Ekkehard Knörer
Ausgabe 0916 | 16.03.2016 | 06:00

Fortsetzung folgt

Was läuft Ekkehard Knörer über zweite Staffeln, „Les Revenants“, „The Returned“ und „Colony“. Spoiler-Anteil: 17%

Fortsetzung folgt

Auferstanden von den Toten: „Les Revenants“

Foto: Presse

Natürlich ist das Fortsetzen immer das zentrale Problem beim Serienmachen. Man macht da weiter, wo man aufgehört hat, klar. Aber wie? Etwa angesichts des Luxusproblems, vor dem Fabrice Gobert plötzlich stand. Mit Les Revenants hatte er für den französischen Bezahlsender Canal Plus unversehens die erste Staffel einer der besten Serien der vergangenen zehn Jahre gedreht, ausgezeichnet hier, da, überall, sogar bei den Emmys.

Subtil an allen möglichen Motiven des Mystery-Genres entlang ist darin eine Welt entworfen voller unheimlicher, tief verwundeter, bösartiger und ambivalenter Figuren. Im Zentrum ein Rätsel: Ohne Erklärung kehren Menschen, die teils sehr lange schon tot sind, ins Leben zurück. Was sich zunächst als Glück für die Hinterbliebenen darstellt, erweist sich bald als äußerst verstörend.

Am Ende der ersten Staffel schien es, als müssten die Welten der Lebenden und der Toten, um deren Vermischung es zuvor ging, sich nun wieder trennen. Eine der Lebenden war schwanger mit dem Kind eines der Toten, den sie geliebt hatte, als er lebte, den sie nun wieder liebt, da er als revenant zurückgekehrt ist. Wie setzt man das fort? Die Pause zwischen der ersten und der zweiten Staffel war ungewöhnlich lang, fast drei Jahre.

Gobert hatte die ersten Folgen gemeinsam mit dem großartigen Romanautor Emmanuel Carrère geschrieben. Der stieg jedoch aus, weil ihm die Redakteure von Canal Plus zu viel mitreden wollten. (Nachlesen kann man das am Anfang seines gerade in deutscher Übersetzung erschienenen jüngsten Romans Das Reich Gottes.)

Gobert, der vor der Serie schon als Kinoregisseur Erfolg hatte, interpretiert die Showrunner-Rolle in einem stark auteuristischen Sinn. Bei allen acht Folgen beider Staffeln agiert er als Regisseur und als Autor, wenngleich nie allein. Für die zweite Staffel hat er sich neue, junge Kollaborateure gesucht. Für die Regie den bislang vor allem als Regieassistent tätigen Frédéric Goupil. Die wichtigste Drehbuch-koautorin ist Audrey Fouché, die nach ihrem Abschluss an der renommiertesten Filmhochschule Frankreichs erste Erfahrungen als Drehbuchautorin bei der ziemlich mittelprächtigen Europudding-Serie Borgia gesammelt hat; da war sie in den späteren Staffeln zur wichtigen Figur im Team des US-amerikanischen Profis Tom Fontana (Homicide, Oz) geworden.

Ein halbes Jahr ist in der Serienwelt seit dem Ende der ersten Staffel vergangen. Viele haben das Dorf in den Bergen nach dem Bruch des Staudamms verlassen. So spielt das Geschehen nun in einer Wiedergänger- und Zurückgebliebenen-Welt. Die Sphären vermischen sich, einerseits, die Familienbande zwischen Lebenden und Untoten sind enger denn jemals geknüpft. Andererseits drängt eine Schar schweigender, zombiehafter Wiedergänger ins Bild, bedrohlich, kaum individuiert, es ist, als verlangten sie die unter die Lebenden gegangenen Toten in ihren eigenen, näher an der Grenze zum Reich des Todes gelegenen Zirkel zurück.

Das Geschehen diffundiert so noch stärker als in der an Protagonisten nicht armen ersten Staffel. Die Schicksale aller Figuren scheinen stärker aneinander und zugleich an die Vergangenheit geknüpft, in der, wie viele Rückblenden suggerieren, die Lösung des Rätsels zu finden ist. Ich will nichts weiter verraten, ein Verdacht aus der ersten Staffel jedoch wird bestätigt: Der unheimliche kleine Junge Victor ist eine für das Mysterium zentrale Figur. Und am Ende der zweiten Staffel stellt sich stärker noch als am Ende der ersten die Frage, wie das nach der scheinbaren Klärung der Verhältnisse nun noch einmal fortgesetzt werden soll.

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Das Problem hatte The Returned, das US-Remake der Serie, eher nicht. Carlton Cuse, einer der beiden Köpfe von Lost, versuchte zwar seine Mystery-Credentials als Showrunner zu nutzen. Leider wurde daraus nur ein fader Aufguss des französischen Originals, dem der Sender nach der ersten Staffel den Garaus gemacht hat. Was aber den Blick darauf lenkt, dass Serienschaffende noch ein anderes Fortsetzungsproblem haben: Man schöpft nicht serienweise faszinierende neue Welten.

Besser sieht es mit dem neuesten Versuch von Cuse aus, der stärker in Richtung Science-Fiction gerückten, ihre eigenen Rätsel in den bislang acht Folgen geschickt verwaltenden Totalitarismus-und-Resistance-Serie Colony. Sie ist bereits in eine zweite Staffel verlängert. Dazu dann, Fortsetzung folgt, irgendwann mehr.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/16.