Frau-Mann-Schablone

Die Kandidatin Ségolène Royal kämpfte mit der Macho-Kultur und ihren eigenen Programmschwächen

Den stärksten Einwand gegen ihre Kandidatur nennt sie selbst voller Ironie: Illegitim und deshalb nicht wert, von den eigenen Parteifreunden unterstützt zu werden. So ist Ségolène Royal zur Mutter aller Opfer geworden - sowohl im Kampf gegen die Männer bei den Sozialisten als auch die bei den Rechtsparteien. Alles, wofür sie steht, um ihren Anspruch auf das Amt der Präsidentin zu begründen, hat am Ende die Frau-Mann-Schablone überzeichnet. "In diesem Wahlkampf ist mir nichts erspart worden", lautet der Satz, der in jeder ihrer Reden in der einen oder anderen Weise auftaucht. Ein Augenzwinkern an das Publikum: Ihr wisst ja, wie das ist - und wie sie sind. Es hat zumindest den Absturz der lange als Favoritin gehandelten Politikerin in den Umfragen unter die 20-Prozent-Marke verhindert.

Royal ist nicht die erste Frau in Frankreich, die bei Präsidentschaftswahlen angetreten ist, doch sie ist die erste, die es mit der realen Chance auf den Sieg getan hat. Weder Arlette Laguiller, die Chefin der trotzkistischen Lutte Ouvrière (LO), noch Dominique Voynet, die ehemalige grüne Umweltministerin, können etwas anderes verkaufen als eine Kandidatur des Prinzips. Doch in Frankreichs Sozialistischer Partei hätte es eben auch Frauen gegeben, die mit mehr "Legitimität" als Royal zum Sturm auf den Elysée-Palast hätten ansetzen können. Martine Aubry, die frühere Arbeitsministerin und jetzige Bürgermeisterin von Lille, oder die ehemalige Justizministerin Elisabeth Guigou sind politisch profilierter, tiefer in der Partei verankert, in ihrem Denken sehr viel programmatischer als Ségolène Royal, die 53-Jährige, deren größter Sieg bisher die Präsidentschaft der Region Poitou-Charentes im Südwesten Frankreichs war. Aber weder Guigou noch Aubry, Tochter des früheren EU-Kommissionschefs und sozialistischen Finanzministers Jacques Delors, hatten den Mut, das Establishment mit einem Wahlprogramm herauszufordern, das ihnen beiden zu unsicher erschien.

"Illégitime et insupportable" (illegitim und untragbar) - ohne den wirklichen Segen der Parteibarone und, schlimmer noch, ohne den Anschein, in einer geschichtlichen Tradition der französischen Sozialisten zu stehen, musste sich die Kandidatin zunehmend eine skeptischer werdenden Öffentlichkeit erwehren. 60 Prozent der Franzosen fanden vor einem Jahr die Idee ihrer Kandidatur noch ausgezeichnet, lange lag sie vor Sarkozy, bis der Ex-Innenminister Anfang des Jahres in den Umfragen deutlich anzog.

Nach ihrer parteiinternen Nominierung im November hatte Royal wochenlang verbale Ausrutscher und faktische Fehler geliefert, die ihre außen- und verteidigungspolitische Unbedarftheit offenbarten, also Schwächen in der Kerndomäne des Staatschefs. Weder die Zahl der eigenen Atom-U-Boote war ihr bekannt, noch konnte sie bei einem Vorstellungsbesuch in Peking - an sich schon ein extravaganter Einfall - eine überzeugende Position zu den Menschenrechten in China formulieren. Als im Februar ihr wirtschaftspolitischer Berater Eric Besson entnervt aufgab und kurz darauf in einem Buch Royals Wahlprogramm "lügnerisch und gefährlich" nannte, wurde der Wahlkampfstab umorganisiert. Lionel Jospin, Jack Lang und Dominique Strauss-Kahn kamen endlich mit an Bord, während Laurent Fabius, ein anderer der parteiinternen Verlierer bei der Kandidatenkür (wiewohl offiziell mit von der Wahlpartie) sich nach wie vor in Trotz übte. Royals Wahlkampf verlief fortan weniger chaotisch.

Das Ende der "Überraschungen", mit denen die Sozialistin aufwartete, war es nicht. Zugkräftige Vorschläge wie der contrat première chance - eine erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzgarantie für Jugendliche ohne Schulabschluss - mischten sich mit ihren rechtspatriotischen Reden von der "gerechten Ordnung" im Land. Über ihre Empfehlung, jeder müsse die blau-weiß-rote Fahne zum Nationalfeiertag aus dem Fenster hängen, schüttelte ein Großteil der linken Wähler nur den Kopf. Doch Ségolène Royal war sich mit ihrem Gegner Nicolas Sarkozy offenbar einig - Frankreichs Präsidentschaftswahl wird irgendwo rechts von der Mitte entschieden.


Präsidentschaftswahlen in Frankreich - die Kandidaten

Kandidat / ParteiErgebnis 2002
1. Wahlgang
(in Prozent)Aktuelle Prognose
1. Wahlgang
(in Prozent)

Nicolas Sarkozy
Union pour un Mouvement Populaire /UMP19,9 (Kandidat Chirac)26-27

Ségolène Royal
Parti Socialiste / PS16,2 (Kandidat Jospin)22-23

François Bayrou
Union pour la Démocratie Française /
UDF-zentristisch6,819-20

Jean-Marie Le Pen
Front National / FN- rechtsradikal16,812-13

Philippe de Villiers
Mouvement pour La France
rechtsradikal2,3 (Kandidat Mégret)1-2

Arlette Laguiller
Lutte Ouvrière /
LO-trotzkistisch5,72-3

Oliver Besancenot
Ligue Communiste Révol. /
LCR-trotzkistisch4,24-5

Gérard Schivardi
Parti des Travailleurs / PT-trotzkistisch0,4 (Kandidat Gluckstein)0-1

Marie-George Buffet
Parti Communiste Français / PCF3,4 (Kandidat Hue)4-5

Dominique Voynet
Les Verts-Grüne Partei5,2 (Kandidat Mamère)2-3

Frédéric Nihous
Chasse, Pêche, Nature ... - Jägerpartei-2-4

José Bové
Confédération Paysanne
linksaltern. Bauernverb.-2-4


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00:00 20.04.2007

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