Frau Kroll wickelt auf

Alltag Großfamilie plus Wohngemeinschaft gleich alternative Altenbetreuung. Aus einem Wohnheim für Demenzkranke

Irmchen fühlt sich beschissen und schlecht behandelt. Sie steht verloren auf dem Flur und weiß nicht, wie sie sich entscheiden soll. Ein Gefühl des Versagens. Wenn das Pflegeteam mit Frust, Verzweiflung und Aggression konfrontiert wird, muss der Moment durch eine positive Emotion aufgelöst werden. Es hat lange gedauert, bis das Pflegepersonal herausgefunden hat, dass Irmchen immer eine Packung Tempotaschentücher zur Sicherheit bei sich haben muss. Das Naseputzen ist ein Tick von ihr. Alltagsrituale bestimmen den Tag und geben Sicherheit. Denn Demenz bedeutet das Gegenteil von Geborgenheit. Hildegard Eichhorn, Mitbegründerin der Demenz-WG in der Berliner Wrangelstraße sagt über die Krankheit, es sei "wie in einem Meer zu schwimmen ohne Ufer in Sicht." Wenn auch die Erinnerung an eine Geschichte verschwindet, sind Gefühle wie Freude, Trauer, Glück immer noch vorhanden. Regelmäßige Supervisionen helfen dem Personal, um die Situation für sich begreifen zu können. Denn die Situationen selbst ändern sich nicht.

Irmchen ist für ihre 83 Jahre sehr rüstig. Sie hat früher Stepptanz gemacht und die Augen strahlen, wenn sie ihre Tanzschuhe anzieht, um eine kleine Vorführung für alle zu geben. Im nächsten Moment ist das vergessen. "Was muss ich tun? Wo kann ich das Glas hinstellen?" Die Formen ihrer Umwelt verschwinden immer mehr. Deshalb klopft sie sich manchmal auf die Schenkel, um sich ihrer Begrenzung zur Umwelt zu versichern. Die Kommunikation verläuft auf emotionaler Ebene. Berühren, Ansprache, kleine Erlebnisse, die eine kurze Zeit im Bewusstsein verweilen und dann ins Nichts verschwinden. Jeden Tag stelle mich als Fotografin aufs Neue vor, und jedes Mal blicke ich in ein erstauntes Gesicht, das mich nicht zu kennen scheint. Ich zeige Irmchen Fotos, die ich von ihr gemacht habe. Unsicher tastet sie über den Bildschirm an der Kamera. "Wo ist das Foto? Hier?" Dann erkennt sie sich, ihr Gesicht erhellt sich, sie sagt: "Ach, das bin ich? Oh, meine Güte, ich bin ja gar nicht mein Typ". Und lacht.

In der Kreuzberger Wrangelstraße wird das Altwerden angenehm gestaltet. Sonnendurchflutet ist die Wohnküche, in der Frau Kroll sitzt und Kartoffeln schneidet für die Suppe zum Mittag. Durch die Fenster geht der Blick ins Grüne, eine Idylle mitten in Berlin. Die sechsköpfige Alterswohngemeinschaft wird rund um die Uhr betreut von insgesamt 20 Pflegekräften; Alten- und Familienpfleger, Zivildienstleistende, 1-Eurojobber, Studenten. Zusätzlich stehen ehrenamtliche Helfer und weitere 1-Eurojobber für gelegentliche Spaziergänge bereit. Die Wohngemeinschaft existiert seit 1999, die sechs Frauen sind zwischen 72 und 95 Jahren alt. Das Modell lohnt sich. Hildegard Eichhorn ist froh, ganzheitliche Pflege leisten zu können. Alle Formen der menschlichen Zuwendung sind möglich, weil viele Dinge an einem Ort stattfinden. "Ganz wichtig für das Gelingen ist ein gut zusammenarbeitendes Team. Das haben wir geschafft. Wir arbeiten alle auf Augenhöhe, ohne Hierarchie. Und wir sind uns einig im Konzept. Das ist enorm wichtig, denn eine schlecht geführte WG wäre die Hölle für die Bewohner, gerade für Demente, die sich nicht wehren können."

Das gestiegene Durchschnittsalter der Menschen heute, hat den Ruf nach alternativen Modellen der Altersbetreuung laut werden lassen. Die Mischung zwischen Jung und Alt, die der traditionellen Großfamilie ähnelt, hat sich in der Wrangelstraße bewährt. Besonders demente Menschen brauchen Ansprache, äußere Anreize und Beschäftigung, und dabei weckt die 20-jährige Praktikantin vielleicht die Erinnerung an die eigene Enkeltochter. Zivildienstleistende sind gern gesehen, ältere Pflegekräfte sorgen für Stabilität in der Gruppe. Ebenfalls von Bedeutung ist, dass die Frauen von Pflegern und Pflegerinnen betreut werden.

Als die Großeltern noch zur Familie gehörten, wurden geistiger und körperlicher Verfall als selbstverständlich angesehen. In unserer Gesellschaft bedeutet das kostenintensive Pflege. Ein rentables Geschäft mit vielversprechenden Zuwachsraten. In Deutschland leben nach Schätzungen 1,3 bis 1,5 Millionen Demenzkranke. Zwei Drittel davon sind Frauen, davon wiederum sind zwei Drittel über 80 Jahre alt. Die Diakonie-Sozialstation Südstern führt mittlerweile sieben Berliner WGs. In diesen Wohngemeinschaften können menschliche Zuwendung und pflegerische Arbeiten effektiv ausgeführt werden, da viele Tätigkeiten parallel ablaufen. Wenn die alten Damen essen, essen auch die Pfleger, alle an einem Tisch, so dass nicht erst jemand gerufen werden muss, wenn Hilfe benötigt wird. Die Qualitätskriterien unterliegen einer Selbstkontrolle, da die WGs nicht der staatlichen Heimaufsicht unterliegen. Jeder Handgriff muss zum Unwillen der Angestellten dokumentiert werden, denn die dafür aufgewendete Zeit geht von der direkten Pflege ab. Die Weiterführung der Wohngemeinschaften ist abhängig von der menschlichen Qualität des Pflegeteams und der Wirtschaftlichkeit der Sozialstationen.

Um 12 Uhr steht das Mittagessen auf dem Tisch. Frau Kroll hat auch diesmal den Lauch für die Gemüsesuppe geschnitten, und Carlos, der Zivildienstleistende, bittet alle zu Tisch. Jeder hat seinen festen Platz in der kleinen "Familie". Über den Geschmack der Suppe gibt es unterschiedliche Ansichten, aber den Schokoladenpudding mögen sie alle. Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit. Hilde döst am liebsten im Sitzen auf der Couch neben Frau Hirschfeld. Hilde schlägt sich mit einer Angst herum, die undefinierbar unterhalb des Herzens sitzt. Doch wenn ihr Enkel zu Besuch kommt, lebt sie auf. Früher liebte sie es, tanzen zu gehen. Sie zeigt Fotos, auf denen sie 20 ist; die Bilder liefern einen Bericht aus einer anderen Welt. Nach dem Kaffee werden kleinere Tätigkeiten verrichtet, zusammen Karten gespielt oder "Mensch ärgere dich nicht."

Die betreuten Frauen haben ihre festen Aufgaben. Das kann auch einen ganz praktischen Nutzen haben, weil dadurch unter Umständen Kosten gespart werden. So sind in der Wrangelstraße zwei eigentlich konkurrierende Lebensmodelle vereint: Die soziale Vielfalt der Großfamilie paart sich mit dem Pragmatismus unter Gleichgesinnten, von dem die studentische WG profitiert.

Frau Kroll ist zum einen für das Gemüseputzen und Kartoffelnschälen zuständig, das die 95-Jährige macht, wie sie es seit 70 Jahren gemacht hat: Gewissenhaft fragt sie nach, ob genügend Kartoffeln geschält sind, ehe sie die Schalen sorgsam in eine Zeitung einrollt. Zum anderen wickelt Frau Kroll die gewaschenen elastischen Binden besonders gut auf, darauf ist sie stolz. "Keiner kann die Binden so fest wickeln wie ich. Da freuen sich immer alle, wenn ich das mache." Das Gefühl, etwas zur Gemeinschaft beizutragen, stärkt das Selbstbewusstsein und verschafft Momente der Zufriedenheit. "Frau Kroll kam aus einem Altersheim, aß nicht, trank nicht und hatte Haare wie ein Zombie", erzählt Hildegard Eichhorn. Als die WG zu einem gemeinsamen Ausflug im Tiergarten war, aß sie ihr erstes Eis. Danach ging es bergauf.

Frau Hirschfeld ist für das Falten der Wäsche zuständig. Doch morgen hat sie Geburtstag und ihr Sohn kocht. Ich frage sie nach dem Festmahl. "Ach, das was er kocht, ist immer gut. Aber es ist nicht gut wenn Männer kochen. Die Frauen gehören in die Küche. Er hat als kleiner Junge schon bei mir in der Küche gesessen und mir beim Kochen zugeschaut." Ich bringe ihr ein Rose als Geschenk mit. Mit freudigen Augen bietet sie mir ein Stück Geburtstagskuchen an. Im nächsten Moment sagt sie voller Entrüstung: "Also, die Knipserei geht mir auf die Nerven. Man fotografiert keine fremden Menschen, ohne vorher zu fragen." Als ich mich am nächsten Tag wieder als Fotografin vorstelle, meint Frau Hirschfeld ganz klar: "Na, ich erkenne sie doch auch ohne Kamera." Frau Hirschfeld sagt, was sie denkt. Das war schon immer so.

Frau Kurfürst saß vor ihrem Schlaganfall souverän mit Zigarette und Zeitung im Wohnzimmer, während Frau Kroll die Kartoffeln schälte. Jeder Mitbewohner soll die Dinge tun, die der Persönlichkeit entsprechen. Die Biografiearbeit ist ein kriminalistisches Suchen nach Gewohnheiten in der Vergangenheit, um die persönlichen Bedürfnisse herauszufinden. Frau Kurfürst hatte einen Führerschein und arbeitete in der Stoffabteilung im KADEWE. Ich entdecke eine Perlenkettensammlung im Schrank und gebe ihr eine Kette nach der anderen, die sie sich überzieht. Mit jeder einzelnen Perle ertastet sie ihre Geschichte; Schmuck trug sie schon immer gerne. Bis vor kurzem war Frau Kurfürst noch sehr rege, wollte zurück in ihre Wohnung, bis Hildegard Eichhorn einmal mit ihr zu der Wohnung fuhr. Danach wurde sie ruhiger und zog in Erwägung, eine Wohnung gegenüber der Wohngemeinschaft zu mieten. Seit ihrem Schlaganfall sitzt Frau Kurfürst im Rollstuhl und muss das Sprechen wieder erlernen. Im Spiegel, den ich ihr reiche, betrachtet sie sich mit den Ketten. Allerdings bekommt der goldene Rahmen zunächst mehr Aufmerksamkeit als das eigene Portrait. Mit den Fingern streicht sie über die barocken Formen. Fragen nach der Herkunft des Spiegels, Erinnerungen an ihren Mann? Gegenstände und Fotos sind wichtige Stützen für das Gedächtnis. Sie regen Assoziationen, Geschichten, Gefühle an. Und ich frage mich, welche Gefühle sie mit diesem Spiegel verbindet. "Man muss sich die Erinnerung wie eine Bibliothek vorstellen: Jedes Jahr bedeutet ein Band, zuerst kippen die letzten Bücher um. Deshalb ist das Arbeiten auf der emotionalen Ebene so wichtig. Die biografische Arbeit bedeutet herauszufinden, welche Gefühle aus der Vergangenheit noch vorhanden sind, um sich selbst wieder eine Geschichte zu geben. Denn Verlust des inneren und äußeren Kontaktes macht Angst", erklärt Hildegard Eichhorn.

Frau Kroll geht es heute nicht so gut. Sie ist gestern abend gestürzt, erzählen die Pfleger; in ihrer eigene Wahrnehmung liegt der Sturz dagegen acht Wochen zurück. Carlos, der Zivildienstleistende, bereitet Reibekuchen für das Mittagessen vor. Irmchen kann nicht mehr im Sessel sitzen, aber sie traut sich nicht, alleine irgendwo hinzugehen. Wir treten gemeinsam auf den Balkon, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Ich erzähle ihr von Carlos, der das Mittagessen kocht. "Carlos? Was, ein Mann? Den kenne ich nicht. Ach so. Schön." Zum Mittagsschlaf begleite ich Irmchen auf ihr Zimmer und erzähle von einem köstlichen Schokoladenkuchen. "Au ja, das wäre toll, den zum Kaffee zu essen." Irmchen freut sich wie ein Kind. Sie liebt Schokolade. Lächelnd summt sie ein Lied.


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00:00 10.02.2006

Ausgabe 39/2020

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