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Gaza-Hilfe Wenn israelische Marine-Einheiten Gaza-Hilfsschiffe in internationalen Gewässern kapern, ist das nicht ein Akt der Piraterie, sondern auch ein Augenblick der Schande

Vor wenigen Stunden wurde nun auch das letzte Schiff des Gaza-Hilfskonvois von der israelischen Marine aufgebracht – der irische Frachter Rachel Corrie, der wie die anderen Boote der "Soldaritäts-Flottilla" Hilfsgüter in den seit 2006 abgeriegelten Gaza-Streifen bringen wollte. Zunächst war der Kapitän dazu aufgefordert worden, unverzüglich den Hafen Aschdod anzulaufen und seine Fracht dort zu löschen. Als der sich weigerte, kaperten Spezialeinheiten die Rachel Corrie, zu deren Crew auch die irische Friedensnobelpreisträger Mairead Corrigan-Maguire und der ehemalige UN-Koordinator für den Irak, Dennis Halliday, gehören.

Auch nach den erschütternden Geschehnissen vom 31. Mai, als bei der Besetzung des türkischen Schiffes Mavi Maramar neun türkische Gaza-Aktivisten starben, weicht die Regierung Netanyahu keinen Millimeter von ihrer Position, die Gaza-Blockade mit allen Konsequenzen aufrechtzuerhalten.

Eine lokale Fernsehstation berichtete vor einer Woche von einer Gruppe Israelis, die an Verschwörungstheorien glauben. Sei seien davon überzeugt, dass George W. Bush die Zwillingstürme von New York ­zerstören ließ, um seine niederträchtigen ­Pläne voran zu bringen. Sie glauben, dass große pharmazeutische Firmen den Schwei­negrippe-Virus verbreiten, um ihre Impfstoffe zu verkaufen. Sie denken, dass dem Trinkwasser Fluoride beigegeben werden, um Männer zu sterilisieren.

Ich frage mich, warum sie noch nicht die ruchloseste aller Verschwörungen entdeckt haben: Dass Israel von einer Regierung geführt wird, die ihre Macht dazu benutzt, den jüdischen Staat zu zerstören. Beweise? Nichts leichter als das. Es reicht als Beispiel, wie in den vergangenen Tagen gegen die Free-Gaza-Bewegung vorgegangen wurde.

Wahnsinnige Aktionen, wie sie nur von einer Regierung ausgehen können, die sämtliche rote Linien hinter sich lässt. Ein Beleg dafür, dass unmenschlichem Vorgehen ausgesetzt sein kann, wer menschlich handeln will. Es bleibt lebensgefährlich, einem Volk beistehen zu wollen, das unter den Augen der Weltöffentlichkeit ohne Recht auf staatliche Existenz bleibt.

Nur wer jede Verbindung zur Realität verloren hat, kann so etwas tun: Schiffe, die Hilfssendungen aus aller Welt befördern, in internationalen Gewässer aufzubringen, anzugreifen und deren Passagiere teilweise zu töten.

Der 31. Mai wie auch der 5. Juni sind Tage der Schande für Israel, aber auch Augenblicke großer Besorgnis, weil wir entdecken mussten, welch verantwortungslosen Leuten wir unsere Zukunft anvertraut haben. Es waren Tage, an denen der Name des Landes vor aller Welt beschädigt wurde, weil Israel einen überzeugenden Beweis seiner Aggressivität abgelegt und damit die wenigen noch verbliebenen Freunde entmutigt hat.

Versprechen von Oslo

Wann, wenn nicht jetzt, ist an der Zeit, die Belagerung des Gaza-Streifen zu beenden, die den Bewohnern nur schweres Leid zufügt. Sollten wir uns von diesem Gebiet wirklich getrennt haben, wie das mit dem Abzug von Soldaten und Siedlern im August 2005 zum Ausdruck kam, kann das nicht bedeuten, anschließend jahrelang eine Blockade zu verhängen und Soldaten zu postieren, um auf jeden zu schießen, der versucht, dorthin zu gelangen. Der Staat Israel versprach im Oslo-Abkommen von 1993, den Bau eines Tiefseehafens vor Gaza-Stadt zu ermöglichen und den Palästinensern den freien Zugang zu internationalen Handelsrouten zu sichern. Es wird Zeit, dieser Verpflichtung nachzukommen. Erst wenn ein Gaza-Hafen von jedem Schiff genauso angelaufen werden kann wie die Quais von Haifa und Aschdod, wird sich Israel tatsächlich vom Gaza-Streifen getrennt haben. Bis dahin wird die Welt weiterhin und zu Recht Gaza als einen Ort der Besatzung ansehen und den Staat Israel für das Schicksal der dort lebenden Menschen verantwortlich machen.

Wieder heimisch fühlen

Um aber auf die Verschwörungstheoretiker zurückzukommen – welcher Feind Israels könnte ausgerechnet Avigdor Lieberman zum Außenminister ernannt haben? Es ist die Mission eines solchen Ressorts, Freundschaften zu stiften und die Welt davon zu überzeugen, dass Israel ein friedensfähiger Staat ist. Lieberman arbeitet hart und geschickt daran, dass Israel ausnahmslos von allen gehasst wird. Oder der Innenminister Eli Jischai – er arbeitet von morgens bis abends, um die Verteidiger der Menschenrechte zu schockieren und den schlimmsten Feinden Israels Munition zu liefern. Er verhindert, dass Frauen zu ihren arabischen Männern nach Israel kommen können. Er deportiert Kinder von Gastarbeitern, die diesen Staat mit aufgebaut haben.

Ich habe eine Theorie, die vieles von dem, was israelische Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten getan und bewirkt haben, erklären mag. Jahrhunderte lang wurden Juden im christlichen Europa verfolgt. Antisemitismus machte ihr Leben zur Hölle. Sie wurden Opfer von Pogromen und Massenvertreibungen, sie waren in Ghettos eingesperrt, durch Edikte und Gesetze diskriminiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sie geistige und praktische Verteidigungsmechanismen, Methoden zum Überleben und Wege der Flucht.

Seit dem Holocaust hat sich die Lage radikal verändert. In den USA lebt die jüdische Community oft wie in einem Paradies. Seit der Staat Israel entstand, zog er weltweite Bewunderung und Sympathie auf sich. Das war wunderbar, aber unter der Oberfläche des nationalen Bewusstseins – wenn man verallgemeinern darf – stellte sich ein Gefühl der Beklommenheit ein. Der altbewährte Verteidigungsmechanismus, der den Juden ein Gefühl der Orientierung und Bereitschaft für lauernde Gefahren gab, brach zusammen. Sie fühlten, dass die wohl bekannten Wegzeichen keine Gültigkeit mehr besaßen. Wenn die Nicht-Juden die Juden lobten und sich mit ihnen sogar verbündeten, dann schien das verdächtig. Die Dinge zeigten sich nicht mehr so, wie wir das gewöhnt waren. Seitdem arbeiten wir fieberhaft daran, die einstige Situation zurückzuholen. Ohne dass es uns bewusst wird, tun wir alles, um uns auf dem bekannten Grund und Boden wieder heimisch zu fühlen.

Wenn es eine Verschwörung gibt, dann ist es eine Verschwörung von uns selbst gegen uns selbst. Wir werden nicht ruhen, bis die Welt wieder antisemitisch ist. Dann wissen wir, wie wir uns verhalten müssen. So wie das fröhliche Lied geht: „Die ganze Welt ist gegen uns, aber zum Teufel …“

Uri Avnery war jahrzehntelang Knesset-Abgeordneter und ist Begründer der Friedensorganisation Gush Shalom

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10:55 02.06.2010

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