Frau Maus und Herr Sandmann

Liebe Unsere Autorin stammt aus dem Westen, ihr Mann aus der DDR. Bis heute macht das einen Unterschied, vor allem, wenn es um Kinder und Gleichberechtigung geht
Lisa Rüffer | Ausgabe 14/2014 6

Mein Mann und ich kommen aus zwei verschiedenen Ländern. Und in unserem Familienalltag spielt das eine wichtige Rolle. Wir haben in vielen Dingen unterschiedliche Vorstellungen. Ich lebe sozusagen in einer Mischehe, mitten in München. Wir müssen das bei vielen Diskussionen zu Hause mitdenken, genauso, wie man es eigentlich auch bei vielen öffentlich geführten Debatten, wie zum Beispiel über Gleichberechtigung und Feminismus, mitdenken müsste.

Zonen-Gabi, so nannte mich mein Mann einmal. Ich hatte gerade einen Kleiderschrank für unsere Tochter gebaut. Allein. Mit Holz zuschneiden, schrauben, leimen und so. Er meinte das halb anerkennend, halb ironisch abwertend. Denn eigentlich, dachte er, hätte er das machen müssen. Handwerken ist schließlich eine Art Inbegriff von Männlichkeit.

Mein Mann ist aus dem Osten. Ich bin aus dem Westen. Ich muss das betonen, weil es heute, 24 Jahre nach dem Mauerfall, keiner mehr so recht wahrhaben will. Diese Herkunft macht uns zu partiell unterschiedlich denkenden Menschen. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass mit der Mauer auch die Erfahrungen aus den Köpfen verschwunden seien. West- und Ostdeutsche sind unterschiedlich sozialisiert und es wird noch eine Weile dauern, bis die Prägung durch unsere nicht vereinigten Elternhäuser keine Rolle mehr spielt. Mein Mann ist von starken Frauen umgeben aufgewachsen. Kann sein, dass es für ihn bei der Partnerwahl eine Rolle gespielt hat, dass ich einen Kleiderschrank bauen kann. Zonen-Gabi also. Die ist pragmatisch, die packt an, hat eine Kurzhaarfrisur und weiß, wie der Trabi anspringt. So stelle ich mir das vor. Die Zonen-Gabi ist eine starke Frau.

Das westdeutsche Pendant zur Zonen-Gabi nenne ich einmal die Von-Drüben-Uschi. Sie ist gut situiert. Wenn sie arbeitet, dann halbtags, um mehr Zeit für die Kinder und für sich selbst zu haben. Politisch und gesellschaftlich ist sie interessiert, vielleicht sogar engagiert. Sie ist keine Arbeiterin und eher selbstbewusst als stark.

Lässt man Zonen-Gabi und Von-Drüben-Uschi darüber abstimmen, wer von beiden emanzipierter ist, hauen sie sich Zahlen und Argumente um die Ohren. Frauen aus Ost und West berichten dann von ihren jeweiligen Errungenschaften und streiten sich, welche besser sind. Währenddessen ist die gesamtdeutsche Gesellschaft freilich von Gleichberechtigung immer noch weit entfernt. Der Emanzipation in Ost und West liegen zwei verschiedene Definitionen zugrunde. Man findet beide im Duden-Fremdwörterbuch. Die erste: Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit; Verselbstständigung. Die zweite: rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau mit dem Mann.

In der DDR gab es nahezu Vollbeschäftigung; Frauen und Männer arbeiteten gleichermaßen. Das hatte strukturelle Entwicklungen zur Folge: Schulspeisung und Ganztagsbetreuung für Kinder waren selbstverständlich. Das war nichts, worüber man diskutieren musste. Meine Schwiegermutter hat das mit ihren beiden Kindern so gemacht. Sie ist eine starke Frau und war ökonomisch stets unabhängig von ihrem Partner. Das geschah nicht einfach so. Es war ihr wichtig, darum hat sie sich bemüht. Gleichwohl war sie damit nicht die Einzige, andere haben das auch gemacht.

Diese strukturellen Möglichkeiten standen meiner Mutter nicht zur Verfügung. Als meine Schwester 1976 geboren wurde, hätte meine Mutter ohne die Erlaubnis meines Vaters nicht arbeiten dürfen. Es wäre aber ohnehin sehr ungewöhnlich für eine Mutter gewesen. Deshalb blieb sie mit uns beiden Kindern zu Hause. Ich ging mit drei Jahren zwar in den Kindergarten, war aber zum Mittagessen wieder zu Hause. Diese Strukturen von Arbeit und Familie orientierten sich an einem alten patriarchalen System. Das musste den westdeutschen Frauen erst bewusst werden, bevor sie etwas dagegen unternehmen konnten.

Unsere Eltern…

Meine Mutter begann erst wieder zu arbeiten, als ich alt genug war, um mittags alleine heimzugehen. Ihr Beruf war ihr ein tiefes Bedürfnis. Bisher hatte mein Vater Karriere gemacht. Jetzt bestand meine Mutter auf das gleiche Recht für sich. Ökonomisch unabhängig war sie dadurch nicht. Sie hatte aber das Privileg, von ihren Eltern finanziell unterstützt zu werden. Ich könnte also sagen, dass meine Mutter eine Art Wohlstandsfeministin war.

Zonen-Gabi und Von-Drüben-Uschi streiten sich also. Und sie stehen sich nicht nur in mir und meinem Mann bis heute gegenüber, beide Modelle existieren noch, das zeigt die Duden-Definition. Ich glaube aber, dass sie beide erst einen Sinn ergeben, wenn sie zusammen gedacht werden: Feminismus erfordert wirtschaftliche Unabhängigkeit und rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung. Und damit ist es immer noch nicht genug.

Als nach der Wiedervereinigung versucht wurde, die Beschäftigungs- und Kinderbetreuungsverhältnisse der DDR an die der BRD anzugleichen – zum Glück ist das größtenteils nicht gelungen –, haben die gesamtdeutschen Frauen vor allem Zeit verloren. Das wird den westdeutschen Frauen erst langsam bewusst. Denn noch immer fürchten sich viele von ihnen, eine Rabenmutter zu sein, wenn sie ihre Kinder länger als bis 14 Uhr im Kindergarten lassen. Man muss aber auch sagen, dass es sich um Mütter handelt, die sich das wirtschaftlich leisten können. Sie haben die Wahlfreiheit. Jene, die auf Betreuung angewiesen sind, fordern sie längst ein. Wenn im Osten wie im Westen Männer und Frauen arbeiten wollen oder müssen, weil sonst das Geld nicht reicht, dann spielt das Rabenmutter-Image nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Man könnte schlussfolgern, dass Frauen sich langsam die Strukturen zurück erobern, die es in der DDR gegeben hat. Aber erreicht man so Gleichberechtigung? Nein, denn es genügt nicht, sich vom Zustand der Abhängigkeit zu lösen, um die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau mit dem Mann zu erreichen. Es ist eine politische Aufgabe, die Bedingungen für diese Emanzipation zu schaffen. Flächendeckende Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle, Frauen in Führungspositionen und gleiche Gehälter werden sich vermutlich nicht ohne geeignete politische Instrumente durchsetzen lassen.

Männer und Frauen müssen gemeinsam entscheiden, wie sie leben wollen. Wenn man unter Emanzipation versteht, dass Rollenbilder variabel sind und weder Männer noch Frauen einschränken sollen, dann können Frauen das nicht alleine. Sie haben aber Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Viele von ihnen kommen aus dem Osten. Starke Frauen, die uns zeigen, was wir schaffen können. Aber um Gabi und Uschi sollte es eigentlich nicht mehr gehen, denn ob stark oder selbstbewusst: Emanzipiert sind sie beide nicht.

Meine Schwiegermutter managte neben ihrem Vollzeitjob den Haushalt und die Familie. Mein Schwiegervater spielte eine untergeordnete Rolle. Ich habe keine Ahnung, ob er sich damit wohlfühlte. Er hat sich vermutlich nicht bewusst dafür entschieden. Es war einfach so.

Mein Vater erlebte die Verwandlung meiner Mutter von der Hausfrau zur arbeitenden Frau bewusst mit. Er musste auf einmal einen Teil Familienarbeit übernehmen. Er hatte keine Ahnung, wie das geht. Ich weiß nicht, wie sich das für ihn anfühlte, aber er wirkte manchmal überfordert. Er ist nach dem Mauerfall ohne Familie, Ironie meiner Biografie, zum Aufbau Ost nach Bautzen gegangen.

… haben uns sehr geprägt

Vielleicht schärft gerade eine ost-westdeutsche Liebesbeziehung den Blick für solche Unterschiede. Ich kann unseren Eltern keinen Vorwurf machen. Sie haben sich im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Möglichkeiten bewegt. Ich sehe, egal, ob ich nach Osten oder Westen blicke, in Sachen Gleichberechtigung keinen Grund innezuhalten. Denn ich denke, wir können das zusammen besser machen.

Meine westdeutschen Freundinnen werden von ihren gut verdienenden Männern mit den Kindern eigentlich alleine gelassen. Sie sind unglücklich, arbeiten halbtags, regen sich aber selbstbewusst über ihre Männer auf. Meine ostdeutschen Freundinnen arbeiten und kümmern sich um die Kinder, die etwas länger betreut werden, ohne sich darüber aufzuregen. Sie alle machen das auf ihre unterschiedliche Art, jeweils geprägt durch die Mütter.

Als mein Mann und ich anfingen, über ein Kind nachzudenken, wurde uns sehr deutlich, wie sehr auch wir von unseren Eltern geprägt sind. Das verstärkte sich, als das Kind da war. Während mein Mann seinen Teil Familienarbeit übernimmt, obwohl es ihm schwer fällt, habe ich Mühe, genug Geld zu verdienen. Wir sind jeweils mit einer Verantwortung konfrontiert, für die wir keine Bilder im Kopf haben. Wir brauchen neue Bilder. Das ist ein politisches Problem, es ist ein gesellschaftliches, aber es ist vor allem auch unser persönliches. Und wir müssen uns darüber streiten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 16.04.2014

Ausgabe 27/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community