Frau ihrer Zeit

Sachbuch Spezial Alma Karlin reiste vor 100 Jahren um die Welt, eine Weltbürgerin wurde sie nicht

Acht Jahre, fünf Kontinente. Mit der Schreibmaschine „Erika“ und einem zehnsprachigen, selbst geschriebenen Wörterbuch im Koffer reiste Alma Maximiliane Karlin durch die Welt. Allein. Und das nicht vor zehn, sondern vor 100 Jahren.

Karlin zählte in den 1920ern zu den bedeutendsten deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen, bevor sie jahrzehntelang in Vergessenheit geriet. Zum 100-jährigen Jubiläum wird ihre Reisebericht-Trilogie neu aufgelegt, um zu zeigen, dass nicht nur europäische Männer auszogen, um die Welt zu bereisen, sondern auch europäische Frauen.

Im ersten Teil, Einsame Weltreise, beginnt die damals 30-Jährige ihre Reise in Italien, im Hafen von Genua. Mit dem Dampfer geht es nach Lateinamerika, weiter nach Kalifornien und von Hawaii über den Ozean, nach Japan und China. Bereits am Ende des ersten Teils ist Karlin vier Jahre unterwegs. Noch weitere vier Jahre folgen, ehe sie in ihre Heimatstadt Celje im heutigen Slowenien zurückkehrt. Ihre Reise trat sie nicht mit einer prall gefüllten Geldtasche an. Von Beginn an setzte sie auf günstige Transportmittel und reiste in den niedrigen Klassen. Geld für die Weiterreise verdiente sie sich durch Dolmetschen und journalistisches Schreiben.

1941 wurden ihre Bücher in Deutschland verboten. Karlin sprach sich klar gegen den Nationalsozialismus aus und unterstützte Juden bei der Flucht. Sie wurde inhaftiert, sollte ins Todeslager kommen. Durch Kontakte kam sie frei und schloss sich den Partisanen an. Nach dem Krieg kehrte sie zurück in ihre Geburtsstadt, wo sie 1950 verstarb.

Celje war bis nach dem Ersten Weltkrieg Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. In Karlins Familie wurde vorwiegend Deutsch gesprochen. Sie beherrschte jedoch elf weitere Sprachen. Vorbehalte, die es in Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber der deutschen Minderheit gab, waren ein Grund dafür, dass ihren Werken weniger Beachtung geschenkt wurde.

Sie selbst sprach von einer „Forschungsreise“ und hegte eine rege Begeisterung für Christoph Kolumbus. Ihr Buch ist eine Chronologie von Begegnungen und Ereignissen, die sie bis ins kleinste Detail beschreibt und analysiert – aus ihrer eurozentrischen Sichtweise. Denn auch Karlin ist „ein Kind ihrer Zeit“, wie im Vor- und Nachwort angemerkt wird. Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnet, tritt sie mit Vorurteilen gegenüber. Worte und Beschreibungen, die sie benutzt, würden im heutigen Sprachgebrauch als rassistisch gelten. Ein Umstand, der die Lektüre an manchen Stellen zu schwerer Kost macht.

Lieber keine Ehefrau sein

Stets reflektiert sie jedoch ihre Rolle als Frau und schreibt über die größte Gefahr, der allein reisende Frauen ausgesetzt sind: Männer. Mehrmals wurde sie Opfer von sexueller Belästigung und Missbrauch. Sie beschreibt, wie wehrlos sie sich dabei fühlte, wie alleingelassen von der Gesellschaft. Denn ein solches Verhalten erschien als normal. Nach unzähligen Begegnungen nicht nur mit Männern kommt sie zu dem Schluss, dass Frauen von Männern primär als Objekt angesehen werden. Und jede Frau in irgendeiner Form durch einen Mann unterdrückt wird – über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Diese Erfahrungen bestärken sie in ihrer Meinung, dass sie nicht eines Mannes wegen ihre Reiselust aufgeben werde, um ein Dasein als Ehefrau zu fristen. Schon gar nicht für einen Nicht-Europäer. Denn ihre Erfahrungen und Beobachtungen festigen auch ihre Abneigung gegenüber Fremden und ihren Rassismus. Mitunter zieht sie Vergleiche zu europäischen Männern, die – ihrer Ansicht nach – niemals zu einer so starken Form der Unterdrückung fähig wären.

Was Karlin jedoch nicht tut, ist, sich selbst zu reflektieren. Einerseits als weiße Europäerin und andererseits als Reisende, die Eindrücke von oben herab beschreibt. Es ist kein zeitgemäßes Buch, diesen Anspruch kann es allerdings auch nicht haben. Es handelt sich um ein Zeitdokument einer Frau, die – im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen – an Beachtung verloren hat.

Info

Einsame Weltreise Alma M. Karlin AvivA 2019, 400 S., 22 €

Should I stay or should I go

Kommt der Brexit, wird auch Nordirland die Europäische Union verlassen müssen. Die offene Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland war eine grundlegende Bedingung des Friedensabkommens von 1998, nach mehr als 30 Jahren „Troubles“, blutigen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten. Die offene Grenze würde mit dem Brexit zur harten EU-Außengrenze, was den fragilen Friedensprozess im Land gefährden könnte. Der 1977 in Esslingen geborene Toby Binder fotografierte für Wee Muckers. Youth of Belfast (Kehrer 2019, 120 S., 35 €) Teenager aus protestantischen und katholischen Vierteln in Bel­fast. Die Langzeitdokumentation zeigt die Allgegenwart von Arbeits­losigkeit, Drogenkriminalität und Gewalt, die Jugendliche in Belfast schon heute belastet, egal, auf welcher Seite der „peace wall“ (Friedensmauer) sie leben.

06:00 28.04.2019
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