Frauen stemmen die Krise

Corona Weibliche Arbeit hält den Laden am Laufen, in Zeiten der Quarantäne mehr denn je

Es war 2011, als Pop-Königin Beyoncé laut die Frage stellte: „Who run the world?“, und die Antwort auf dem Fuße lieferte: „Girls!“ Was als Empowerment-Hymne geschrieben wurde, ist in Zeiten der Corona-Krise Ausdruck einer simplen und allzu lang verdrängten Erkenntnis: Die von Frauen geleistete Arbeit hält diese Gesellschaft zusammen.

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Laut der Bundesagentur für Arbeit machen Frauen 72,9 Prozent der Arbeitskräfte im Lebensmittelhandel aus und halten den „Laden am Laufen“ (Angela Merkel). Sie stellen auch den Großteil der Beschäftigten, 73 Prozent, im Sozialversicherungssektor. In diesen Tagen bedeutet das: nonstop Fragen zu den Auswirkungen des Virus und zu den notwendigen Maßnahmen beantworten. In Krankenhäusern arbeiten ebenfalls überdurchschnittlich viele Frauen: 76 Prozent. Ärztinnen, Krankenpflegerinnen und auch das Reinigungspersonal zählen momentan zu den wichtigsten Berufsgruppen. Es ist unser aller Verantwortung, ihnen die drohende Überlastung zu ersparen (wascht euch die Hände, bleibt so weit es geht zu Hause). Und für die Notversorgung in den Kindertagesstätten und Vorschulen sorgen zu gewaltigen 92,9 Prozent Pädagoginnen – für die, die nicht von zu Hause aus arbeiten können. Spätestens jetzt werden jene Väter, die über Erziehungswissenschaftlerinnen oder vergleichbare Ausbildungen spöttisch gegrinst haben, feststellen: Kindererziehung und -betreuung ist eine verdammt systemrelevante Sache.

Wenn wir über die Krise sprechen, kommen wir nicht umhin, über das Geschlechterverhältnis in Zeiten von Corona zu diskutieren. Viele, deren Arbeit als nicht unbedingt notwendig für das Fortbestehen des Kapitalverhältnisses betrachtet wird – Gastronomieangestellte oder Menschen aus der Kulturbranche zum Beispiel –, sind nach Hause in die finanzielle Notlage verdammt worden, der Rest liefert im Homeoffice weiter ab. Wie viele von ihnen sind Partner jener Frauen, ohne deren Lohnarbeit gerade der dünne Firnis der Zivilisation, der diese Gesellschaft gerade noch so zusammenhält, endgültig abbröckeln würde? Wie viele sehen sich gerade zum ersten Mal damit konfrontiert, bei der Reproduktionsarbeit nicht nur zu helfen, sondern diese auch konkret absolvieren zu müssen, während die Frau arbeiten geht? Noch immer leisten Frauen den Löwinnenanteil unbezahlter Reproduktionsarbeit: In Deutschland sind es nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation der UN viereinhalb Stunden, bei Männern eine Stunde und 48 Minuten.

Faule Patriarchen

Auch die Pflege älterer und damit besonders vom Coronavirus betroffener Familienmitglieder ist hauptsächlich Frauensache. Noch immer wird weiblich konnotierte Arbeit weniger wertgeschätzt. Es bleibt zu hoffen, dass Frauen nun keiner noch stärkeren Doppelbelastung ausgesetzt sind; nämlich Lohnarbeit und die Quarantäne-Versorgung zu Hause. Während der Partner vielleicht mal mit dem Kind spielt, sich jedoch aus Gewohnheit, patriarchalem Traditionsbewusstsein oder schlicht ansozialisierter männlicher Faulheit weiterhin nicht auf die Idee kommt, Hausarbeit zu leisten. Wem das jetzt zu streng klingt – natürlich muss man all das auch mal abwarten.

Jedoch allein der sogenannte „mental load“, also die Überlegungen, wie man einen Haushalt zu führen hat, stellen eine nicht zu unterschätzende Belastung dar. Weiblich sozialisierten Menschen wurde oft beigebracht, diesen organisatorischen Überblick – Welche Lebensmittel brauchen wir? Was muss aufgeräumt werden? – zu leisten, Männern seltener. Schon das „Sag mir doch, was getan werden muss“, wälzt die Verantwortung der Haushaltsführung auf die Partnerin ab. Deshalb, liebe Männer in Hetero-Beziehungen: Befasst euch verdammt noch mal damit, wie man einen Haushalt führt. Gerade jetzt. (Und freilich ist in homosexuellen Beziehungen auch nicht jeder voll emanzipiert sozialisiert.)

Eine weitere Frage, die es sich zu stellen gilt, ist die der häuslichen Gewalt. In Deutschland wird etwa jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalttaten durch den Partner oder Ex-Partner. Durch die häusliche Isolation wird Beziehungsgewalt nur noch ansteigen, befürchten Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser. In Hessen müssen diese bereits Frauen abweisen, weil sie überfüllt sind. In China war dieser Anstieg schon deutlich zu beobachten (der Freitag 12/2020). Betroffene Frauen und Kinder werden unter Quarantäne noch schlechter fliehen können als ohnehin schon. Zudem wird sich eine Quarantäne bei gewalttätigen Partnern kaum positiv auf das missbräuchliche Verhalten auswirken; auch, weil Möglichkeiten zur Triebabfuhr fehlen.

Zur Gewalt neigende Männer werden ihren Frust über die eigene Ohnmacht und Tatenlosigkeit an Partnerinnen und Kindern auslassen. Des Weiteren steht zu befürchten, dass sie ein „Recht auf Sex“ einfordern, weil es ihnen in Zeiten dieser verordneten Langeweile erst recht zustehe. Wieso sollte man seinen Zorn über die äußeren Umstände sublimieren, indem man Yoga lernt, ein Buch liest, die Küche putzt oder mit den Kindern spielt, wenn man seiner cholerischen Natur freien Lauf lassen kann?

Prostituierte stehen vor der Gefahr, in die Armut abzurutschen, da Bordelle geschlossen werden. Vor allem die ohnehin prekarisierten Frauen, die gezwungen sind, in Bordellen zu arbeiten, und die oft kaum Deutsch sprechen, keinen Angestelltenstatus und keine Krankenversicherung haben. Die ehemalige Prostituierte und Aktivistin Huschke Mau befürchtet in einem Facebook-Post, dass Zuhälter die Zimmermieten vermutlich weiterlaufen lassen werden, was die Frauen in zusätzliche Schulden und weitere Abhängigkeit stoßen wird. Der Großteil der Prostituierten in Deutschland hat keine Möglichkeiten, anderweitig als mit dem Verkauf des Körpers Geld zu verdienen. Sie werden auf den gefährlicheren Straßenstrich ausweichen müssen.

Der Umgang mit dem eigenen Körper wird Frauen in einer solchen Krise erschwert. In den Drogeriemärkten werden neben Toilettenpapier auch Hygieneartikel wie Tampons und Binden gehamstert – weswegen es gerade jetzt ratsam ist, auf wiederverwendbare Produkte wie eine Menstruationstasse umzusteigen. Ein Schwangerschaftsabbruch stellt schon in Zeiten ohne Ausgangssperre eine Tortur dar; ungewollt Schwangere werden von Ärztin zu Beratungsstelle zu Ärztin geschickt. Dies wird sich nun schwieriger gestalten. Ähnlich wird es sich bei Terminen bei Gynäkologinnen oder Endokrinologinnen, auf die sowohl cis Frauen, als auch trans Personen angewiesen sind, verhalten. Auch stellt sich die Frage, was passiert, wenn Verhütungsmittel knapp werden. Es ist zu befürchten, dass sich Männer über den Wunsch nach Verhütung hinwegsetzen werden.

Letztendlich wird vor allem die feministische Selbstorganisation erschwert, die es Frauen und queeren Menschen immer wieder ermöglicht hat, die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Frauen werden noch mehr als sonst vom öffentlichen Raum in die Privatsphäre gedrängt, wo es schwerer fällt, sich mit anderen Frauen zu vernetzen. Zwar lässt sich auf Kommunikation mittels sozialer Medien oder Telefonie ausweichen, dies lässt jedoch die Stärke, die zwischenmenschlicher Kontakt geben kann, vermissen. Gerade Frauen, die in einer missbräuchlichen Beziehung leben, haben keine Möglichkeiten mehr, auch nur für kurze Zeit das Haus zu verlassen und Hilfe zu suchen – und sei es nur in Form eines Gesprächs mit einer Freundin. Feministische Demonstrationen, Partys oder andere Formen der Raumnahme werden verunmöglicht. Deswegen gilt es gerade jetzt: Passt auf euch auf, seid solidarisch miteinander!

Wir müssen uns einerseits überlegen, wie eine feministische Organisation unter Quarantäne funktionieren kann, andererseits müssen Männer – Mitbewohner, Partner, Familienmitglieder – endlich realisieren, dass auch sie ihren Teil in Sachen Reproduktionsarbeit leisten können. Und drittens wird diese Krise, hoffentlich, endlich, dafür sorgen, dass weiblich konnotierte Arbeit als das erkannt, respektiert und entlohnt wird, was sie ist: unentbehrlich für diese Gesellschaft.

Veronika Kracher ist feministische Autorin und schreibt u.a. für ak – analyse und kritik und Jungle World

06:00 26.03.2020

Ausgabe 22/2020

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