Frau aus dem Schneewind

Eine Georgierin im Pankisi-Tal Nasran weiß nicht mehr, wann der Frieden aufhörte

Die Grenzen sind nur gedachte Linien. In Wellen und Zickzackform laufen sie um die Wälder, scheiteln die Wiesen, verlieren sich im Schnee der Berge mit ihren hochmütigen Gipfeln. Rastlos teilen sie die Welt - in was eigentlich?

Wenn es Bilder für den Zorn und die Härte der Gesichter gäbe, wenn man die Schönheit dieses Tals im Norden Georgiens mit den Schreien auf der anderen Seite verbinden könnte. Wenn es eine Sprache gäbe für die verschleppten Männer, die man ohne Kopf und mit verrenkten Körpern wiederfand. Für die Qualen derjenigen, die mit Draht aneinandergefesselt und mit Handgranaten in die Luft gejagt werden - dann hätten die Beschreibungen von Gut und Böse einen Platz. Der läge in diesem Teil Georgiens, im Pankisi-Tal.

An der Straße nach Süden sind Blockaden errichtet. Am Schlagbaum frieren blutjunge Soldaten und wärmen sich an Feuern aus Müll. Nach Norden gibt es keine Straße. Dort verliert sich der Weg zwischen Berg und Wald, lässt sich eine Zeit lang vom Fluss begleiten und steigt dann hinauf zu den grauweißen Gipfeln, die nicht aussehen, als wollten sie die Nähe des Menschen dulden.

Zwei Welten. Borderline. Messerscharfer Grat. Auf der einen Seite hoffen sie auf Zukunft. Georgier, Armenier, Aseris, Lasen im Wunsch vereint, diesem auseinanderfallenden Land Georgien einen Weg nach Europa zu bahnen. Die Straße weiter nach Süden führt durch Dörfer mit hölzern bunten Häusern, in deren Fenstern manchmal elektrisches Licht brennt. Aus deren Schornsteinen Rauch steigt. Manchmal hocken hinter einer Kurve Banditen und wollen Geld. Nur Geld.

Auf der anderen Seite, in Richtung Norden, ist Tschetschenien. Zwei Tagesmärsche über die Berge entfernt. Wenn Leid und Angst schnelle Füße machen, schaffen es die Männer in einem Tagesmarsch.

Zwischen der Sehnsucht nach dem Abendland hier und der Hölle aus Ruinen dort leben die Grenzgänger, die nicht hierhin, nicht dorthin gehören. Sie verhaspeln sich, verstricken sich, verlieren sich im Schwanken auf brüchigen Wegen. Und dazwischen Pankisi, so klein, man könnte vergessen, es auf einer Karte zu verzeichnen. Zehn Kilometer lang, höchstens drei Kilometer breit. Ein schönes Tal, an dessen Ende eine schmale Schlucht den Weg in die Dunkelheit weist.

Der Mann, der keinen Namen haben darf, weil es gefährlich ist, aus Pankisi zu sein - der Mann sagt: »Wir sind Kistinen, wir sind ein Teil des tschetschenischen Volkes. Vor langer Zeit gingen wir nach Georgien, doch Georgier sind wir nie geworden. Wir leben in diesem Tal, ganz isoliert vom Rest des Landes. Wir haben unsere eigenen Sitten und Gesetze. Wir sind ein Bergvolk. Falls du weißt, was das bedeutet ...«

Sie bleibt, alles andere wäre eine Schande gewesen

Die Frau darf einen Namen haben. Weil sie unschuldig, ihre Balance kein Schwanken, sondern ein Traumwandeln ist. Nasran - unter all den Frauen im Dorf ist sie die Schönste. Fleißig und demütig kreist sie Tag für Tag im Zirkel ihrer Pflichten. Im fahlen Mond kriecht sie um fünf aus ihrem Bett, wankt, von Kälte und Müdigkeit betäubt, in die Küche. Mit schnellen Bewegungen heizt sie den Ofen, schlanke Arme raffen das Holz. Eine halbe Stunde knetet sie das Brot. Nasrans Hände bringen Geschirr und Gläser, kleiden die beiden Söhne, schieben sie aus der Tür, auf den Weg in die Schule.

Jetzt bindet sie das Tuch neu, mit dem Geruch der Morgenkälte an ihrer Kleidung hebt sie den gelähmten Schwiegervater aus dem Bett. »Nasran, du riechst wie der Schneewind«.

Der Ehemann kommt spät in die Küche. »Warst du schon fort?« Er brummt unwillig, sein Rücken beugt sich tief über den Teller und ohne Pause schiebt er Brot, Käse und Huhn in den Mund. Nasran nimmt das Lachen von ihrem Gesicht. Sie reicht mit niedergeschlagenen Augen den Kaffee, mit niedergeschlagenen Augen nimmt er die Tasse. Wann hat er sie das letzte Mal wirklich angesehen?

Vor sieben Jahren hat der Mann Nasran aus ihrem Heimatdorf entführt. So ist das Sitte im Tal der Kistinen. Sie hätte am anderen Tag zurückgehen können. Auch das ist Sitte. Nach der ersten Nacht der Entführung kommen die Brüder. »Wenn du willst, kannst du mit uns wieder nach Hause kommen.« Sie will bleiben, alles andere wäre eine Schande gewesen.

Der Mann, an den sie immer gedacht hatte, war das nicht. Aber wozu wählerisch sein? Das Haus dieses Mannes ist groß, die Schwiegereltern sind liebevoll. Von allem gibt es genug. Auch anderen Ehemännern hätte sie dienen müssen. Wenn ihre Füße die Wege zwischen Küche und Tisch, Garten und Vorratskammer gehen, wenn ihre Hände die täglichen Arbeiten erledigen, schmiedet sie Pläne. »Noch fünf Jahre höchstens, dann haben wir ein eigenes Haus.«

Womit der Mann in Tiflis sein Geld verdient? Sie weiß es nicht. Etwas Wichtiges muss es sein, ein bisschen Politik, Pflege von Beziehungen vielleicht. Er kennt ja jeden, nicht nur hier im Tal, er kennt auch den Polizeichef der Gegend, er kennt die Wachtposten an den Straßenbarrieren vor Pankisi. Manchmal bringt er Fremde mit, nach deren Namen sie nicht fragt. Besser so, sagt der Mann.

Wenn er zurück kommt ins Tal, bringt er Geld. Nasran weiß nicht, dass es fremdes Geld ist, dass der Mann nur auf Umwegen über die Häuser all seiner Freunde nach Hause kommt. Das Geld, das er ihr stolz auf den Tisch legt, hat er zusammengeliehen. Ich fahre zu meiner Familie, sagt er. Ich kann nicht mit leeren Händen kommen. Die Freunde geben, was sie entbehren können. Das ist ungeschriebenes Gesetz.

Erzählt es Nasran nicht, sie soll es nicht wissen, sie würde die Achtung verlieren. Nicht aus Mangel an Liebe senkt er den Blick, sondern weil er sich vor ihrer Schönheit schämt.

Wie gut es ihr geht, sagt Nasran, sehe sie jeden Tag auf dem Weg zum Markt. Wenn sie vorbeigeht an den Häusern der tschetschenischen Flüchtlinge. Diese Kinder, die im Winter nicht warm genug gekleidet sind. Diese Frauen mit den harten Gesichtern. Nasran fürchtet ihr Wehklagen. Diese hochsteigenden und wieder abfallenden Töne sind ihr fremd. Die endlosen Klagelieder über die toten Männer, Söhne, Onkel, Cousins, Brüder.

Nasran mag die Gerüchte über Entführungen nicht, will nichts hören von Pankisi als Ort der Ruchlosigkeit, des Terrors, der Verschwörungen. Ist es nicht ein schöner Ort? Reichen die Flüchtlinge nicht? Geben wir ihnen nicht schon genug? Geht sie nicht selber in die Häuser und bringt ihnen Essen, manchmal Kleidung?

»Wir sind eins, Nasran«, sagt der Schwiegervater. »Wir in Pankisi und die in Tschetschenien. Könnte ich diese Beine bewegen, ich würde mitgehen und kämpfen, ich würde dir den Faden zeigen, der uns mit jenen verknüpft, die auf der anderen Seite der Berge sind.«

Nasran will diesen Faden nicht. Er schneidet ihr ins Fleisch, reißt ihr Leben auseinander.

Sie kocht, serviert, richtet Betten für die Gäste, erträgt die fiebernden Blicke der fremden Männer in ihrem Haus. Sitzt auf dem Sofa in der Ecke, schläft im Sitzen, springt wieder auf, wenn der Mann nach ihr ruft. Bring Wein, bring Käse und Brot. Niemand fragt sie. Wozu also Antworten finden?

Nur die Schwiegereltern sehen die Last ihres Lebens. Im Vorübergehen streicheln sie ihr die Hände, zupfen an ihrem Kleid. Zur Schwiegermutter sagt sie »Mein Mütterchen«. »Meine Tochter«, sagt die Schwiegermutter, »du bist ein Glück für unser Haus.« Die Söhne aber imitieren den Ton des Vaters. Nasran, mach. Nasran, komm.

Nasran weiß nicht mehr, wann der Frieden in Pankisi aufhörte. Von den angeblich dorthin Verschleppten hat sie nie einen gesehen, auch keinen der von den Russen gesuchten Terroristen aus Tschetschenien. Am Anfang kamen die Fremden wie Tropfen eines zögerlichen Regens. Einzelne. Journalisten. Polizisten. Soldaten. Nasran sah ihr stilles Tal im Fernsehen, sah sich einmal über die Straße gehen. »Nasran, das bist du!« Der Schwiegervater ist stolz. Der Ehemann flüstert, sie solle sich gefälligst in Acht nehmen. Vor wem? Vor allen? Den Ausländern, den Georgiern, den Tschetschenen in Camouflage. »Was soll das?«, fragt Nasran. »Was sagen die? Wir sind keine Terroristen, keine Kriminellen, keine Drogendealer. Was kümmert uns der Krieg?« - Sie sind die unseren, sagt der Schwiegervater. Ihr Krieg ist unser Krieg. Wir müssen laut sein, um gehört zu werden.

Sie streicht Haar und Demut aus dem Gesicht

Manchmal, Freitagabends, bricht sie aus und trifft sich zum Tanz mit Freundinnen. Nur die Frauen. Die Fenster verhängen sie. Ein Abend ohne Pflichten. Keine Kinder und nicht die ernsten Gesichter der Männer. Kein Wort vom Sterben. Die Tücher haben sie sich vom Kopf gezogen. Schwerelos.

Den freien Abend erhandelt sie sich, ist noch fleißiger als sonst. Niemand soll sagen, Nasran, du kannst nicht gehen, weil noch etwas zu tun ist. Zwischendurch wäscht sie die Haare, dreht sie zu einem dicken Knoten, den sie wieder löst, wenn er trocken ist. Wie schwarze Wellen fallen die Haare den ganzen Rücken hinunter. Sie kratzt die Reste des Brotteigs unter den Fingernägeln hervor, sie taucht ihr Gesicht in kaltes Wasser, bis die Wangen rot sind, sie wäscht den Geruch nach Knoblauch und Lamm vom Körper. Sie streicht Haar und Demut aus dem Gesicht.

Manchmal sagt der Mann, ich werde dich und die Jungen mit nach Tiflis nehmen. Nasran will nicht, will die Schwiegereltern nicht allein lassen, will nicht auf das Murmeln des Flusses verzichten. Der Mann sagt: Die Russen werden kommen und hier Krieg führen. Besser, wir gehen. Besser, wir bleiben, sagt Nasran. Wir haben doch nichts getan. Oder? Der Mann schweigt.

00:00 31.01.2003

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