Franz von Assisi in Ötigheim

Bühne Das Spiel auf der riesigen Naturbühne beginnt vor 4.000 Zuschauern mit einer Ansprache. Der Redner, Erster Vorsitzender des Volksschauspielvereins, ...

Das Spiel auf der riesigen Naturbühne beginnt vor 4.000 Zuschauern mit einer Ansprache. Der Redner, Erster Vorsitzender des Volksschauspielvereins, ist zugleich (Theater)Pfarrer. Denn der Dorfpfarrer gründete 1906 die dem katholischen Glauben verpflichteten Volksschauspiele im 4.000-Seelen-Dorf Ötigheim unweit von Baden-Baden. Nicht einem Gelübde wie in Oberammergau verdankt sich das Theaterspiel, sondern dem Wunsch, die Bühne als "erweiterte Kanzel" zu nutzen. Die gesellschaftliche Entwicklung hat es mit sich gebracht, dass die Mitspieler weder katholisch sein noch direkt aus Ötigheim kommen müssen, und bei der Regie sowie in großen Rollen werden seit längerem auch (bezahlte) Profis eingesetzt. Das Festival spielt über 80 Prozent seines rund zwei Millionen umfassenden Etats selbst ein, doch noch immer herrscht Freiwilligkeit vor bei den über 600 Mitwirkenden. Auch in Ötigheim wird in mehrjährigen Abständen die Passion inszeniert, aber neben Stücken aus katholischem Geist pflegt man ein breites theatrales Spektrum. Schillers Wilhelm Tell, 1910 erstmals gespielt, wird oft inszeniert, und sogar Fidelio und Anatevka standen auf dem Spielplan. Werner Sachsenmaier, Laiendarsteller und Geschäftsführender Vorstand des Volksschauspielvereins: "Unsere Grundeinstellung ist die christliche Weltanschauung, und unsere Hauptaufgabe ist die Vermittlung christlicher Werte. Wobei die sich nicht nur in rein religiösen Stücken ausdrücken können, ein christlicher Wert ist auch die Freiheit. Wenn wir den Tell oder Fidelio spielen, haben wir im Grunde die gleiche Intention."

So bahnt man sich mit Geschick seinen eigenen Weg zwischen einem Volkstheater mit Laienspiel aus katholischem Geist und einem Festivalprogramm, das sich zwischen den vielen medialen Events unserer Gesellschaft mit bunter Vielfalt zu behaupten sucht, auch mit Irish-Dance und Popkonzert. Im Zentrum der Ötigheimer Volksschauspiele steht aber weiterhin das von christlichen Werten bestimmte Stück wie in diesem Jahr Franz von Assisi - Der Narr Gottes. Felix Mitterers Auftragswerk wirkt bei seiner Ötigheimer Uraufführung zwar lehrhaft, aber keineswegs dogmatisch. Der Autor steht für ein "verständliches Gebrauchstheater", er macht Kompliziertes oft einsichtig und lässt wenige Schattierungen zwischen Gut und Böse zu. Mitterers Stück erzählt mit viel Empathie die Lebensgeschichte eines Mannes, der nicht in Worten, aber in Taten die katholische Kirche kritisiert. Franz wird 1181 als Sohn reicher Eltern geboren und genießt sein Leben bei Festen und Feiern, bis er im Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia in Gefangenschaft gerät und sich Gott zuwendet, allem Besitz entsagt und den Armen und Kranken hilft. Gezeigt wird dies als aufwendiges Spektakel, in dessen Zentrum fast kammerspielartige Auseinandersetzungen zwischen Franz und seinen Eltern, mit der - eigentlich geliebten - adligen Klara, die Nonne wird, und mit seinen Glaubensbrüdern stehen. Die Inszenierung nutzt die gesamte Weite und Tiefe der riesigen Bühne und erzählt das Geschehen in bewegter Statuarik, als Spektakel mit Gauklern und Bauchtänzerinnen, mit Reitern und Tieren aller Art. Natürlich gibt es ein Orchester sowie Ballett, Chöre und große Volksszenen.

Das mehrheitlich ältere Publikum, darunter nicht wenige Nonnen im Gewand der Franziskanerinnen, schaut lebhaft zu und reagiert mit naiver Direktheit. Wenn Klara Nonne werden will und deren Darstellerin sich ihre langen Haare abschneidet, geht ein entsetztes Raunen durch das Publikum.

Felix Mitterer hat ein Stück geschrieben, das zwar nicht zeigefingerig, aber mit seinen eindeutigen Figuren von voraussehbarer Spannungslosigkeit ist. Immerhin erscheint Franz in der historisierenden Inszenierung sprachlich wie in seinem Verhalten, in seiner Auseinandersetzung mit Armut, Krieg und Islam, als eine ungemein heutige Figur.

Neun Vorstellungen waren angesetzt, alle waren so schnell ausverkauft wie die drei Zusatzvorstellungen. Die Ötigheimer Volksschauspiele scheinen ein Erfolgsmodell zu sein, auch mit religiösen Stücken.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare