Alternative zu russischem Gas? Frackinggas aus den USA ist teuer, umweltschädlich, tödlich

LNG Die Bundesregierung will unsere Energieimporte neu aufstellen, ohne Gas aus Russland. Aber ist Flüssiggas aus den USA wirklich eine sinnvolle Alternative?
Dass Fracking die Umwelt schädigt, Grundwasser, Böden und Luft vergiftet, ist lange bekannt
Dass Fracking die Umwelt schädigt, Grundwasser, Böden und Luft vergiftet, ist lange bekannt

Foto: Kristoffer Finn/laif

Die Bundesregierung will mittelfristig Gasimporte aus Russland stoppen, Also braucht sie Alternativen. Gas aus anderen Ländern, anderen Pipelines, anderen Quellen. Und Flüssiggas: Liquified Natural Gas, LNG. Weil Deutschland seine Abhängigkeit von russischem Gas verringern will, soll nun vermehrt LNG aus den USA importiert werden. Dieses wird größtenteils mithilfe von Fracking produziert: Dabei werden unter hohem hydraulischem Druck mithilfe von Sand, Wasser und Chemikalien Gesteinsschichten in großer Tiefe aufgesprengt. So können Gas und Öl entweichen und eingesammelt werden.

Doch eine Studie aus den USA zeigt: Menschen, die in der Nähe von US-Fracking-Standorten leben, sterben früher als Menschen, die nicht in einer solchen Nachbarschaft wohnen. Die aufwendige Studie wurde von zehn ForscherInnen an der Harvard School of Public Health erstellt und im Januar 2022 veröffentlicht. Untersucht wurden die Gesundheitsdaten von 15 Millionen US-Amerikanern, die älter als 65 Jahre sind, vom staatlichen Medicare-Programm gesundheitlich versorgt werden und in der Nähe von Fracking-Standorten leben.

Erhoben wurden die Gesundheitsdaten an mehr als 100.000 Fracking-Standorten für die Jahre von 2001 bis 2015. Hier wurden mehr als zwei Millionen Bohrstellen betrieben. Dass diese die Umwelt schädigen, Grundwasser, Böden und Luft vergiften, ist lange bekannt. Tausende Bürgerinitiativen haben seit 20 Jahren protestiert. Bekannt sind Schädigungen bei Schwangerschaften, im Atmungssystem, an Herzmuskeln und erhöhtes Krebsrisiko. Das liegt nicht nur an der Vergiftung der Atmosphäre, von Wasser und Böden, sondern auch am intensiven Lkw-Verkehr mit Diesel-Abgasen. Methangas, schädlicher als CO₂, entweicht unkontrolliert. Nach durchschnittlich drei Jahren werden die Standorte verlassen.

Die tödlichen sowie die Umwelt-Gefahren sind allerdings größer als in der Harvard-Studie erfasst. Seit 2014 hat die US-Regierung das Fracking weiter beschleunigt, gegen den führenden Gaslieferanten Russland: „Wir müssen den Einfluss Putins auf Europa und die Ukraine beenden!“ Die USA nutzen das Gas nicht nur selbst, sondern liefern es als LNG an 33 Staaten.

Führender Fracker: Blackrock

Die Studie hat Menschen unter 65 Jahren nicht erfasst. Auch da gibt es „vulnerable Gruppen“, etwa Babys oder auch – wie beim Coronavirus – Menschen mit chronischen Erkrankungen. Eine andere wichtige Gruppe wurde ebenfalls nicht untersucht: die Beschäftigten, die an den Bohrstellen den Gefahren noch direkter ausgesetzt sind als die Anwohner.

Fracking erfordert zudem viel mehr Energie als traditionelle Öl- und Gasförderung. Das gilt für die Produktion und betrifft dann auch die ganze Lieferkette: das Verflüssigen und das Kühlen während der überseeischen Transporte auf minus 162 Grad Celsius, danach der Energieaufwand für die Rückvergasung. Dies stellt eine neue und zudem teure Fossil-Wirtschaft dar.

Der größte Vermögensverwalter der westlichen Welt, Blackrock, hat mit seinem Chef Larry Fink einen bekannten Mahner für nachhaltiges und umweltfreundliches Wirtschaften. Aber Blackrock ist gleichzeitig mit drei hochrangigen Managern in der US-Regierung von Präsident Joe Biden vertreten, wie schon vorher bei Präsident Barack Obama. So ist der ehemalige Chef der Blackrock-Abteilung für nachhaltiges Investieren jetzt Chefökonom der Regierung. Sie forciert das Fracking.

Blackrock gehört zu den führenden Aktionären der US-Fracking-Industrie, etwa in den Unternehmen EOG Resources, Devon Energy, Tellurian, Cheniere und bei den größten Fracking-Ausrüstern Halliburton, Schlumberger und Baker Hughes. Für die steigenden Gewinne des Umwelt-Champions Blackrock sterben BürgerInnen in den USA selbst.

Sechs Wochen nach der Veröffentlichung der Harvard-Studie vereinbarten der deutsche Umweltminister Robert Habeck (Grüne) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit US-Präsident Biden die Lieferung von noch mehr US-Frackinggas. Die Suche nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen – und zur Atomenergie – ist also dringlicher denn je.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erhielt in seiner redaktionellen Bearbeitung einen Vorspann, von dem der Autor, Werner Rügemer, sich inhaltlich distanziert hat, weil er in seinen Augen nicht der Intention des Artikels entsprach. Wir haben den Vorspann daraufhin geändert.

Werner Rügemer, interventionistischer Philosoph und Autor, veröffentlichte 2021 sein jüngstes Buch: BlackRock & Co. enteignen! Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht

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