Frankreich

A–Z Chansons mit brutal schleppender Sexiness, Bücher aus verblüffenden Perspektiven und Getränke, die locker mit Pastis mithalten: Die Redaktion verrät ihre Geheimtipps
Redaktion | Ausgabe 23/2016

A

Auslese Das schönste aller Mixtapes ist 2009 bei dem Pariser Label Kitsuné erschienen. Zusammengestellt von Frankreichs fotogenster Band: Phoenix. Die hätte wie ihr Musikerkollege Benjamin Biolay längst zum „Chevalier des Orde des Arts et des Lettres“ geschlagen werden müssen, für ihre Verdienste um den französischen Pop. Das steht aber noch aus, vermutlich weil die Band auf Englisch singt. Das gilt – ausgenommen Aos Barões von Lô Borges – auch für die 18 Songs auf Kitsuné Tabloid by Phoenix, trotzdem hat der Sampler eine sehr französische Eleganz (➝ Chanteusen). Dusty Springfield trifft mit I Think It’s Gonna Rain Today auf I Am the Cosmos von Chris Bell, Victory Garden von The Red Crayola auf I’ve Been Trying von den Impressions. Iggy Pop ist mit Master Charge dabei, und Lou Reeds Street Hassle beschließt das Meisterwerk. Das Cover (ein Löwe hinter einer Glastür) ist ebenfalls großartig. Christine Käppeler

B

Bordeaux In der Hauptstadt Paris war ich schon verhältnismäßig oft, was eigentlich erstaunlich ist. Denn eigentlich liegt mir London viel eher. Wahrscheinlich bin ich deshalb so begeistert von Bordeaux. Es ist die perfekte Mischung aus beiden. Die Stadt liegt an der Gironde, die in ihrem Wesen sehr viel mit der Themse und rein gar nichts mit der langweiligen Seine zu tun hat. Der spätere Großarchitekt Georges-Eugène Haussmann war als junger Mann von den Palais und Plätzen so beeindruckt, dass er später, als Baumeister Napoleons, Paris nach diesem Vorbild gestaltete. Ich kenne keinen französischen Ort, an dem es so entspannt zugeht wie dort. Bordeaux ist wie ein Brite, der zufällig einen französischen Designeranzug trägt. Vielleicht ist Frankreich an diesem Ort am wenigsten französisch. Und am meisten europäisch. Nur eines nervt ein wenig: die Weinbaugebiete rund um die Stadt mit ihrem Disneyland-Marketing und den unzähligen Touristenbussen. Aber zum Glück ist das Meer ja nicht weit (➝ Düne). Philip Grassmann

Frankreich-Spezial

Wir beschäftigen uns diesmal ausführlich mit Frankreich, dem Gastgeberland der Fußball-EM – aber dabei geht es eben nicht um die altbekannten Klischees der (vermeintlichen) Grande Nation. Mit Reportagen, Essays und Interviews wollen wir das „andere Frankeich“ zeigen. Ein Land zwischen Aufbruch und Aufruhr: Eine Sonderausgabe über unser Nachbarland

C

Chanteusen Französisch lernte ich in den 80ern an der Schule, mehr als „solide Grundkenntnisse“ ist leider nicht davon übrig. Es sind also nicht die Texte, die mich an Chansons so faszinieren. Nein, es sind der Sound und die Inszenierung, das Paket aus genäseltem Drama, verhangenem Blick und schwarzem Rollkragenpullover. Bei Frauen gefällt mir diese Masche besonders gut. Ich behaupte: Die Chanteuse ist eine selbstbewusste, erfahrene, unabhängige Person. Sinnlichkeit, Sorgen und Scharfsinn haben ihr Augenringe ins Gesicht gemalt – und sie trägt diese mit stolzer Eleganz.

Édith Piaf und Juliette Gréco kennen viele. Im Netz (➝ L. E. J.) kann man aber noch andere Damen aus dem Fach entdecken. Hörtipp Nummer eins: das Stück Göttingen (1964) von Barbara. Es handelt von der deutsch-französischen Aussöhnung. Barbara hieß eigentlich Monique Serf, sie war Jüdin, ihre Familie musste vor den Nazis fliehen. Tipp 2: Le Goudron („Der Teer“, 1969) von Brigitte Fontaine, deren Sprechgesang von brutal schleppender Sexiness ist. Tipp 3: nicht mehr Chanson, eher schon Pop: 7 heurs du matin (1967) von Jacqueline Taïeb, Tochter tunesischer Einwanderer. Ein flotter Trotzsong, der alle Morgenmuffelei sofort vertreibt. Katja Kullmann

D

Düne Franzosen verbringen ihren Urlaub ja gern im eigenen Land und verweisen darauf, dass es alles gebe, was man freizeittechnisch so brauche: Skifahren in den Alpen, Wandern in den Pyrenäen, Dauerbraten an der Côte d’Azur. Da geht aber noch mehr: Frankreich hat die größte Wanderdüne Europas. Die Dune du Pilat ist ein 2,7 Kilometer langer, teils 110 Meter hoher Sandberg am Atlantik, unweit von Bordeaux. Jeder, der in der Gegend Urlaub macht, besucht sie mal. Da steht man dann, klettert rauf, läuft herum, lässt sich runterrutschen, um wieder raufzusteigen – und beginnt sich irgendwann zu fragen, was das Ganze soll. Man muss das Sinnfreie schon zu schätzen wissen, um auf 60 Millionen Kubikmetern Sand Spaß zu haben. Aber was lehrt uns Camus? Erst wenn der Mensch die Absurdität seines Treibens erkennt, kann er wirklich glücklich werden. Jan Pfaff

G

Getränk Es war heiß in Saint-Paul-de-Vence, einem Dorf im Hinterland (➝ Saint-Gilles) von Cannes, und noch zu früh für Pastis. Auf den Tischen der Terrasse am Platz leuchtete ein fast giftgrünes Getränk in manchen Gläsern. „Und für dich auch einen Sirop à la menthe?“, fragte der schläfrige Kellner. Oui! Er trug den Minzsirup wie einen Schatz auf seinem Tablett. Kühl, nicht zu süß, magnifique! Ich saß auf der Bank unter der Platane und schaute alten Männern beim Boule zu – da, wo auch mal Yves Montand seine Kugeln warf. Maxi Leinkauf

J

Jullouville Nur 2.300 Einwohner zählt dieses normannische Örtchen am Ärmelkanal. Die Kirche trägt den großspurigen Namen „Notre-Dame“, die ➝ Dünen sind kilometerlang, und an der Strandpromenade thront ein Jahrhundertwende-Casino – in dem lange Zeit das Hôtel du Kasino untergebracht war. Dort roch es etwas muffig, als wir Kullmanns, Eltern und zwei Kinder, im Sommer 1981 für drei Wochen einzogen. Wir liebten es trotzdem! Der Ort schien so unbedeutend, dass sich dort auch eine „ganz normale“ Familie wie wir den diskreten Charme der Bourgeoisie leisten konnte. Ein Jahr später drehte Éric Rohmer den Film Pauline am Strand in Jullouville. Heute ist das Hotel zu Ferien-Eigentumswohnungen umgewandelt. „Merde!“, ruft die Pauline in mir. Katja Kullmann

L

L. E. J Das Akronym, das hiesige Vielflieger als IATA-Code für den Flughafen Halle-Leipzig kennen, steht in Frankreich für Lucie Lebrun, Élisa Paris und Juliette Saumagne. Die drei Freundinnen, alle 1993 geboren und zusammen im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis aufgewachsen, bilden seit 2013 nämlich das gleichnamige Vokalistinnen-Trio. Dass dieses links des Rheins mittlerweile äußerste Popularität genießt, ist vor allem Youtube zu verdanken.

Dort veröffentlichte das Trio vor einem Jahr ein Mash-up der Sommerhits 2014, darauf folgten etwa eine Coverversion des französischen Hip-Hop-Klassikers Seine-Saint-Denis Style und ein Mash-up der Sommerhits 2015. Letzteres wurde bereits über 52 Millionen Mal geklickt. Auch wenn L. E. J bis dato nur covert, ist die Mischung aus Gesang und Rap, begleitet von Juliette Saumagnes Cello, tatsächlich ziemlich großartig. Ein Album mit eigenen Songs des Trios, von dem sich etwa auch Pharell Williams und Nicki Minaj begeistert zeigen, soll geplant sein. Nils Markwardt

M

Modiano Patrick Modiano, Literaturnobelpreisträger 2014, zu lesen, heißt, sich im Irrgarten der Erinnerungen (➝ Jullouville) zu verlieren, aus dem es einen Roman lang kein Entrinnen gibt. Man lese „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ (2014), um zu erahnen, wie Modiano die Kunst der Verführung beherrscht. Auch das novellenhafte „Dora Bruder“ (1998) wäre zu nennen.

Modiano versucht hier, die Geschichte eines 15-jährigen jüdischen Mädchens dem Vergessen zu entreißen, das 1941 in Paris für Monate von der Bildfläche verschwindet, so dass die Eltern eine Vermisstenanzeige aufgeben, die Modiano Jahrzehnte später entdeckt. Er sucht daraufhin nach Spuren, die Dora Bruder hinterlassen haben könnte. Was er findet, ist wenig, aber genug, um mit eigenen verdämmernden Bildern von Boulevards, Bars und Hotels im Paris der 50er Jahre zu einem Cocktail rétro zu verschmelzen. Bis die verwirrenden Perspektiven der Gewissheit weichen, im Herbst 1942 hat Dora Bruder einen abfahrbereiten Zug nach Auschwitz bestiegen. Lutz Herden

P

Philosophie Wie kaum ein anderes Land hat Frankreich die europäische Nachkriegsphilosophie geprägt. Waren Existenzialismus, Strukturalismus und Poststrukturalismus vor allem Pariser Produkte, gehören die Schriften von Sartre, de Beauvoir, Lacan, Foucault, Kristeva, Barthes, Bourdieu und Derrida bis heute in jeden vernünftigen geisteswissenschaftlichen Bücherschrank. Diese illustre Schar an kanonischen Denkern hat jedoch auch dazu geführt, dass andere, keinesfalls weniger originelle Theoretiker (➝ Zucman) etwas in deren Schatten blieben.

Zumindest hierzulande gilt das etwa für Denkerinnen wie Hélène Cixous und die bereits 1994 verstorbene Sarah Kofman – obschon beide den Dekonstruktivismus maßgeblich mitprägten. Gleichwohl verfügt die französische Theorielandschaft auch heute noch über eine Reihe exzellenter Köpfe. Abgesehen von bekannten Großdenkern wie Alain Badiou, Jacques Rancière oder Jean-Luc Nancy wären das etwa Loïc Wacquant, ein Schüler Bourdieus, der 2009 „Bestrafen der Armen“ publizierte; Grégoire Chamayou, der letztes Jahr „Eine Theorie der Drohne“ vorlegte, oder Didier Eribon, einstiger Foucault-Biograf, der in seinem gerade auf Deutsch erschienenem Band Rückkehr nach Reims eine autobiografisch-soziologische Analyse der französischen Gegenwart liefert. Nils Markwardt

S

Saint-Gilles Die Landschaft der Camargue ist einmalig: Stiere, Flamingos und Pferde vor flachen Seen, den étangs, in der Ferne die weißen Salzberge von Salin-de-Giraud. Völlig reizlos dagegen Saintes-Maries-de-la-Mer, der Hauptort, der aus unerfindlichen Gründen von Touristen aus der Schweiz hochfrequentiert ist. Nun gehöre ich zu der Sorte (sich selbst suspekter) Menschen, die ihren Landsleuten in den Ferien lieber aus dem Weg geht. Und so entdeckte ich in den 1990er Jahren Saint-Gilles.

Eine verblüffend triste, ärmliche Kleinstadt am nordwestlichen Rand der Camargue mit einer großen Kirche, die wohl auch für mich der Grund war, den Ort zu besuchen, und einem Kanal, der wie alle Kanäle, die eine triste französische Kleinstadt säumen, die Stimmung eines Georges-Simenon-Romans (➝ Modiano) hervorruft. Später las ich, dass Saint-Gilles einen Bürgermeister des Front National bekam, es war der erste im Land, was jetzt natürlich auch nicht gerade für den Ort spricht. Ich weiß aber noch, dass ich an dem Kanal fantastisch schmeckende kleine Muscheln aß, auf deren Namen ich partout nicht komme. Michael Angele

Z

Zucman Frankreichs Starökonomen Thomas Piketty kennen inzwischen auch in Deutschland die meisten. Noch viel zu wenige aber haben von Pikettys 29-jährigem Zögling Gabriel Zucman Notiz genommen. Dabei hat der gebürtige Pariser, derzeit im kalifornischen Berkeley lehrend, das bisher beste und prägnanteste Buch (Philosophie) zum Thema Steueroasen geschrieben. Es ist der 2014 bei Suhrkamp erschienene Band Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Zucman belässt es bei etwas mehr als 100 Seiten, ist aber mindestens ebenso klar, unterhaltsam und deutlich wie sein einstiger Doktorvater Piketty. Dessen Werk Das Kapital im 21. Jahrhundert hat mehr als 800 Seiten. Sebastian Puschner

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06:00 22.06.2016

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