Frau oder Mann?

Patchwork Mediziner können zwar Hormone, Zellen und Chromosomen bestimmen, doch was, wenn die Ergebnisse sich widersprechen?
Gerhard Hafner | Ausgabe 12/2015 6

Dass das Geschlecht keine simple Angelegenheit ist, weiß man. Die Vorstellung von nur zwei Geschlechtern ist zu eindimensional, um wahr zu sein. In den vergangenen Jahren kamen Biologen den komplexen Dimensionen auf die Spur. In einem Artikel im Wissenschaftsmagazin Nature gab die Journalistin Claire Ainsworth nun einen Überblick über den neuesten Stand der Forschung.

Der Körper galt einst als das Kriterium der Wahrheit auf der Suche nach dem Geschlecht, und das Y-Chromosom war das zentrale Merkmal: Hast du es, dann bist du männlich, fehlt es dir, dann bist du weiblich. Doch nicht wenige Menschen sind Grenzgänger. Was ist die Ursache dafür? Das biologische Geschlecht kann sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein. Chromosomen, Gonaden (also Eierstöcke bzw. Hoden), Genitalien und andere körperliche Merkmale können sich mischen, sodass etwa die Chromosomen einer Person als männlich, ihre Gonaden hingegen als weiblich bestimmt werden. Das wird als Disorders of Sex Development (DSD), als Störung der Geschlechtsentwicklung definiert. Man nimmt an, dass jeder hundertste Mensch von der einen oder anderen Form einer Geschlechtsabweichung betroffen sein könnte.

Neuere biologische Analysen zeigen aber, dass fast jeder und jede aus einem Patchwork genetisch unterschiedlich bestimmter Zellen zusammengesetzt ist. Wenn Biologen in einzelne Zellen zoomen, wird es sehr kompliziert, denn die gängige Vorstellung, jede Zelle eines Individuums besitze dasselbe geschlechtliche Set, ist heute nicht mehr haltbar. Die Zellen eines Menschen unterscheiden sich in der genetischen Ausstattung und bilden quasi ein geschlechtliches Mosaik. Das Fazit von Ainsworth: „Unsere Vorstellung von zwei Geschlechtern ist allzu simpel – nicht nur aus anatomischer, sondern auch aus genetischer Sicht.“

Zunehmend erkennen auch Mediziner, dass Menschen nicht in eine binäre Struktur passen. Der Arzt kann Hormone, Zellen und Chromosomen bestimmen – doch was, wenn die Ergebnisse sich widersprechen? „Da meines Erachtens kein biologischer Parameter einen anderen auszustechen vermag“, sagt Eric Vilain, Arzt am Center für Gender-Based Biology in Los Angeles, „scheint mir letzten Endes die Geschlechtsidentität der vernünftigste Parameter zu sein.“ Fragen Sie also nicht Ihren Arzt, Ihre Ärzt_in oder Ihrx ArztX, ob jemand Frau oder Mann ist. Fragen Sie direkt nach bei ihr, bei ihm, bei es. Risiken und Nebenwirkungen? Die Antwort könnte Sie verwirren.

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