Freiheit! Gleichheit! Aluhut!

Parallelen Wie der heutige Boom der Verschwörungstheorien an die Französische Revolution erinnert – und was daraus nicht folgt
Freiheit! Gleichheit! Aluhut!
Die Revolution 1789 wurde von einer Vielzahl an Verschwörungstheorien begleitet

Abbildung: „Combat Devant L'Hotel De Ville“ von Jean-Victor Schnetz; Art Images/Getty Images

Die BRD ist eine GmbH! Ein deutscher Staat existiert gar nicht! – Nicht erst seit Corona boomen Verschwörungstheorien, sondern in etwa seit der „Finanzkrise“ ab 2008. Und noch immer stehen wir dem sehr hilflos gegenüber.

Das zeigt sich im Netz, wo Hohn und Häme der „Aufgeklärten“ zusehends in Bestrafungsfantasien umschlagen. Aber auch die gängige Expertise bringt nicht weiter. Da wird von „Traumatisierten“ psychologisiert, die in Pseudoerklärungen einer unübersichtlichen Welt Gefühle von Sicherheit und Selbststeigerung finden. Man seziert die Anschlussfähigkeit dieser Narrationen an menschenfeindliche Ideen und den Aufbau dieser Erzählsysteme, die in sich so geschlossen wirken, gerade weil sie tausend Quellen haben. Das alles ist ja auch nicht falsch.

Die Hilflosigkeit dieser „Analysen“ kommt auf den Punkt, wenn die entscheidende Frage nach den sozialen Bedingungen hinter diesem Boom mit Gemeinplätzen beantwortet wird: „Internet“, „Komplexität“, gar „antimoderner Reflex“. Noch unproduktiver ist nur die Parallelisierung mit dem Nationalsozialismus: Gewiss basierte der auf einer epischen Verschwörungstheorie, doch angesichts seiner verschwindet jedes Verstehen-Wollen. Und das Phänomen ist ja nicht deutsch. Man muss also anderswo graben, erheblich tiefer – und stößt ausgerechnet auf das historische Ereignis, dessen „Erbe“ man den Aluhüten so gern entgegenhält: die Französische Revolution.

Wie das? Haben sich 1789 nicht hehre Ideen von Demokratie und Vernunft Bahn gebrochen? Abstrakt durchaus, siehe Menschenrechte. Konkret aber basierte die Kraft der Revolution beileibe nicht nur auf „Aufklärung“, sondern auch auf einer klassischen Verschwörungstheorie. Parallel zu den Pariser Ereignissen schwappte ein Tsunami an Gerüchten über Räuber- und Mörderbanden durchs Land, die angeblich der Adel schicke. Hiergegen bewaffnete sich die Provinz. Angriffe auf Feudalschlösser waren von derlei Fake News motiviert. Ohne die „grande peur“ wäre der Umsturz in der Fläche womöglich gescheitert.

Auf drei Ebenen zeigt sich eine Parallele zwischen dieser Panikwelle und dem heutigen Verschwörungstheorien-Boom. In gedruckten Gazetten und Flugschriften gab es damals erstens ein neues Medium, das noch nicht kompetent gehandhabt wurde – heute sind es Social Media. Die Missernte von 1788 und die Viehseuchen von 1789 bildeten zweitens ein einschneidendes Krisenereignis. Daran gemahnt heute nicht nur Covid, sondern auch die unverdaute Finanzkrise: Das Kleinbürgertum leidet bis heute an deren Austreibung durch Nullzins. Drittens hatte vor 1789 die sprichwörtliche Dekadenz des Adels die hergebrachten Ideen gottgegebener Ordnung unterspült. Entspricht dem eine Gegenwart, die mit ihren expertokratischen Tendenzen und sozialen Ausschlüssen vielen das Gefühl gibt, auf den Lauf der Dinge keinen Einfluss zu haben, während permanent ein Wir beschworen wird?

Zugegeben, die Analogie greift hoch. Nun lassen sich aber in den USA mit dem bizarren Qanon-Narrativ inzwischen Wahlkreise gewinnen. Und hierzulande glaubten schon 2017 laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung im Osten mehr als die Hälfte und im Westen 45 Prozent dem öffentlichen Rundfunk wie auch den Zeitungen nicht mehr. Vielleicht ist das eine Momentaufnahme, und diese Hälfte des Landes fantasiert deshalb nicht gleich von Chemtrails. Sozusagen sicherheitshalber sollten wir uns aber mit dem Gedanken vertraut machen, dass sich hier ein epochaler Bruch andeuten könnte. Zumal ein gravierender Unterschied zu 1789 besteht: Anders als damals in der Nationalversammlung – die sich mit der ländlichen Panik durchaus befasste – ist keine Kraft in Sicht, die willens oder fähig wäre, die „große Furcht“ unserer Tage progressiv zu überformen.

Wie das gehen könnte, ist freilich schon viel schwerer zu sagen. Fest steht aber, was nicht fruchtet: sich nämlich beim Aluhut-Shaming forsch in die erste Reihe zu stellen. Diese Pose hat sich in der Pandemie ihrerseits oft genug als eine vage Suche nach Halt und Sicherheit erwiesen – und sie zeigt nur Ignoranz und Hilflosigkeit gegenüber den Prozessen gesellschaftlicher Desintegration, die hinter jenem Verschwörungsboom stehen.

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