Freie Republik Uzupio

Litauen Reise zum Mittelpunkt Europas

Kein Mensch fährt im Winter nach Litauen", murmelt der polnische Schlafwagenschaffner, als ich beim Einsteigen in Warschau verwundert frage, weshalb der Nachtzug nach Vilnius nur drei Waggons hat. Immerhin bin ich nicht der Einzige, der das Verlangen hat, das Florenz des Norden zu besuchen. Eine stolze russische Geschäftsfrau mit Bodyguard und etlichen Vuitton-Koffern, zwei kiffende dänische Rucksacktouristen und vier Warschauer Opernfreunde, die zur Premiere von Carmen ins ehemals polnische Wilna reisen. Ich fahre aus dem selbem Grund hin, obwohl kein Opernfreund, nur Freund des polnischen Gastregisseurs aus Lodzer Filmschultagen. Ein Blick aus dem Fenster in die kristallklare masurische Nacht, in der die Wölfe heulen, erinnert mich daran, dass ich seit dem Ende des Kommunismus nicht mehr das Bedürfnis hatte, gen Osten zu reisen. Bis dahin war Warschau für mich die interessanteste, weil westlichste Stadt Osteuropas. Jetzt tanzt sie den Blues des dummen, angeberischen Kwasniewski-Kapitalismus und ist weniger interessant als Katowice.

Und es leuchtete diese Stadt *

Der Bahnhof von Vilnius lässt Schlimmes befürchten, doch in Osteuropa kann man einen Ort nicht nach seinem terminus technicus beurteilen, und der Bahnhofsplatz bietet schon ein ganz anders Bild. Statt Lada und Wolga fahren Mercedes-Taxen den Ankommenden ins Zentrum. Es geht steil bergab in die Unterstadt, vorbei an frisch verputzten Barock-Kirchen, von denen Vilnius mehr hat als Prag und Wien zusammen, vorbei an russischen Zwiebeltürmen und gotischen Backsteinklöstern. Trotz Dauerregens strahlt die Stadt eine holländische Helle und hanseatische Beschaulichkeit aus, die man nach 200 Jahren zaristischer Herrschaft und 50 Jahren (seit 1940) Sowjetmacht kaum erwartet. Der Wille zur Vitalisierung des urbanen Lebens ist unverkennbar und macht mittels Investitionen ausländischer Banken und modernster Technik Fortschritte, die für osteuropäische Verhältnisse atemberaubend sind. Das hat wie überall im Westen hier jedoch nicht zur Folge, dass ganze Teile der sanierungsbedürftigen Innenstadt abgerissen werden, um Einkaufszentren Platz zu machen. Es scheint, dass in Vilnius klügere Stadtplaner am Werk sind, die Altes und Neues in vernünftiger Balance halten.
Schon in den Siebzigern kaufte Litauen ein schwedisches Betonplattenwerk und errichtete eine Trabantenstadt für Vilnius, die in ihrer Formenvielfalt und Haltbarkeit Maßstäbe für ganz Europa setzte. Heute lockern kubische Glaskonstruktionen und knallbunte Supermärkte das Betongrau der Nordstadt auf. An jeder Kreuzung stehen die postmodernen Pagoden der Autokonzerne. Doch noch immer dominiert der gute alte Trolleybus den öffentlichen Nahverkehr, in dem die Menschen hinter beschlagenen Scheiben wie die Toten Seelen Dostojewskis erscheinen. Von einer Brücke über die Neris blicken die Helden der Arbeit grimmig auf das neue Vilnius, dessen freie Bürger heute arbeiten, um zu leben, statt umgedreht. Allerdings liegt die Erwerbslosenquote in der Hauptstadt bei 5,8 - im Landesdurchschnitt bei 8,4 Prozent.

Die Sprache wandelt sich

Das heutige Vilnius mit seinem 500.000 Einwohnern lässt nichts vermissen, was westeuropäische Hauptstädte zu bieten haben. Fußgängerzonen mit babylonischen Einkaufstempeln, Designer-Läden wie Kunstgalerien mit teuren Billigklamotten Made in China, Fast-Food-Restaurants mit dem Charme trockengelegter Aquarien, Zeitungskioske, klebrig-bunt wie Bonbonieren.
Autos aus sozialistischer Produktion sind nicht einmal mehr als kuriose Oldtimer gefragt. VW baute ein neues Werk außerhalb der Stadt, ist aber nicht der Platzhirsch unter den vierrädrigen Freiheitssymbolen. SAAB und Volvo beherrschen den hektischen Verkehr neben Kleinwagen aus Japan und Luxuskarossen mit dem "guten" Stern - am Steuer russische Recken in schwarzen Lederjacken, die neuen Herren aus der alten Nomenklatura. Die kontrolliert noch immer die finanziellen und politischen Geschäfte des Landes, auch wenn das litauische Parlament von bürokratischen oder kriminellen Seilschaften nichts wissen will.
Umso mehr bemüht sich die Regierung, der nicht wenige im westlichen Exil aufgewachsene Männer und Frauen angehören, Transparenz und Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Bisweilen mit unorthodoxen Mitteln. Arturas Zuokas, der junge Bürgermeister von Vilnius, ließ eine Webcam in seinem Amtszimmer installieren und kann im Internet beim Bürgermeistern betrachtet werden. Und vor dem Sitz des litauischen Präsidenten Valdas Adamkus steht keine Militärwache. Ich gehe hinein und frage den Pförtner, ob ich den Präsidenten sprechen könne. "Gewiss", meint der Einlasser, "leider ist Herr Adamkus gerade im Opernhaus und sieht sich die Generalprobe von Carmen an, weil er am Tag der Premiere zu einer Umweltkonferenz im Ausland ist." Jeder im Land weiß, dass der Präsident zwei Leidenschaften hat, die Oper und die Ökologie. Beides ist kostspielig, aber gut für die Seele.
Und Litauen ist die gute Seele des Baltikums. Als ich mich verabschiede, empfiehlt mir der für einen Pförtner viel zu polyglotte Mann eine Besichtigung des Kernkraftwerkes Ignalia. Ich solle mich als Journalist davon überzeugen, wie sauber und sicher die heimische Atomkraft sei. Ich ziehe es vor, um russische Reaktoren einen Bogen zu machen und sehe mir lieber die Ausstellung Moskauer Zeiten im Museum für moderne Kunst an. Die Werke russischer Künstler haben auf der Biennale in Venedig Aufsehen erregt. Die Installation Koma von Alexandr Brodsky zeigt die Versuchsanordnung einer Umweltkatastrophe - in ein maßstabsgetreues Miniatur-Moskau tropft aus zwei Dutzend Plastebehältern Tinte. Über Wochen hinweg kann man verfolgen, wie die Stadt an der Moskwa allmählich in einer schwarzen Brühe versinkt.
Doch Vilnius ist eine der saubersten Städte, die ich je sah, und die einzige, wo man vergeblich Graffiti an den Häuserwänden sucht. Eine besprühte Mauer steht nur gegenüber der Botschaft Belgiens, eine Auftragsarbeit der Stadt für ein Frank-Zappa-Denkmal, das weltweit einzige für den 1995 verstorbenen Pop-Exzentriker. Populärer ist die Säule mit dem Beton-Ei, dem Symbol der Surrealisten, im Herzen von Uzupis. Der malerische Stadtteil am Hang vis-à-vis der Altstadt ist das Montmartre der litauischen Künstler. Die Grafiken sind weltberühmt, die Gemälde weniger, an den Kneipenwänden der Freien Republik Uzupio aber, deren Bewohner eigene Pässe haben, findet man erstaunliche Werke junger Konzeptkünstler.

Armer Christ sieht das Ghetto

Die legendäre Altstadt - sie steht seit 1994 unter dem Schutz der UNESCO - ist inzwischen zu zwei Dritteln restauriert und atmet wieder den philanthropischen Geist der italienischen Renaissance. Eine der stillsten Gassen heißt Literatu. Hier erhalten Schriftsteller bevorzugt Wohnungen, deren moderner Komfort hinter ehrwürdigen Fassaden alles andere als muffig ist. Das benachbarte Wilnaer Ghetto, in dem bis 1941 vorwiegend arme Juden hausten, danach keine mehr, ist heute das Juwel unter den 112 Quartieren der Altstadt. Die Preise für Eigentumswohnungen sind exorbitant,
doch niedriger als in Jerusalem. Das neue jüdische Leben hat etwas Künstliches, weil es zwar diverse Museen, aber kein traditionelles jüdisches Gewerbe mehr gibt. Eine Synagoge wurde stellvertretend für hundert Bethäuser restauriert.
Im Januar übergab die litauische Jüdische Gemeinde 350 Gebetsrollen an den obersten israelischen Rabbiner Meir Lau. Sie wurden von Atanas Ulpis, einem Buchhändler aus Vilnius, über die Jahre des stalinistischen Terrors versteckt, als Thora-Rollen zum Heizen benutzt wurden. Ulpis bewahrte zudem von jedem altlitauischen Manuskript eine Kopie in seiner geheimen Buchkammer auf. Darunter eine Abschrift der Quedlinburger Chroniken, in denen 1009 erstmals ein Land Lituae erwähnt wird. Dessen Bevölkerung muss recht unchristlich gewesen sein, denn verzeichnet wird unter anderem ein Mord an einem Erzbischof, den man solange auf den Kopf schlug, bis seine Seele gen Himmel fuhr.

Das Lied vom Weltende

1989 maßen französische Geographen mittels Satellitenfotos die Landkarte der Erde neu und legten die geometrische Mitte Europas 25 Kilometer nördlich von Vilnius fest. Zwei Jahre später rückte die einstige Sowjetrepublik schlagartig ins Zentrum der Weltöffentlichkeit, als russische Panzer auf Gorbatschows Befehl die Fernsehstation von Vilnius angriffen und ein Blutbad anrichteten. Die Wiedergeburt der nationalen Unabhängigkeit konnten jedoch weder Militärgewalt noch Wirtschaftsboykott des Kreml verhindern. 1993 verließ der letzte Rotarmist das Land, das 1940 im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes an die Sowjetunion gefallen war. In den Jahren darauf, nach dem 22. Juni 1941, wurden 200.000 Juden - 94 Prozent der semitischen Bevölkerung - von den Deutschen mit tatkräftiger Hilfe eines litauischen Polizeikorps ermordet. Innerhalb weniger Jahre verlor das Land ein Viertel seiner Bevölkerung (**).
Weitere 20.000 starben als Partisanen nach 1945 bei Vergeltungsaktionen der Roten Armee in einem aussichtslosen Krieg, der bis 1953 dauerte. In sowjetischen Spielfilmen wurde stets der Eindruck erweckt, der litauische Widerstand nach dem Zweiten Weltkrieg habe aus versprengten SS-Männern bestanden. Im KGB-Museum von Vilnius kann man allerdings auf vergilbten Fotos sehen, dass viele der gefallenen "Waldbrüder" Frauen waren, Durchschnittsalter 21 Jahre. Ihre Leichen wurden auf öffentlichen Plätzen zur Schau gestellt. Die KGB-Fotografen lichteten sie in grotesken Posen ab, wie abgeschnittene Marionetten mit viel zu engen oder weiten deutschen Uniformen. Etliche der sogenannten "Bandity" zeigen deutliche Spuren von Misshandlungen sowie Schusswunden in Auge und Hinterkopf.
Im Museum schlagen einem die beißenden Gerüche von Vitriol und Kampfer ebenso aufs Gemüt wie die unter einem Glasfußboden wie archäologische Funde aufbewahrten Zahnprothesen, Brillengestelle, Knöpfe, Schnürsenkel. Überbleibsel einer babylonischen Knochenmühle, die mit Gewalt den Neuen Menschen schaffen wollte, um sich am Ende selbst abzuschaffen.
Während im heutigen Russland die Kremlglocken das Ende der Demokratie vor ihrem Erscheinen einläuten und am Puschkin-Denkmal in Moskau die neue Putin-Jugend "schmutzige" Bücher gegen "saubere" eintauscht, ist Litauen das Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Selbst gebildeten Lesern dürfte kaum ein litauischer Gegenwartsschriftsteller geläufig sein. Ceslaw Milosz, den Autor des wichtigsten Buches über den geistigen Stalinismus (Verführtes Denken,1958), der seit 1961 in Berkeley (USA) Professor für slawische Literatur ist und 1980 den Nobelpreis erhielt, kennen die meisten als polnischen Dichter, nicht als litauischen Polen. 1931 formierte er sich mit anderen jungen Dichtern zur Gruppe der Katastrophisten. Im Gegensatz zu den Krakauer Konstruktivisten hielt sich diese Avantgarde nicht mit schönen Worten auf, sondern schrieb ahnungsvoll die hässliche Zukunft Europas herbei.
Für den westlichen Okzident, der sich für den Nabel Europas hält, hört das Interesse am Osten hinter Krakau auf. Deshalb trifft man in Vilnius kaum deutsche Touristen, die lautstark das örtliche Verkehrswesen auf Vordermann bringen wollen. Oder Franzosen, die sich über die Gastronomie mokieren. Nicht einmal Amerikaner fallen in Scharen hier ein, obwohl der geborene Litauer Walter Cronkite ihnen jahrzehntelang im Fernsehen die News of the World las. Einer, der den Verlust seiner litauischen Heimat nie verwunden hat und seit 50 Jahren Filme darüber dreht, ist Jonas Mekas. Der Leiter des New Yorker Filmarchivs wird in Vilnius auch als Fluxus-Künstler mit einer Dauerausstellung geehrt. Sein cineastisches Hauptwerk "Lost-Lost-Lost" ist vielleicht die größte Liebeserklärung an ein kleines Land, das in den Nachrichten kaum vorkommt, weil es das Schlimmste hinter sich hat. Oder noch vor sich, so Russland sich von der Demokratie erholt und wieder imperiale Ambitionen hegt.

(*) Die Zwischenüberschriften sind Titel von Versen des Dichters Ceslaw Miloszs über Vilnius.
(**) Unmittelbar, nachdem Litauen als Sowjetrepublik zur UdSSR kam, wurden außerdem Hunderttausende seiner Einwohner nach Sibirien deportiert.

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00:00 08.03.2002

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