Fred und ich

"He", sagte Basine und hielt Fred eine Banane hin, die er, als Fred zugreifen wollte, sofort wieder zurückzog. Ich stand dicht daneben, hatte gerade ...

"He", sagte Basine und hielt Fred eine Banane hin, die er, als Fred zugreifen wollte, sofort wieder zurückzog. Ich stand dicht daneben, hatte gerade mit Fred einige Worte gewechselt, wie es so schön heißt, na ja, gewechselt nicht, ich hatte ihm einiges gesagt und Fred hatte geschwiegen.

So was kann man nicht unbedingt Worte wechseln nennen. War ja eigentlich auch nur Larifari, was ich Fred unter die Nase gerieben hatte. "Heut bist du dran", das wars dann auch schon, was ich Fred gesagt hatte. Ich hab, soweit ich mich erinnere, ganz deutlich auf "Du" betont. Ich denke, Fred müsste das richtig verstanden haben, es war doch wie jeden Tag und nicht besonders anders, außer, dass eben Markt war wie mittwochs immer und wir wieder mal vor Basines Bude standen. Fred hielt seine rechte Hand ausgestreckt, er wartete auf die Banane, die Basine aber schon wieder zu den übrigen geworfen hatte, und ich lachte laut "Hoho", und Basine schrie wieder seinen Kampfschrei in die Menge "Heute frische Apfelnanen und Basinen, direkt vom Strauch rein in´n Bauch", das kannten die Leute, und die Leute kannten natürlich uns drei, Basine, Fred und mich.

Sonst sitzen wir immer am Brunnenrand, Fred und ich, sommers wie winters, winters höchstens eine Stunde, das ist meistens auszuhalten bei den Wintern wie jetzt, aber sommers wird´s schon mal länger, da schmeckt das Bier besser, wenn die Luft brennt. Deshalb holen wir die Büchsen ja auch einzeln aus dem Laden, mittwochs immer von Basine, denn im Beutel werden die sonst zu schnell warm, da kannste die noch so lange in den Brunnen stellen, die werden eben warm. Weil das Brunnenwasser, na klar, ist auch warm. Deshalb einzeln. Freds Lieblingsplatz am Brunnen ist neben dem alten Handweber, ich sitz neben den singenden Kindern. Am Anfang, als der Brunnen gerade erst dastand, hab ich der einen Figur zur Begrüßung immer den Arm hochgezerrt und ihn dann zurückfallen lassen, der ist nämlich beweglich.

Der Brunnen ist ein Geschenk von einem Wessi, der mal hier bei uns gelebt hat, bis er dann abgehauen ist und drüben wieder in Textil gemacht hat und dann wieder hier in Textil, bis er pleite war. Aber der Brunnen ist ein Geschenk, und der steht und steht, ohne sich von der Pleite seines Spenders beeindrucken zu lassen.

Im Sommer ließ Fred die Beine im Brunnenwasser baumeln, ich meinte aber, das wäre eine Sauerei, der schöne Brunnen und Freds Füße mit den langen Krallen. Mensch, Fred, sagte ich dann jedesmal, da brauchste ja einen Bolzenschneider, wenn du dir die Nägel abzwicken willst. Das störte ihn aber nicht, ich hatte schon lange den Eindruck, dass Fred immer mehr in sich gekehrt war.

Vor einem Jahr noch, ja, da. Da war Fred noch ganz der Alte, wie ich ihn von der "Börse" her kannte, damals zu Ostzeiten. Da war Fred ein Urvieh, wenn der von der Schicht kam, war in der "Börse" allerhand los. Manchmal brachte er einen ganzen Stapel Beutel mit, aus Resten von Schirmseide genäht. Mit den Beuteln konnte man immer was anfangen, einen Beutel hatte man immer bei sich. Beutel waren lebenswichtig, so wie der Hänger fürn Trabbi. Gebrauchen konnteste immer was, und ohne Beutel oder Hänger sah es schlecht aus.

Fred hatte immer noch so einen Beutel bei sich, den hielt er in Ehren, wenn auch die beiden Henkel schon hart waren wie ein Koffergriff. Aber der hatte kein Loch, war eben Schirmseide.

Jetzt also stand Fred mit der ausgestreckten rechten Hand vor Basines Bude, in der linken Hand hielt er seinen Beutel aus Schirmseide, den mit den Henkeln hart wie´n Koffergriff, und konnte´s nicht so recht fassen, dass Basine sich so einen blöden Scherz geleistet hatte. Das auch noch vor allen Leuten.

Wie gesagt, ich hatte schon seit einiger Zeit bei Fred so etwas wie Leckt mich doch alle bemerkt, so eine Art Heimweh. Ja, genau, Heimweh war wohl richtig, und ich dachte, dass Fred ja gar kein Heimweh haben musste, er war zuhause und niemand hatte ihn in die Ferne geschickt.

Fred ließ langsam seine rechte Hand runter, rings lachten immer noch einige Leute, und ich nahm Fred am Arm und sagte: "Komm, wir gehen zum Brunnen, meinswegen bin ich heute noch mal dran, Basine, ein Duo", sagte ich zu Basine, und der reichte zwei Büchsen raus.

Basines Bude steht, natürlich nur mittwochs, wenn Markt ist, direkt am Rathaus. Das ist Basines Stammplatz. Unser Rathaus ist seit´n paar Jahren fein rausgeputzt und hat im Turm ein Glockenspiel, das kann drei oder vier Lieder. Ich weiß nicht genau welche, wenn man die Lieder jeden Tag paarmal hört, vergisst man sie wieder oder hört einfach nicht mehr hin, aber das Feierohmd-Lied ist dabei, das gehört zum Markt wie der Arsch auf´n Nachtopp.

Fred setzte sich auf seinen Platz neben den alten Handweber und ich hob den Bronzearm des singenden Kindes und machte alles wie jeden Tag. Nur Fred nicht, der starrte geradeaus und guckte immer mal hoch in den Himmel, so, als würde er Sterne beobachten, obwohl ja gar keine zu sehen waren.

"Lass zischen, Fred", sagte ich und merkte, dass es ungewohnt fröhlich klang, was ich da sagte, denn sonst sage ich rein gar nichts. Und da fingen die Glocken vom Rathausturm mit dem Feierohmd-Lied an, das war wie´n schwerer Nebel vom Himmel runter, und Fred stand plötzlich mitten im Brunnen neben dem alten Handweber, der so zufrieden auf seine fleißigen Hände guckt, tagaus tagein, und da öffnete Fred den Mund und sang laut das Feierohmd-Lied mit. Er sang nicht den ganzen Text, sondern nur immer "´s is Feierohmd, ´s is Feierohmd", und an der zweiten Stelle, wo´s heißen muss "Das Tagwerk is vullbracht" sang Fred ebenfalls "´s is Feierohmd", ganz schön schwierig, weil er doch den Feierohmd auf die ganze Melodie ausweiten musste, aber so, wie Fred das hinkriegte, gabs nichts zu meckern.

Ein paar Leute lachten wieder. "Na, Fred, hast schon ganz schön geladen, was", meinten welche, und mancher sang mit "´s is Feierohmd, ´s is Feierohmd, das Tagwerk is vullbracht, ´s geht alles seiner Haamit zu..." na, und so weiter, jeder kennt das Lied bei uns, und fast jeder findet das

Lied zum Heulen, obwohl man´s ja ganz wörtlich nehmen kann, Feierabend ist ja, wenn man was gemacht hat, aber der Sinn ist schon lange verloren gegangen, sie spielen das Lied heute hauptsächlich bei Beerdingungen, ist es da ein Wunder, wenn Fred nun auch noch anfing zu heulen und trotzdem immer weiter Feierohmd sang.

Ich stand ziemlich ratlos da, ich wusste das alles nicht einzuordnen, die Leute, die um mich herum sangen und Basine, der wie wild alle übertrumpfen wollte mit seinem Kampfschrei:

"Heute wieder frische Apfelnanen und Basinen, direkt vom Strauch rein in´n Bauch", und Fred, der immer stärker aufdrehte, ich hätte nie gedacht, dass Fred so eine laute Stimme zusammenbrächte.

Aus dem Rathaus kam die Marktleiterin geprescht und wollte wohl nachgucken, was hier losging. Es war ja auch beängstigend, alle sangen das Feierohmd-Lied und die Marktleiterin schrie Fred zu: "He, Fred, wir sind doch nicht bei neunundachtzig." Der dreht jetzt durch, dachte ich, der Fred ist am Ende, Mensch, Fred, beruhige dich, du singst dich noch in die Grube oder in´ n Knast oder in die Klapper.

Das Glockenspiel war längst aus, aber der ganze Marktplatz sang weiter, ´s is Feierohmd, ´s is Feierohmd und Basine konnte sich nicht mehr behaupten gegen den übermächtigen Gesang der Leute. War doch tatsächlich wie damals, wir sind das Volk, nur dass die Leute keine leeren Beutel trugen, sondern neue Taschen mit Aal drin und Schweizer Käse und Apfelnanen und Basinen, und ich wünschte mir den Brunnenstifter her, dass er sagen würde, He, Fred, ich stell dich ein als Webmeister, aber das ging ja nicht mehr, der Brunnenstifter war ja auch längst Pleite und wieder im Westen ...

Und da kam die Polizei.

Ganz schnell hatten die Leute gemerkt, dass die Bullen da waren, und ganz schnell bildeten sie einen Kreis um den Brunnen und ließen niemanden an Fred ran. Als ich sah, wie Fred seine Bierbüchse hob, hab ich mich in die Schussrichtung geschmissen, das war eine innere Eingebung, denn in dem Moment dachte ich, dass Fred mit seiner Bierbüchse gar nicht die Bullen meinte oder mich oder sonstwen, irgend etwas, das gar nicht anwesend war, meinte Fred, und für Fred muss das irgendwie ein Feind gewesen sein.

"Ihre Nase, eijeijei", sagte der Oberarzt heute früh bei der Visite. "Wird wohl nie mehr ganz gerade...", und ich sollte Fred verklagen wegen Körperverletzung.

Fred liegt in der Psychiatrie gleich nebenan, die werden Fred wieder hinkriegen, man macht heute schon viel möglich.

Die Geschichte ist der Anthologie Die grünen Hügel Afrikas entnommen. Das Buch ist zur Leipziger Buchmesse im März 2004 bei Faber Faber Leipzig erschienen.

Peter Schönhoff wurde 1938 in Breslau geboren.


00:00 21.05.2004
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