Freies Surfen für alle

Grenzenloses Netz Die Freifunker kämpfen dafür, dass jeder Bürger überall gratis ins Internet kann. Ob in Berlin oder in Afrika

Am Wochenende klettert Reiner Böhme gern auf Dächer. Der Betonklotz, den er an diesem Sonntag ansteuert, ist ein Plattenbau in Berlin-Weißensee. Hier wundert sich niemand, dass Fremde den Fahrstuhl in den siebten Stock nehmen und sich durch eine enge Luke auf das Flachdach zwängen.

Böhmes kleines Reich über den Dächern bietet eine imposante Aussicht; bis tief in die Hochhausschluchten des Nachbarbezirks Hohenschönhausen kann er schauen. Dorthin zeigt eine der beiden Freifunkantennen, die er mit Erlaubnis des Hausbesitzers installiert hat. Sie versorgt Haushalte mit kostenlosem WLAN, einer Funkverbindung ins Internet. „Wir haben zur Tarnung Antennen-Modelle gewählt, die genauso aussehen wie Fernsehantennen.“ Ein Mobilfunkanbieter, der das Dach offiziell gemietet hat, soll nichts von den WLAN-Antennen erfahren. Es geht den Freifunkern auch darum, billiges Internet-Telefonieren zu ermöglichen. Unliebsame Konkurrenz für den Mobilfunkriesen.

Reiner Böhme ist ein Missionar. Einer, der keine Gelegenheit auslässt, für ein freies Internet zu trommeln. Wie seine Mitstreiter der Freifunk-Community will der Elektriker ein flächendeckendes WLAN-Netz für Berlin – eines, das allen offensteht. Ob sie sich einen eigenen DSL-Anschluss leisten können oder nicht. „Der Kapitalismus hat uns entzweit“, sagt der 42-Jährige. Freifunk sei ein Versuch, wieder zusammenzurücken: Bürger teilen sich den Internetanschluss, sie bauen Antennen auf Dächer und Kirchtürme, mit denen die WLAN-Signale von Stadtteil zu Stadtteil weitergefunkt werden. Es ist der Traum einer grenzenlosen Welt, in der Informationen ohne jede Beschränkung zirkulieren.

Antennen auf Ampeln

Fast hätte der Berliner Senat diese Vision von einem Drahtlosnetzwerk in der Innenstadt realisiert. Doch die Landesregierung hat ihre Pläne im Januar 2010 beerdigt: Sie konnte keinen Betreiber finden. Außerdem standen nicht genügend Ampeln und Laternenmasten zur Verfügung, an denen die Technik angebracht werden könnte, hieß es. Die Idee des Senats sei ohnehin Unfug gewesen, winkt Böhme ab. Man hätte lieber die Freifunk-Strukturen ausbauen sollen.

In Berlin sind bisher zwischen 2.000 und 3.000 Haushalte über das Gratis-WLAN vernetzt. Die Szene trifft sich mittwochs im Computer-Club C-Base. Am Eingang springt die Besucher ein Totenkopf-Graffito mit der Aufschrift „Nerds“ an, aus dem Inneren dröhnt Elektro-Pop. Rechnerplatinen zieren die Wände der Fabrikhalle, alte Computer-Bildschirme flimmern. Auf Ledersofas sitzen wenige Frauen, dafür viele Männer mit langen Haaren und Bärten, sie lesen Mails auf ihren Laptops und diskutieren über Netzwerkprotokolle.

Unter den Besuchern ist auch Elektra Wagenrad, 44. Sie hat eine graue Mähne, trägt Kapuzenpulli und Khaki-Hosen. Als eine der ersten organisierte Wagenrad sich 2003 im Ostberliner Bezirk Friedrichshain ihren eigenen Zugang zum Netz – über eine Funkverbindung mit selbstgebastelten Antennen aus Konservendosen. „Der halbe Stadtteil war nach dem Mauerfall ein Ghetto ohne schnelles Internet“, erzählt sie. In den neunziger Jahren seien im Ostteil überall für DSL ungeeignete Glasfaserleitungen gelegt worden.

Ohne fließendes Wasser kann sie auch 2010 noch leben, nicht aber ohne schnelles Internet. Sie wohnt in einer Friedrichshainer Wagenburg in einem roten Anhänger. Ihr Leben ist der Freifunk, es ist mehr als ein Hobby. Auf dem Küchentisch türmen sich Kabel, darunter liegt das Mesh-Potato – ein Gerät, das Wagenrad gemeinsam mit anderen für die Initiative „Village Telco“ in Südafrika entwickelt hat. Es ist eine kleine Box, ein WLAN-Router und Telefonanschluss in einem – Wagenrad will der Landbevölkerung damit einen Zugang zu Telefonnetz und Internet verschaffen, auch dort, wo es keine Leitungen gibt.




Während Wagenrad das Netz dahin bringen will, wo es bisher kaum ist, konzentriert sich Reiner Böhme mit seinem Kampf auf Berlin. Es gab schon Tage, da sah er das Freifunk-Projekt fast am Ende. Einem Freund, der seinen Internet-Anschluss für andere geöffnet hatte, wurde vorgeworfen, Musik aus Tauschbörsen heruntergeladen zu haben. 950 Euro Schadensersatz verlangten die Anwälte der Plattenfirmen, außerdem eine Unterlassungserklärung.

Wegen der Angst vor rechtlichen Problemen sichern die meisten Deutschen ihr WLAN mit Passwörtern. Fremde könnten ja illegal Kinderpornos über ihren Anschluss herunterladen. Böhme will diese Einwände nicht gelten lassen: „Wenn ich mit einem Mietauto einen Banküberfall begehe, haftet doch auch nicht der Autovermieter.“ Es sei erlaubt, den Internet-Anschluss mit anderen zu teilen, außerdem sei die Rechtsgrundlage für Downloads durch Dritte unklar, sagt Böhme. Die Drohungen der Anwaltskanzleien hängen dennoch weiter wie Gewitterwolken über der Freifunk-Szene. Böhme ist deshalb betrübt. Er, der in seinem Haus fast alle Nachbarn für die Idee begeistert hat. Der von seinem Geld Antennen für Hartz IV-Empfänger installiert. Er sieht das Projekt auf der Stelle treten.

Expertise ist nicht gefragt

Es läuft derzeit nicht gut. In der C-Base referiert ein Mann, den die Bild mal als Internet-Jesus feierte. Seine Rastazöpfe hat er schon lange abgeschnitten, in Hemd und Pullover sieht Ulf Kypke-Burchardi adrett aus. Er hat drei Jahre für eine Freifunk-Lösung in einem Friedrichshainer Park gestritten, ein kleines Stück freies Netz, aber immerhin. WLAN im Grünen, leicht zu realisieren. Kypke-Burchardi hat seine Diplomarbeit zum Thema geschrieben. Nur verzichtet der Bezirk auf seine Expertise. Eine Firma soll die Pläne realisieren. Menschen, die planen, dürften Projekte nicht umsetzen, heißt es.

Elektra Wagenrad brütet an diesem Abend in der C-Base wieder über ihrem Mesh-Potato. Plötzlich klingelt das blaue Telefon, das an der Box hängt. Ein Wissenschaftler aus Neuseeland ist dran, live von einer Konferenz auf der anderen Seite der Erde. Seine Stimme zeigt: Das Mesh-Potato funktioniert, die Welt ist wieder ein Stück kleiner geworden.

13:00 21.03.2010

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