Frauenratgeber

A–Z Klingonisch sprechen beim Sex. Eine „Hexe“ sein, selber verhüten, die Vagina feiern. Und wenn alles öde ist: Das männliche Geschlecht vernichten! Noch mehr guten Rat?
Redaktion | Ausgabe 10/2018 2

A

Aussehen Schön sein, schön bleiben, hieß ein aus Amerika importierter Schönheitsratgeber, der 1955 über den Bertelsmann Lesering massenhaft unter deutsche Leserinnen gebracht wurde. Dass „Zentimetermaß und Spiegel“ über das Aussehen befinden sollten, war nach den Entbehrungen von Krieg und Nachkrieg ein Novum. Vorgeschlagen wurden nicht etwa Diäten, sondern eine „Mastkur“. Der Mangel an Mitteln sollte mit dem „Zauber der Persönlichkeit“ („bezauberndes Lächeln“, „Wohlklang der Stimme) und persönlichem Stil kompensiert werden. Neben Fotos und anregenden Zeichnungen versorgte die Autorin die Frauen lange vor dem Ökozeitalter mit naturkosmetischen Rezepten, gab Ratschläge bei Schwangerschaftsbeschwerden und für den „Kampf gegen das Altern“. Ich liebte dieses Buch meiner Mutter. Dass hinter der Herstellung der Schönheit viel Arbeit steckt, lernte ich erst später. Ulrike Baureithel

B

Bibel Als Teenie in den 70er Jahren musste frau sich entscheiden: frauenbewegt – oder nicht. Wenn ja, dann richtig, mit Frauengruppen, Demos und Diskussionen zum Geschlechterverhältnis. Das Frauengesundheitsbuch Hexengeflüster wurde unsere Bibel. Sie war Aufklärungsbuch, Informationsquelle für wirklich alle Fragen zum weiblichen Körper und ließ mit anschaulichen Bildern und Anleitungen zur Selbstuntersuchung, etwa mittels Spekulum, keine Fragen offen (Frauenkörper). Von Kritikern wurde sie als radikalfeministisch verschrien, schließlich ging es um medizinisches „Herrschaftswissen“ und körperliche Selbstbestimmung. Medizin ist kein Hexenwerk, und wer braucht schon einen Pille-verschreibenden Frauenarzt, wenn wir unseren Körper selbst genau kennen und behandeln können? Die Monatszeitschrift Clio vom Feministischen Frauengesundheitszentrum hatte einen ähnlichen Status. Es gibt sie heute noch als Halbjahresheft. Die Themen sind weicher, aber immer noch lesenswert. Jutta Zeise

D

DDR Im Osten war „die Frau vornehmlich ein gleichberechtigter Staatsbürger“. So zumindest steht es im 900-Seiten-Wälzer Die Frau, der ultimativen „Enzyklopädie“ der „allseitig sozialistisch gebildeten Persönlichkeit“. Wie gleichberechtigt Frauen in der DDR waren, entblößt sich schon im männlich geprägten Sprachbild: die Frau als Staatsbürger. Nun legten (und legen) viele Ostfrauen keinen Wert darauf, eine Lehrerin und kein Lehrer zu sein. Viel wichtiger war und ist ihnen, unabhängig leben und das machen zu können, wozu sie Lust haben.

Die Genossen hatten eine ganz eigene Vorstellung davon, wie weibliche Gleichberechtigung und Unabhängigkeit im Alltag auszusehen haben. Der Wohnung widmet Die Frau mehr als 100 Seiten: Farbgestaltung, Tapetenwahl, Einrichtung. Wohin stellt frau am besten das Sofa? Rote Wände machen ein Zimmer „erregend, aktiv“. Auch „Der Haushalt“ kommt nicht mit weniger als 110 Seiten aus: Eine Zwiebel wiegt ungefähr 50 Gramm, ein Ei schlägt frau am besten am Tassenrand auf.

Und was ist mit Sex? Keine Ahnung, steht nicht wirklich drin. Klappt schon. Dafür referieren schlappe vier Seiten im Buch über „Weiterbildung und kulturelle Betätigung“. Simone Schmollack

E

Erotikratgeber Der unerschöpfliche Erfolg des Genres Ratgeberlektüre war mir immer schon ein Rätsel. Der Unterrubrik „Erotikratgeber für Frauen“ stehe ich aber mit echter Konträrfaszination gegenüber. Eins der zahllosen amüsanten Beispiele ist das Handbuch für Sexgöttinnen: 696 Tipps für den besten Sex Ihres Lebens. Es verspricht Antworten auf Fragen wie: Wie tue ich es sandfrei am Strand? Die Autorin, „Sexpäpstin“ Nina George alias Anne West, hat weitere Knüller verfasst: Sag Luder zu mir: Gute Mädchen sagen danke schön, böse flüstern 1000 heiße Worte. Sie scheint eine intime Kennerin der Materie zu sein. Kostprobe? „Schreiben Sie Ihrer Vagina einen Brief, in dem Sie Ihre Vorzüge und Bedürfnisse erklären“ oder „Weil Männer Star Trek lieben, sollten Frauen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, indem sie dabei vulkanisch oder klingonisch sprechen“. Elke Allenstein

100 Jahre Frauenwahlrecht

1918, vor einhundert Jahren, durften in Deutschland Frauen das erste Mal an die Wahlurne treten. Grund genug für die Freitag-Redaktion, zum Internationalen Frauentag die Hälfte dieser Ausgabe der Hälfte der Menschheit zu widmen: Frauen. Eine Ausgabe, die das Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht zum Anlass nimmt, um sowohl an den Kampf von Frauen- und Wahlrechtlerinnen in Deutschland, England und der Schweiz zu erinnern als auch den Blick über die Historie hinaus zu weiten. Wir rücken den Druck, dem Frauen heute ausgesetzt sind, in den Fokus:

Wie sie es auch anstellen, irgendetwas daran ist immer falsch. Warum? Weil es kein eindeutiges Frauenbild gibt, so wie noch vor einigen Jahrzehnten? Dafür gibt es jede Menge vorherrschende, meist eindimensionale Zuschreibungen: Weibchen mit Kernkompetenz für Kinder, Küche, Vorgarten. Oder machthungrige Karrierefrauen, denen feminine Eigenschaften abhandengekommen sind.

Haben Frauen eine andere Wahl? Dürfen sie einfach so sein, wie sie nun mal sind: stark, schwach, Mutter, kinderlos, Chefin, Hausfrau? So unterschiedlich also wie das Leben selbst? Und eine Wahl jenseits der fakultativ-obligatorischen Möglichkeit, über den Bundestag, ein Kommunal- oder Landesparlament mitzuentscheiden?

Lesen Sie selbst!

F

Frauenkörper Es ist ein Klassiker, erst recht seit seiner stark erweiterten Neuauflage 2012: Frauenkörper neu gesehen – ein illustriertes Handbuch von der sexpositivistischen Aktivistin und Pädagogin Laura Méritt. Auf 214 Seiten wird man über Anatomie und Sexualität, Orgasmen, Verhütung, Safer Sex und Frauengesundheit informiert (Bibel), alles in wertschätzender Sprache und geschmackvollerweise mit Zeichnungen statt Fotos illustriert. Besser als jedes Aufklärungsbuch. Ich hätte es meinem Spätteenager-Ich gewünscht. Sophie Elmenthaler

K

Kameradschaftsehe Mit dem Schlagwort „die Sexualnot der Gegenwart“ wurde in der Weimarer Republik das Problem fehlender Sexualaufklärung und der Krise der traditionellen Ehe umschrieben. Ideologisch oder sexualtherapeutisch gefärbte Eheratgeber waren begehrt. Mit einer „Kühnheit, die vor nichts zurückschreckt“, wurde das Ehebuch des antiklerikal gestimmten amerikanischen Jugendrichters Ben B. Lindsey Die Kameradschaftsehe (The Companionate Marriage) angekündigt. Darin schlug er eine Art Ehe auf Probe vor, während der die jungen Partner mit Verhütungsmitteln versorgt werden sollten. Unterstützung fand er beim deutschen Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Das Werk landete auf den Scheiterhaufen der Nazis. Ulrike Baureithel

M

Manifest Als Anleitung zum Männermorden geistert Valerie Solanas’ 1969 verfasstes Manifest SCUM durch die Gemüter. Das ist ein Missverständnis, der Titel ist kein Akronym für Society for Cutting Up Men (Gesellschaft zur Zerstückelung von Männern). Dieses dichtete der Herausgeber hinzu. Solanas’ durch Wahnvorstellungen motivierter Mordversuch an Andy Warhol liegt als Schatten über ihrem Text. Das vernebelt die erhellende, beißend-ironische Qualität dieser Abrechnung mit allen Männern und Frauen, die das Patriarchat stützen. Zugleich kritisiert sie ziemlich alles, was in der Welt schiefläuft, wie die ersten Sätze klarstellen: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und abenteuerlustigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ Tobias Prüwer

P

Perfekte Ehefrau Ein Handbuch für die gute Hausfrau kursiert als PDF im Internet und soll als angeblicher 1955 erschienener Ratgeber das Bild einer für Frauen düsteren Zeit zeigen. Nun handelt es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Schwindel. Doch solche Handreichungen kursierten wirklich. So wurde das 1930 erschienene Buch Wie mache ich meinen Mann glücklich? noch 20 Jahre später verschenkt.

Darin kann man erfahren, wie die gute Ehefrau das Männlein mit einem Katerfrühstück aufpäppelt. Welche Schnittchen beim „zwanglosen Bierabend“ zu reichen sind, bei dem Männer gern unter sich sind. Und beim wöchentlich obligatorischen „Männes Skatabend“ wird „Frauchen alles tun, um ihn den äußerlich recht angenehm zu machen“. Alles ist auf den Mann ausgerichtet. Stört die häppchen- und bierreichende Anwesenheit der Frau die Skatrunde, kann sie freimachen oder sich der Handarbeit widmen. Das Buch ist als eine ausdrückliche Warnung vor jenen zu verstehen, die die „gute alte Familie“ zurückfordern. Tobias Prüwer

S

Sie Eine Freundin fand ihn vor einigen Jahren auf dem Flohmarkt: den knallpinken Ratgeber für „Sie“ (Anführungszeichen im Original) von Bertelsmann 1963. Darin enthalten 63 Seiten Auszüge aus verschiedenen Publikationen mit allem, was eine Frau wissen muss: wie sie sich schminkt und anzieht, den Haushalt zusammenhält (DDR) und sich um die Kinder kümmert. Make-up? Um Himmels willen nicht zu viel. „Mädchen, die sich einen lasterhaften Mund malen, wirken damit nicht anziehend, sondern abstoßend“, und: „Färben Sie Ihre Augen tagsüber nie mit irgendwelchen Lidschatten“. Mode? Aus Kostengründen am besten selbst genäht. Haushalt: Führen Sie ein Kassenbuch, nicht zuletzt als unersetzliches Beweismittel gegenüber dem (natürlich alleinverdienenden) Ehemann.

Kindererziehung: Verbringen Sie bloß nicht zu viel Zeit mit Ihrem Kleinkind, beschränken Sie sich aufs Füttern und Wickeln und lassen Sie das Kind ansonsten allein. Der Säugling würde Schaden leiden, wenn die Mutter ihrem Instinkt folgt und das Kind nicht zu von ihr festgelegten Zeiten füttert, sondern wenn es Hunger hat. Will ein Kind beim Abstillen nicht auf Brei umsteigen, soll sein Willen durch Hunger gebrochen werden. Falls noch irgendjemand Zweifel an den Errungenschaften der Frauenbewegung insbesondere in der BRD hatte: Nach der Lektüre dieses Büchleins ist man kuriert. Sophie Elmenthaler

V

Vulva Unbeschreibbar ist das Genital des Mängelwesens Frau, wenigstens lautet so ein gängiges Ressentiment. Diesem geht Liv Strömquist nach. Ihr mit Fußnoten gespickter Infocomic Der Ursprung der Welt enthüllt den Mythos des unsichtbaren Geschlechts und das männliche Forscherinteresse daran. Strömquist spiegelt zugleich einen Weiblichkeitswahn, den sie am Vulvakult festmacht. „Da werden Frauen aufgefordert: Sei stolz auf deine Vulva. Aber niemand würde sagen, man solle stolz auf seine Leber sein.“ Das laufe auf gleicher Ebene wie die Unterdrückung.

Die kulturhistorischen Exkurse zeigen das Unbehagen am „anderen Geschlecht“, welches Männer immer wieder antrieb, die Vulva zu analysieren und definieren. Strömquist macht sich lustig über ihre Versuche, über die sexuelle Identität ihrer „Untersuchungsobjekte“ zu regieren und in ihre Norm zu pressen, etwa wenn es um Intersexualität ging. So wird das in cartoonhaften Schwarz-Weiß-Zeichnungen gestaltete Buch auch zum starken politischen Plädoyer für die individuelle Selbstbestimmheit jenseits der Geschlechterbinarität. Tobias Prüwer

Z

Zeitschriften Frauen wollen Männer, die entscheidungsfreudig sind. Umgekehrt ist es ähnlich. Ich suchte oft Rat bei Freunden, sie sollten mich bestätigen oder abhalten. Bis sie sagten: Entscheide selbst! Zeitschriften sollten helfen, aber taten es nicht, es hieß da immer nur Bauch oder Gefühl, Pro & Contra, Qual der Wahl. Psychologie Heute aber fragte: „Gibt es eine Strategie für die richtige Entscheidung?“ (Ausgabe vom Oktober 2015). Die Philosophin Ruth Chang gibt darin Schritte vor: Entscheidungsart bestimmen, von innen heraus Gründe finden. Sich fragen: Wer kann ich mit der Entscheidung sein? Veränderungen einplanen, dazu stehen. Und im Zweifel: die Entscheidung verzögern. Maxi Leinkauf

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06:00 26.03.2018

Ausgabe 43/2020

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