Fragmente einer Bergbesteigung

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Die Vorbereitung

Das schwarze Gummi der Schuhsohlen mit den Handflächen warmreiben, damit das Gummi besser auf den Steinen haftet.

Es ist wie Zeichen setzen. Es ist wie Mut antrinken.

Besteigung vom Stein aus

Schattenwurf verkleinert sich, gleitet, probiert aus. Schatten verkantet sich torosionsfest, stösst Blöcke aus dem Geröll heraus an sensiblen Stellen, überspringt sie federnd. Den Eintausendsten triffts. Den nächstmöglichen nächsten. Irgendeinen. Verkeilt sich im Muster der Sohle, die was hat von Pirelli Reifen.

Besteigung vom Regen aus

Dicke und dünne Fäden und alles mögliche und alle Luftschichten durchqueren und die Erde grau oder blau. Sich dem Grau nähern. Und den Stein bespritzen.

Besteigung vom Felsdurchgang aus

Dass der Leib sich zwängt und den Eingang ausfüllt.

Dass wenig Licht eindringt und der Leib ohne Stirnlampe kriecht.

Dass das Licht hinten zerstreut und kaum was da lässt für den Leib.

Dass es ins Haar hineinschwitzt.

Dass Zittern in den Körper hineinkriecht

und die Oberschenkel hoch runter, wie das eingespannte Füßchen der Nähmaschine,

und die Ellbogen sich in Zwischenräumen verkeilen.

Dass Füße rechtwinklig gegen die eine Wand drücken, der Rücken von der anderen Wand her gegendrückt,

damit Füßchen sich entspannen, und den Oberkörper oben aus dem Kamin schieben.

Zu sehen: Das Kreuz

Keine Kuhpunkte und kein Scheunenpunkt. Zuoberst: Die Steinflamme. Ein letzter Aufschwung. Stand auf der Granitzunge. Das Kreuz, ein Bleistift, Gipfelheftli. Platz für zwei mit Aussicht. Zu sehen ein paar Spitzen und Grün und Himmel.

Zu sehen: Der Gletscher

Serax: Zusammenhängende Ketten von Körpern, kreuz quer. Vereiste Abbrüche. Zerklüftetes Knie.

Serax: Berge auf Berge auf Berge.

Serax: Grosse Täler dazwischen, und über diesen wieder Berge.

Zu sehen: Die Gemse

Gemse rennt über Grasbänder.

Gemse kniezittert.

Gemse ganzkörperzittert.

Gemse weichkniespringt zwischen rollenden Bröckelbrocken.

Variante a) Herunterfliegender Stummel trifft Gemshaupt.

Variante b) Äste turbulieren in rollenden Gemsbrocken hinein.

Brocken im Geröll aufschlagend.

Brocken schneebrettüberrollt stürzend.

Brocken aus der Lawine hervorlugend

und auch ein paar Stummel aus dem Kegel ragend.

Zu sehen: Die Wolken

Szenerie: Türme bauschen sich auf. Über der Wolkenentwicklung der Wolkenschirm. Hellgraue Streifen unter dunkleren zerfetzten Kragen.

Windstille. Walzen laufen an.

Platzartig einsetzender Regen. Motive. Die Wolken hängen tief. Das Sonnenlicht kommt fast überhaupt nicht mehr durch. Ganz dunkle Szenerien entstehen. Schnell dahinziehende Fetzen.

Blauschwarz.

Im Schatten des Gewittergewölks. Der Himmle sprüht, spritzt, gischtet. Donner rollt

und Wassermassen über Berg und Tal.

Im Kopf: Die Bergphantasie

Wanda und der Komponist beschleichen sich im Loch im Geröll. Kommunizieren intim dieses und jenes im Loch. Der Witz am Loch ist, dass sie nicht frieren. Hinter den Steinen. Von hinten.

Wanda ist vorne. Heute zuerst Wanda. Luststeigerungssonne. Wanda findet ihn heute ziemlich schön. Besteigung. Animalisches Getue. Grinsen. Heute ist Wanda Solo. Wanda ist animalisch nackt und sperrt animalisch die Beine auseinander. Wanda hat sich 1. August Sprengsätze aufgehoben und schiebt sie in sich hinein. Solo furioso zwischen animalisch harten Beinen. Der Komponist ruht zwischen Hügelchen in weicher Fleischwärme. Er fährt Wanda mit dem Geigenbogen über die Brustspitzen. Spitzen werden Wonnezitzen. Er ruht jetzt zwischen steil abfallenden Bergen und bandelt an ihren gewellten Härchen. Und natürlich überkommt ihn die Lust nach einem noch furioseren Solo furioso.

Ist das nicht eigentlich sein Part?

Wanda hat sich ganz schön viel vorgenommen. Im Parkett zwischen den Steinen, abgeschirmt von Wind, glüht Wanda im Reiben. Das innere Feuerchen wird zur Fackel. Es geht zu schnell. Sie ist jetzt völlig offen. Wanda verliert den Partiturfaden.

Der Komponist winkt ab. Der Komponist steigt ab. Der Komponist zieht sich rechtzeitig zurück, bevor Fackelwanda explodiert und das Göttliche segnet. Der Komponist sammelt die verstreuten Teile und legt sie mit einem Stöhnen ins gemeinsame Liebesloch. Es entsteht eine Pause über zwölf vier viertel Takte.

Er ist total erstaunt wie sich die Stille anfühlt,

wenn Frauen die Solostimmen gehabt haben,

wenn Frauen sich hinten und vorne verbeugt haben.

Marianne Freidig, geb. an der Lenk, Schweiz. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Bern und Paris. Autorin von Prosa, Theater- und Hörstücken, u.a.: Jerusalem Blues und Hirn so voll.


00:00 27.08.2004

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