Frauen erben anders

FRAUEN Ruth Becker, Professorin für Frauenforschung und Wohnungswesen an der Universität Dortmund, über weiße Flecken in der Wissenschaft

FREITAG: Was weiß die Frauenforschung über Reichtum von Frauen?

RUTH BECKER: Sehr wenig. Das hat zwei Gründe. Zum einen erfassen die entsprechenden Statistiken im allgemeinen das Haushaltseinkommen, so dass wir bei Ehepaaren nicht wissen, wie das Vermögen zwischen ihnen verteilt ist. Auf der anderen Seite ist die Reichtumsforschung dieser Frage bisher nicht systematisch nachgegangen, so dass wir auch wenig über die alleinstehenden reichen Frauen wissen.

Armut ist in Deutschland weit besser erforscht. Seit langem ist belegt, dass vor allem zwei Gruppen von Frauen bei den Armen in der Bundesrepublik überrepräsentiert sind: die alleinerziehenden und die alten Frauen.

Aus den Einkommensstatistiken, zum Beispiel der Lohn- und Gehaltsstatistik, die immer noch erheblich geringere Erwerbseinkommen von Frauen ausweist, können wir schließen, dass Frauen wesentlich seltener ein selber erworbenes, aus eigenem Einkommen gebildetes, autonomes Vermögen haben.

Aber da derzeit in Deutschland Milliarden vererbt werden, sind doch auch Frauen unter den Begünstigten.

Das stimmt, denn im Erbrecht sind Frauen inzwischen formal gleichgestellt. Wenn sie reich sind, dann sind sie es entweder als Töchter oder oft: als Erbinnen ihrer Ehemänner. Wegen ihrer höheren Lebenserwartung und weil sie traditionell in der Regel einige Jahre jünger sind, überleben Frauen mit großer Wahrscheinlichkeit ihre Männer. Im Schnitt hat eine verheiratete Frau etwa zwölf Witwenjahre vor sich. Witwen haben nicht selten Grundbesitz, wesentlich häufiger als geschiedene Frauen, bei denen Immobilien meist in die finanzielle Auseinandersetzung bei der Scheidung einbezogen werden. Vermögen, das mit Macht, beispielsweise unternehmerischer Macht verbunden ist, haben Frauen kaum.

Sind solche traditionellen Normen beim Vererben tatsächlich noch stark?

Repräsentative Untersuchungen dazu gibt es nicht. Das »Geben mit warmer Hand« kommt eher den Söhnen zugute - also die Schenkungen zu Lebzeiten, die oft aus steuerlichen Gründen vorgenommen werden. Erst recht dann, wenn es sich bei den Töchtern um alleinstehende Frauen handelt. Der Sohn, heißt es dann, muss ja irgendwann eine Familie ernähren ...

Das Vererbungsverhalten ist, unabhängig von den juristischen Normen, immer noch patriarchalisch geprägt. Zum Beispiel werden die Töchter im bäuerlichen Bereich noch oft mit dem Pflichtteil abgespeist.

Gibt es denn in der Forschung Anhaltspunkte dafür, dass Frauen, wenn sie Erbinnen sind, anders mit ihrem Vermögen umgehen, vielleicht gemeinwohlorientierter?

Das wird in feministischen Kreisen diskutiert, aber vielleicht spielt dabei auch Wunschdenken eine Rolle.

Finanzfachfrauen haben beobachtet, dass sich Frauen mit Vermögen, ererbtem Vermögen, von männlichen Familienmitgliedern beraten lassen, was nicht immer zu ihrem Vorteil ist. Gibt es Forschungsergebnisse, die eine solche Abhängigkeit vom vermeintlich natürlich gegebenen männlichen Fachwissen in finanziellen Belangen, belegen?

Die Frauenforschung hatte ihren Ausgangspunkt in der Benachteiligung von Frauen. Sie richtete deshalb lange ihren Blick vor allem auf die Schattenseiten der Gesellschaft, die Armut, die Gewalt, die verweigerte Anerkennung der Leistungen von Frauen, die Einkommensdiskriminierung. Für Frauen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht zu den Opfern gehören, hat die Frauenforschung erst in letzter Zeit vermehrt Interesse entwickelt. Forschungsergebnisse dazu kann ich noch nicht nennen.

Das Gespräch führte Ulla Lessmann

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