor zu bauen, in der Hoffnung, dass es ihnen danach gelingt, den Wagen drumherum zu konstruieren.“ Nichts davon sei einfach. Alles spiele sich in Syrien ab, in einem feuerspeienden Kriegsgebiet.

Aus den Fenstern der Büros von Tamkeen betrachtet ist die Landschaft von Gaziantep ausgesprochen einladend. Wohnblöcke, so weit das Auge reicht, in den silberfarbenen Wasserrohren auf den Dächern verfängt sich die Sonne; ein gleichmäßiger Horizont wird nur von den Minaretten der vielen Moscheen dieser Stadt unterbrochen. An einer Wand des Tamkeen-Büros hängt an prominenter Stelle das Bild des syrischen AktivistenNadschi al-Dscherf. Er lächelt, wirkt selbstbewusst, ist jung. Die Fotografie erinnert daran, dass Gaziantep da unten auf der Straße ein sehr hässlicher Ort sein kann.

Al-Dscherf, der mit Mitarbeitern des Tamkeen-Büros befreundet war, wurde im Dezember am helllichten Tag erschossen, als er im Stadtzentrum eine belebte Straße entlangging. Am nächsten Tag sollte er zu seiner Familie nach Frankreich fliegen, wo ihm Asyl gewährt worden war. Er hatte zwei Dokumentarfilme gegen den IS gedreht. Und der wollte ihn tot sehen. Vor einem Monat ereilte Mohammed Sahir al-Scherkat, den Moderator der TV-Sendung Halab Today, ein ähnliches Schicksal. Auch er wurde ganz in der Nähe der Stelle erschossen, an der al-Dscherf sterben musste. Es traf einen Gegner des IS, der die Gotteskrieger als Unheil für die Muslime verurteilt hatte.

Weißer Elefant

Vor dem Syrien-Krieg war Gaziantep, wenn überhaupt, dann für seine Baklava bekannt, einen süßen Blätterteig mit gehackten Walnüssen und Pistazien. Heute ist die Stadt, die weniger als eine Autostunde von der Grenze zu Syrien entfernt liegt, ein modernes Casablanca – ein Ort für Spione, Flüchtlinge, Fluchthelfer, Geheimdienste, ausländische Helfer und Schläferzellen des IS. Von Gaziantep aus wurden die britischen Teenager Shamima Begum, Kadiza Sultana und Amira Abase aus East London über die Grenze gelotst, um sich den Dschihadisten anzuschließen. Hier fand die türkische Polizei im Dezember in einer Wohnung 29 Sprengstoffgürtel, mehr als 150 Kilogramm C4-Sprengstoff, dazu Granaten und ein Depot mit Kalaschnikows. Und dies ist nicht zuletzt die Stadt, in der Ibrahim El Bakraoui, einer der beiden Brüder, die für den Mord an 32 Menschen am 22. März in Brüssel verantwortlich gemacht werden, von der türkischen Polizei wegen des Verdachts verhaftet worden war, ein Militanter des IS zu sein. Dann aber wurde El Bakraoui auf sein Ersuchen hin in die Niederlande abgeschoben, da die belgische Polizei mitteilte, nach ihren Erkenntnissen habe der Festgenommene keine Verbindungen zum Terrorismus.

Gaziantep hinterlässt alles andere als einen hinterwäldlerischen Eindruck. Es gibt Starbucks-Filialen, ein Novotel und zwei Einkaufspassagen voller Stores bekannter westlicher Marken. Doch sollte man sich vom Anschein vermeintlicher Normalität nicht täuschen lassen. Die Mitarbeiter von Tamkeen sind angewiesen, ganze Bezirke von Gaziantep nicht zu betreten, besonders gehobene Restaurants oder Bistros zu meiden, in denen Alkohol ausgeschenkt wird. Treffen in dem eleganten vierstöckigen Gebäude, in dem eine syrische Exilregierung ihren Sitz hat – ein weißer Elefant, der von den westlichen Geldgebern mehr und mehr sich selbst überlassen bleibt, weil er korrupt und träge ist –, werden wegen des Risikos eines Anschlags gleichfalls ausgeschlossen.

Vielleicht ist es das permanente Dröhnen des Verkehrs, der zusammen mit der starken Sonneneinstrahlung manchen Orten dieser Stadt etwas Hypnotisches verleiht. Man hat das Gefühl, als könnten Menschen jederzeit einfach von einer der Hauptstraßen verschwinden, ohne dass es die übrigen Passanten aus ihrer Trance reißen würde. In den ausgedehnten Wohnanlagen an der Peripherie sollen das Schlepperwesen und der Handel mit Sexsklavinnen florieren. Es wird vermutet, Frauen und Töchter sunnitischer Männer und Väter, die vom IS getötet wurden, werden hier verkauft, um die Kassen des IS-Kalifats in Syrien zu füllen. Einst Transitstation auf der Seidenstraße, über die im Mittelalter Waren aus dem Orient nach Europa gelangten, ist Gaziantep heute zur Wegmarke auf dem Highway der Dschihadisten geworden, mit allem, was das an Gefahren heraufbeschwört.

„Wir meiden öffentliche Plätze und können über unsere Mobiltelefone jederzeit alarmiert werden, wenn wir bedroht sind“, sagt Marwa Bouka, eine Syrerin, die für eine lokale NGO arbeitet. „Ich wache jeden Tag mit großen Sorgen auf, weil ich mir vorstelle, was hier alles passieren kann“, sagt Rami al-Khatib. „Meine Frau ist eine australische Journalistin, die jetzt in Sydney lebt. Als al-Dscherf ermordet wurde, hat sie Ganziatep verlassen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlte. Ich konnte sie nicht aufhalten. Wie hätte ich das tun sollen?“ Al-Khatib findet, seine Kollegen vom Tamkeen-Stab sollten vorsichtiger sein. „Auch wenn ich verstehen kann, was es für sie bedeutet, wenn Syrer aus den Orten zu Besuch kommen, die von Gaziantep aus betreut werden. Wenn sie ihre Geschichten erzählen, relativiert das vieles.“

Daniel Boffey ist einer der Nahost-Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 29.06.2016

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