Freiheit für die Wiese!

Energie Wilhelmsburg, ein Dorf in Vorpommern: Die Funks kämpfen gegen neue Windräder. Sie wollen das Moor vor ihrer Tür schützen
Freiheit für die Wiese!

Illustration: der Freitag, Material: Imago Images

Jens Funk steht auf einem Holzsteg. Unter ihm plätschert der See, darauf ein paar Enten. Rundherum: das Moor. Der Horizont ist hier ein waagrechter Strich, der den grauen Himmel vom grünen Boden trennt. „Man muss das hier alles gesehen haben, um zu verstehen, warum wir es schützen wollen“, sagt Funk.

Funks Frau Thea blickt durch einen Feldstecher zur anderen Seite des Sees. „Da drüben sitzt einer: ein Seeadler!“, sagt sie und reicht den Feldstecher weiter. Die Friedländer Große Wiese beginnt hier im Westen, am Galenbecker See, reicht im Osten bis zur A109 in Richtung Berlin und im Süden bis an das Gartentor der Funks im Dorf Wilhelmsburg. 250 Quadratkilometer dampfendes, matschiges Moorland.

Im Moment stört hier nichts den schweifenden Blick außer ein paar Bäume und die ein oder andere Scheune. Das soll sich ändern. Ein Teil des Moors soll als Windkrafteignungszone ausgewiesen werden. Seit 2018 gibt es konkrete Pläne: Die Firma Enertrag möchte im Osten zwölf Windräder auf den Moorboden stellen. Seitdem kämpfen die Funks um ihr Moor.

Jeden Samstag organisieren sie eine Mahnwache neben dem Moor und halten mit dreißig Mitstreiter*innen Schilder hoch. Die Widerständler*innen vergleichen sich gerne mit den Aktivist*innen aus dem Hambacher Forst. Sie treffen sich mit Politiker*innen, schreiben offene Briefe, reichen Petitionen ein. Sie sind Teil des Widerstands, den es inzwischen überall dort gibt, wo Windräder gebaut werden sollen: Windkraftgegner*innen sind damit so erfolgreich, dass im ersten Halbjahr 2019 in ganz Deutschland nur noch 86 neue Windräder gebaut wurden.

Hier, in Vorpommern, ist der Widerstand besonders stark, besonders laut. Und anscheinend: besonders gut begründet. Moore sind CO₂-Speicher, also wichtig fürs Klima. Die Friedländer Wiese bietet zudem Wohnraum für Vogelarten, die unter Artenschutz stehen – und von Windrädern geschreddert werden können. Nun wurde das Moor hier aber lange Zeit entwässert und stößt deswegen CO₂ aus. Das möchte das Land ändern, indem es das Moor wieder vernässt. Der Bau einer Windanlage könnte diese Pläne stören, sagen die Funks. Und am Ende schlecht fürs Klima sein.

Angst vor Infraschall

Am Gartenzaun der Funks hängen zwei Banner. „Freie Friedländer Wiese“ steht darauf, der Name ihrer Bürgerinitiative. Daneben ein durchgestrichenes Windrad. Windräder sind dem Ehepaar nicht nur wegen des Moors suspekt. Sie sorgen sich auch um den Lärm, um den lokalen Tourismus und um den „Infraschall“, wie sie sagen. Es scheint, als sei ihnen jeder Grund willkommen. Aber das Moor ist ihr Trumpf.

Thea Funk breitet eine Karte der Region aus. Sie ist übersät mit Punkten, die jemand in die Karte gemalt hat. Einige sind so groß wie ganze Städte. Blaue für Anlagen, die schon stehen. Pinke für welche, die in Planung sind. Einengend die Vorstellung, dass an all diesen Stellen über 200 Meter hohe Kolosse stehen sollen.

Die Funks, ein pensioniertes Polizistenpaar, sind vor sieben Jahren aus Berlin nach Wilhelmsburg gezogen, auf der Suche nach ein wenig Landidylle. „Für die Städter kommt der Strom aus der Steckdose“, sagt Thea Funk. „Bei den Klimahüpfern, da hüpfen die Kinder aus unserem Dorf nicht mit“, sagt Jens Funk, er meint die Fridays-for-Future-Aktivist*innen. „Die pflanzen lieber mit uns Bäume“, ergänzt Thea Funk.

Es ist ein Dilemma: Hier die Anwohner*innen auf dem Land, die die Natur in ihrer Nähe bewahren möchten. Dort die Windkraft als Teil der auf demokratischem Wege beschlossenen Energiewende, um die Erderwärmung aufzuhalten. Laut Klimaplan soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bis 2030 verdoppelt werden, damit Deutschland die Klimaziele des Pariser Abkommens einhalten kann. Dazu müssten erheblich mehr Windräder gebaut werden. Was wird dann aus den Funks und ihrem Moor?

Dass hier womöglich Windkraftanlagen entstehen dürfen, wurde einige Kilometer weiter nördlich beschlossen. Lydia Neugebauer schlägt das Baugesetzbuch auf. Sie trägt Bluse, Blazer und Brosche am Revers, blickt über den dünnen Brillenrand und sagt: „Der Planungsprozess ist kein Mehrheitsentscheid. Es ist eine Abwägung aufgrund von fachlichen Argumenten.“

Neugebauers Büro beim Planungsverband Vorpommern-Greifswald liegt in einem grauen Plattenbau am Rand von Greifswald. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch hängt eine große Karte des Planungsgebiets. Braune Agrarflächen sind darin eingezeichnet, grüne Naturschutzgebiete, gelb schraffierte Wohnflächen. Neugebauer deutet auf einige verteilte weiße Flecken, „das sind die vorgeschlagenen Eignungsgebiete für Windenergieanlagen“. Die Flecken bleiben übrig, wenn alles andere abgezogen wurde. Die Karte sieht weniger bedrohlich aus als die der Funks. Ein Prozent der Planungsregion ist für Windenergie vorgesehen. Brandenburg hat fast drei Mal so viel Fläche ausgewiesen.

Die Zone am Rande des Moors, die in diesem vierten Entwurf als Windeignungsgebiet ausgezeichnet wurde, liegt zwischen Bahngleisen und Autobahn. Ein Gebiet, wo Verkehr und Lärm die Tiere wohl schon vertrieben haben, rund zehn Kilometer vom größten Vogelbrutplatz entfernt.

Die Regionalplanung ist ein abwägender Prozess, der Jahre dauert. Gutachten müssen geschrieben, Fachverbände konsultiert und Gesetze interpretiert werden. Einiges davon ist Bundesgesetz, zum Beispiel, dass der Windkraft „substanzieller Raum“ verschafft werden muss. Anderes ist Landessache, zum Beispiel, wie weit weg von einem Vogelhorst eine Anlage stehen muss.

In Mecklenburg-Vorpommern gilt die ganze Küstenregion inklusive Rügen als Gebiet für die Tourismusentwicklung und darf nicht bebaut werden, die Seenplatte im Südwesten ebenso. Es bleibt ein schmaler Korridor in der Mitte – wo auch das Moor liegt.

Die Kriterien für die Ausweisung beschließt die Verbandsversammlung, die aus Politiker*innen der betroffenen Kreise besteht. Nach jedem Planungsentwurf wird ein Beteiligungsverfahren gestartet, bei dem die Bürger*innen ihre Argumente einbringen. Nach dem letzten Entwurf in Vorpommern waren es 2.000 Zuschriften. Der Planungsverband prüft, ob es valide, das heißt juristisch relevante Argumente sind. Artenschutz und Naturschutz sind Gründe, Windprojekte zu stoppen. Der Missmut der Anwohner*innen nicht.

Immer wenn im Moor eine neue Vogelart entdeckt wird, muss der Entwurf überarbeitet werden, was den Planungsprozess verzögert. Im dritten Entwurf waren noch zwei Flächen in der Friedländer Wiese für Windkraft vorgesehen. Im aktuellen ist es nur noch eine. Doch auch die könnte noch gekippt werden.

Es gibt kein Meck-Pomm B

Am Tag nach dem Moorausflug mit den Funks stehen die beiden vor einem Regierungsgebäude in Pasewalk, sie flyern und machen Stimmung. Ihnen gegenüber: eine Gruppe demonstrierender Windkraftbefürworter. „Der Klimawandel kennt kein Moratorium“ haben sie auf ihr Banner geschrieben, es sind vor allem Mitarbeitende von der Projektfirma Enertrag.

Gleich geht drinnen die Kreistagsversammlung los. Sie entscheidet heute, ob der Ausbau der Windkraft in Vorpommern-Greifswald per Moratorium gestoppt werden soll. Die Tische im Gemeindesaal bilden einen großen Halbkreis. Die NPD hat hier gleich viele Sitze wie die FDP, die AfD ist nach der CDU zweitgrößte Fraktion. „Kein Wunder“, sagt Jens Funk, sie seien die Einzigen, die auch mal aufs Land fahren, die sogar das Dorf Mariawerth besucht haben, obwohl dort nicht einmal der Schulbus hinfährt, weil die Straße so schlecht ist.

Vorpommern-Greifswald hat zu wenig Schulsozialarbeiter*innen und zu viele kaputte Straßen. Aber kaum etwas erzeugt so viel politische Energie wie die Windräder. Sogar eine Partei, „Freier Horizont“, ist daraus entstanden. All das hat Erfolg: Der Kreistag stimmt für das Moratorium und wird den Landrat auffordern, sich für einen Stopp des Windausbaus einzusetzen, bis der Regionalplan fertiggestellt ist.

Zwei Wochen nach der Kreistagsversammlung versucht Enertrag mit einem „Themenabend“ in einem Gemeindesaal in Torgelow noch einmal Fragen zu klären und Sorgen aus dem Weg zu räumen. An Stehtischen warten Expert*innen mit Infotafeln und Prospekten. Es geht um Schallbelästigung, Naturschutz und Bürgerbeteiligung. Um 16 Uhr soll es losgehen. Im Hintergrund läuft sanftes Klaviergeklimper, es gibt Soljanka, Saft und Kaffee.

Doch der Themenabend läuft ins Leere, nur eine Handvoll Menschen folgt der Einladung. Am Thementisch Naturschutz erklärt eine Mitarbeiterin, dass die Population der Seeadler parallel zum Ausbau der Windanlagen gestiegen sei, auch vertrage sich das Windkraftprojekt mit der Wiedervernässung des Moors. Ein älterer Herr tritt zu ihr. „Wir brauchen hier nicht so viel Strom!“, ruft er. Die Frau von Enertrag erklärt, dass der Strom eingespeist und verteilt werde. Der Mann schimpft, dass nach der Wende alle weggezogen seien. „Und dann haben wir hier auch noch die höchsten Stromkosten!“

Damit hat er nicht unrecht: Mecklenburg-Vorpommern hat mit die höchsten Strompreise Deutschlands. Denn die Kosten des Netzausbaus in ländlichen Regionen werden über das Netznutzungsentgelt auf den Strompreis umgewälzt.

Um 18 Uhr ist der Saal immer noch fast leer. Neben einigen wenigen Interessierten ist nur der AfD-Mann Axel Gerold erschienen, der auch im Kreistag sitzt. Zuerst redet er auf zwei Enertrag-Mitarbeiterinnen ein, dann stellt er sich ans Buffet. „Warum bauen wir nicht Photovoltaikanlagen in Afrika?“, fragt Gerold, auch er ein Gegner der Windanlage im Moor, ein Glas Saft in der Hand.

Das Ehepaar Funk kommt nicht. „Wir haben Enertrag alles gesagt, was es zu sagen gibt“, meint Thea Funk am Telefon.

Anina Ritscher hat die Reportageschule in Reutlingen absolviert und zuletzt in der Redaktion des Freitag hospitiert

06:00 04.01.2020

Ausgabe 15/2020

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