Gynäkologie: Die Perspektive der Frau

Frauenheilkunde Warum gibt es hierzulande immer noch
 keine Kliniken, in denen nur Frauen arbeiten? Das würde vieles zum Guten ändern

Anfang vergangenen Jahres entdeckte meine Frauenärztin hinten in der Wand meiner Scheide einen kleinen Knoten. Im Sommer hatte er seine Größe verdoppelt, sodass sie mir dringend riet, ihn entfernen zu lassen. Dies geschehe unter Vollnarkose, zuständig sei die hiesige Poliklinik in Marburg, Teil der privatisierten Uniklinik.

Einen ganzen Vormittag verbrachte ich in Arztzimmern und Wartebereichen: Mir wurde Blut abgenommen, ich musste Formulare ausfüllen, wurde über den Eingriff aufgeklärt. Den männlichen Assistenzärzten fehlte dabei jedes Feingefühl. Sie gingen offensichtlich vom Schlimmsten aus und malten es mir in den düstersten Farben aus, bis auch ich schließlich davon überzeugt war, unheilbar krank zu sein.

Meine Anspannung ließ erst etwas nach, als mich Stunden später die Oberärztin untersuchte. Der Knoten fühle sich ganz glatt an, was auf einen gutartigen Tumor hindeute, beruhigte sie mich. Doch trotz ihrer Einfühlsamkeit stimmte selbst hier für mich das Setting nicht. Ohne mich zu fragen waren auch in dieser intimen Situation die jungen Ärzte zugegen, die ich vorher als so unsensibel empfunden hatte.

Auf Chefarztsesseln sitzen überwiegend Männer

Warum werden Männer überhaupt Frauenärzte? Warum sind sie es, die überwiegend operieren? Warum ist es nicht wenigstens üblich, dass der Chirurg sich vorstellt, damit ich weiß, in wessen Hände ich mich begebe, wenn es schon nicht die nette Oberärztin sein kann? Und warum gibt es in Deutschland keine rein von Frauen betriebenen Kliniken für Frauen, die dies wünschen? Natürlich sind Frauen nicht per se die besseren Ärzt*innen. Auch unter Gynäkologinnen gibt es solche, die flapsige Bemerkungen fallen lassen oder bei der Behandlung nicht zimperlich sind, während es umgekehrt auch einfühlsame Ärzte gibt. Dennoch müsste für Frauen zumindest diese Möglichkeit bestehen.

In Deutschland dürfen Frauen erst seit rund 120 Jahren das ärztliche Staatsexamen ablegen, und noch Ende der 1970er waren 80 Prozent der Ärzt*innen Männer. Die Frauenbewegung forderte speziell mehr Gynäkologinnen. Viel zu oft werde die Pille verschrieben, ohne über die Nebenwirkungen aufzuklären, oder unnötigerweise die Gebärmutter entfernt.

Heute sind rund 70 Prozent der Frauenärzt*innen weiblich. Je höher der Posten, desto mehr gleicht sich jedoch das Geschlechterverhältnis an, und ganz oben, auf den Chefarztsesseln, sitzen immer noch überwiegend Männer. Den Hauptgrund dafür sieht die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), Christiane Groß, in der traditionellen Rollenaufteilung. Immer noch gingen vor allem Frauen in Eltern- und anschließend in Teilzeit. Bei einer halben Stelle dauere der Facharzt dann zehn Jahre. Für leitende Stellen würden zudem Forschungsergebnisse gefordert. „Wenn Frauen stärker in die Kinderbetreuung gehen, haben sie weniger Veröffentlichungen und niedrigere Operationszahlen vorzuweisen“, erklärt sie.

Die leitende Oberärztin der Frauenheilkunde am St. Josephsstift in Bremen, Katharina Lüdemann, verweist darüber hinaus auf das Problem struktureller Benachteiligung der Frauen in der Ausbildung. Viele verließen die Klinik gleich nach der Facharztprüfung. Immer mehr entschieden sich dabei für eine halbe Stelle in von Medizinkonzernen betriebenen Praxen.

Von wegen Quotenfrau

Lüdemann erinnert sich noch gut an die Hürden auf ihrem Weg nach oben: „Ich wollte gerne operieren und in der Klinik bleiben, aber ich durfte nur Aufklärungsgespräche führen, während meine männlichen Kollegen, die ohnehin die Praxis ihres Vaters übernehmen wollten, massiv gefördert wurden.“ Bis heute ist die Chirurgie eine Männerdomäne. Doch selbst wenn Frauen einen Chefarztposten ergattern, haben sie es laut der DÄB-Vorsitzenden Groß nicht leicht: Frauen seien nicht nur viel selbstkritischer als Männer, sondern würden auch von anderen viel kritischer begutachtet, selbst von ihren Geschlechtsgenossinnen. „Frauen, die ihren Posten aufgrund ihrer Qualifikation bekommen haben, werden oft behandelt als seien sie nur die Quotenfrau“, erzählt sie.

Auch in der Forschung und Lehre dominieren immer noch Männer. Mit Marion Kiechle wurde 1999 die erste Frau auf einen Lehrstuhl der Frauenheilkunde berufen. Heute sind es, laut Zeit, sieben von insgesamt 48. Ob Frauen dabei andere Schwerpunkte setzen als Männer, bezweifelt Kiechle. Auch ihr eigenes Forschungsgebiet, erbliche Krebserkrankungen bei Frauen, könnte ebenso das eines Mannes sein. Aber natürlich hat sie Vorbildfunktion.

Was wünschen sich die Frauen selbst? Beiträge in Foren deuten darauf hin, dass viele Frauen heute ihre Wahl weniger am Geschlecht festmachen. Entscheiden sie sich für einen Mann, begründen sie dies häufig mit einer behutsameren Untersuchung. Bei den Frauen, die eine Ärztin favorisieren, spielt oft Scham eine Rolle und das Gefühl, besser aufgehoben zu sein oder freier reden zu können. Es gibt aber auch solche, die zu einer Frau wechselten, weil ihr früherer Frauenarzt verbal oder körperlich übergriffig war.

Für Patient*innen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, ist der Besuch bei einem männlichen Gynäkologen ein No-Go. Doch auch der Weg in eine von Frauen betriebene Praxis fällt vielen von ihnen schwer. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schätzt, dass in Deutschland jeder dritten Frau mindestens einmal in ihrem Leben physische oder sexualisierte Gewalt widerfährt. Besonders häufig trifft es Schwangere oder Frauen kurz nach der Geburt.

Ungeachtet dessen wird das Thema Gewalt in der gynäkologischen Aus- und Weiterbildung nur unzureichend behandelt. Dies müsse sich dringend ändern, mahnen die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe in einer gemeinsamen Stellungnahme. Betroffene Frauen litten sehr viel häufiger unter gynäkologischen Beschwerden. „Fehlende und falsche Behandlungen tragen zu ihrer Chronifizierung, zu Gesundheitsschäden und dauerhafter Beeinträchtigung bei“, warnen sie. Konkrete Handlungsempfehlungen sollen ambulanten Frauenärzt*innen helfen, die Patientinnen auf Gewalterfahrungen anzusprechen, sie zu unterstützen und Untersuchungen so schonend wie möglich durchzuführen. Indem Frauen nun auch in vielen Ärztekammern in den Vorständen sitzen, rücken laut Groß neue Themen in den Vordergrund, wie Ärzt*innengesundheit, sexuelle Übergriffe im Beruf, Mobbing oder Gendermedizin.

Noch ein weiter Weg

Die Entfernung der Gebärmutter ist immer noch eine der häufigsten Operationen bei Frauen in Deutschland, sie wird aber deutlich seltener durchgeführt als noch vor zehn Jahren. Bei bestimmten Blutungsstörungen oder Myomen gibt es inzwischen gute Alternativen. Laut Lüdemann unterschreiben speziell ältere Gynäkologen schnell den Überweisungsschein, jüngere Kolleg*innen seien da zurückhaltender. „Ein großer Fortschritt bestand darin, diese Operation aus dem Operationskatalog für die Facharztausbildung herauszunehmen“, sagt die Bremer Ärztin in einem Interview mit dem Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF). Sie selbst musste sie noch 40-mal durchführen, um zur Prüfung zugelassen zu werden. Danach stelle man den Eingriff weniger infrage.

Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Für einen Paradigmenwechsel reicht es nicht, Ärztin statt Arzt zu sein. „Die feministische Frauenheilkunde stellt die Herangehensweise an medizinische Intervention (…) auf den Kopf. Ausschlaggebend für die Diagnostik, Therapie und Behandlung ist die Perspektive der betroffenen Frau“, schreibt der Arbeitskreis Frauengesundheit auf seiner Homepage. Profitorientierte Klinikchefs und Fallpauschalen machen es Gynäkolog*innen jedoch immer schwerer, die notwendige Zeit für Gespräche aufzubringen.

Inzwischen ist ein halbes Jahr seit meiner Operation vergangen. Der Tumor erwies sich als gutartig, alles ist längst verheilt. Aber der Tag der Voruntersuchung beschäftigt mich noch heute. Wie Lüdemann erzählt, müssen sich ihre neuen Assistenzärzte immer am Anfang einmal – angezogen – auf den gynäkologischen Stuhl setzen. Auch im Marburger Uniklinikum könnte dies ein erster Schritt der Sensibilisierung sein.

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