Frankfurts Philosophicum

Häuserkampf IV Eine Initiative hat lange vergebens gekämpft, damit aus dem legendären Seminargebäude sozialer Wohnraum wird
Ausgabe 42/2014

Es war nur ein kurzer Frühling der Anarchie: Von April bis Juni dieses Jahres schienen die eisernen Frankfurter Gesetze außer Kraft gesetzt. Entgegen dem notorischen Hang, jedes außer Mode und Nutzung gekommene Gebäude plattzumachen und durch neue Bürokomplexe oder Luxuswohnimmobilien zu ersetzen, schien es besiegelt, dass das Philosophicum nicht abgerissen, in ein preisgünstiges Wohnhaus umgewandelt und von einer sozialen Bürgerinitiative bewohnt werden würde. In dem Geschacher um das Seminargebäude aus dem Jahr 1960 verdichtete sich der Konflikt um die Nutzung des einstigen Campus im Stadtteil Bockenheim, der Anfang des Jahrtausends von der Universität aufgegeben worden war. Wird das Areal in bester Lage maximal in Wert gesetzt oder soll der überhitzte lokale Wohnungsmarkt doch eher durch sozialverträgliche Konzepte entlastet werden?

Die Stadt kündigte die Schaffung eines „Kultur-Campus“ an, was schön klingt, sich aber längst als hohle Phrase entpuppt hat. Auch dem architektur- und stadtgeschichtlich bedeutsamen Philosophicum, einst Heimstätte der Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer, drohte, Denkmalschutz hin oder her, die Abrissbirne. Bis sich eine breite Initiative aus dem Stadtteil etablierte, die auf den Erhalt des Gebäudes drängte und ein Konzept für ein soziales Wohnprojekt erarbeitete. In Kooperation mit dem Mietshäuser-Syndikat sollte es zum gemeinschaftlichen Zuhause von 150 Menschen aller Alters- und Einkommensgruppen werden.

Ende März geschah, was anderswo naheliegend, in Frankfurt am Main jedoch schlicht sensationell war: Die städtische Wohnungsbauholding ABG gab entgegen den Begehrlichkeiten privater Investoren der Initiative den Zuschlag. Drei Monate später sollte der Kaufvertrag unterschrieben werden. Noch verblüffender war die Freude, die allseits demonstriert wurde – von der schwarz-grünen Stadtregierung bis zum sozialdemokratischen Oberbürgermeister Peter Feldmann, der sich mit den Worten zitieren ließ: „Frankfurt steht zu seinem Wort: Gemeinschaftliches, selbstverwaltetes Wohnen wird ermöglicht.“ Beflügelt startete die Philosophicumsgruppe nun mit ihrer Direktkreditkampagne.

Knallharte Gesetze

Typisch für Frankfurt waren jedoch die Summen, um die es ging. Mehr als sechs Millionen Euro sollte allein der Kauf von Grundstück und Gebäude kosten. Und typisch war auch, dass die ABG und die Stadt die Initiative nicht wirklich unterstützen, sondern immer neue Stolperfallen einbauten. Von Forderungen nach zusätzlichen 1,8 Millionen Euro für Erschließungs- und Wohninfrastrukturkosten bis zum Beharren auf einer willkürlich festgesetzten Frist: Bis Ende Juni müsse eine Bürgschaft über die volle Kaufsumme vorliegen.

Letztlich taten die ABG und die Stadt so, als wäre ein kapitalkräftiger Profi-Developer am Start und nicht eine basisdemokratische Initiative mit weit mehr als 100 Köpfen, die in ehrenamtlicher Arbeit ein millionenschweres Projekt zu stemmen versuchte. Als sie die Bürgschaft zum Stichtag noch nicht vorlegen konnte, ließ die ABG den Deal schließlich platzen. Wer in drei Monaten nicht mal eben sechs Millionen Euro zusammentragen kann, hat in einer Bankenstadt wie Frankfurt offenbar doch nichts verloren. Auch die Amtsträger, die im April noch applaudierten, ließen das Projekt nun fallen. Für die Initiative war das ein Tiefschlag, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.

Anfang September vermeldete die ABG dann Vollzug: Das Philosophicum wird zu einem Studierendenwohnheim umgebaut. Das klingt zumindest halbwegs sozialverträglich. Doch den Zuschlag hat ein Investor erhalten, der ein privates Wohnheim mit Mietpreisen von weit über 20 Euro pro Quadratmeter plant. Mit keinem Luxuswohnhaus würden sich solch traumhafte Renditen erwirtschaften lassen. Damit sind die Frankfurter Gesetzmäßigkeiten wieder in Kraft. Ob sie jemals wirklich in Frage standen? Der Tag, an dem die Zeitungen vermeldet hatten, dass aus dem Philosophicum ein Wohnprojekt wird, war jedenfalls der 1. April.

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