Frauenbadi ist der Beginn einer besseren Welt

Schweiz Im Nachbarland gibt es einen Ort, der wie ein feministisches Utopia daherkommt, ohne explizit ein solches sein zu wollen
Laura Helena Wurth | Ausgabe 41/2019 4
Frauenbadi ist der Beginn einer besseren Welt
Einfach abtauchen: In der Badi haben Frauen endlich Ruhe vor den ständig plappernden und sich produzierenden Männern

Foto: Imago Images/Photothek

In der Schweiz gibt es Badeanstalten ausschließlich für Frauen. Dort tun Frauen viel, aber vor allem tun sie vieles nicht. Sie ziehen den Bauch nicht ein. Sie drapieren die Beine nicht so, dass man die Cellulite nicht sieht, und sie passen nicht nebenbei auf Kinder auf. Denn die sind nicht erwünscht. Meistens tragen sie auch kein Bikinioberteil. Diese unbewusste Verweigerung kann ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

Die Badi ist nicht viel mehr als eine Holzkonstruktion am Zürichsee, mit einer Leiter, die hineinführt. Es gibt keinen Sichtschutz und auch sonst nichts, was nennenswert abschirmen würde. Die gemischte Badi ist direkt gegenüber. Dennoch ist sie ein Ort, der nicht von Männern für Männer gemacht worden ist. Einer der wenigen in dieser Welt. Vorbeischwimmende Männer schauen betont weg, als wäre diese Trennung doch albern und das ganze barbusige Herumgehänge eigentlich doch nur gemacht, um ihnen einen Augenschmaus zu bereiten. Als wäre der Ort selbst nichts anderes als eine bauliche Manifestation des „Sich-Zierens“ und als würde es in letzter Instanz doch irgendwie um sie gehen. Doch kein Gedanke, der an diesem Ort gedacht wird, schließt Männer ein oder berücksichtigt sie. Die Frauenbadi ist kein explizit solidarischer oder feministischer Ort. Aber sie könnte als Äquivalent zum zigarrenverhangenen Hinterzimmer funktionieren. Nur schöner und gesünder. Mit Weißwein und Sonne anstatt mit Ohrensessel und Zigarre.

Hier könnten konspirative Geschäfte abgewickelt werden. Eine Art Club, in dem um Posten und Millionen geschachert wird. Denn hier haben Frauen endlich Ruhe vor den ständig plappernden und sich produzierenden Männern, die man auf der anderen Seite beobachten kann. Ruhe vor der emotionalen Arbeit, die sie unbewusst leisten, vor der Pflegearbeit, die eigentlich auch immer sie leisten. Auf der anderen Seite gibt es ein Sprungbrett, um das sich laut balzend und geifernd geschart wird. Der impulsgesteuerte Lärm weht herüber, während in der Frauenbadi seliges Gemurmel den Sound bestimmt.

Die Männer verdingen sich mit Imponiergehabe und die Frauen beginnen langsam von der anderen Seeseite aus, die Welt in ihre Hände zu nehmen und Pläne zu schmieden, wie sie den Planeten in Zukunft lenken. Männer dürfen dabei nur gucken. Nicht anfassen.

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06:00 23.10.2019

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