Freiheit tötet

Psychogramme Connie Palmen erzählt von der selbstzerstörerischen Frau

Connie Palmen, die Grande Dame der niederländischen Literatur, wälzt schwere Brocken: „Wenn man nicht versucht, dem, was sich fast nicht ausdrücken lässt, einen Ausdruck zu verleihen, dann endet das Leben als Schriftsteller.“ Den Verlust ihrer beiden großen Lieben verarbeitet sie öffentlich. Der Tod, sagt Palmen, sei zwar allgegenwärtig, jedoch drohe das Lamentieren darüber verloren zu gehen. Trauer aber brauche einen Raum. In ihrem neuen Büchlein Die Sünde der Frau führt Palmen eine ihrer zentralen philosophischen Fragen weiter: Wie kann Imagination das Leben umschreiben? Vier talentierte Frauen drängen sich ihr auf: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Patricia Highsmith und Jane Bowles; Frauen, „die in allem die Regeln übertreten“, die Selbstbestimmung suchten und Freiheit – das war ein von „Erlösungssehnsucht“ getriebenes Zugrundegehen mit Alkohol- und Drogenexzessen.

Palmen-Leser kommen hier voll auf ihre Kosten. Mit kurzen, je zwanzigseitigen Essays überzeugt die Schriftstellerin durch sprachliche Brillanz. Die Hartnäckigkeit, mit der sie den Frauen in die Seele schaut, schafft ungemein dichte und überzeugende Psychogramme von vier Ausnahmetalenten. Gemeinsam ist den Lebensläufen eine von Kataklysmen bedrohte Kindheit; Mütter, die, wie moderne Medusen, bewusst oder unbewusst, Rache an den abwesenden oder toten Vätern nehmen, indem sie zu Heimsuchungen der Töchter werden.

Ihr Freund, der Alkohol

Marilyn Monroe wird vor dem zwölften Lebensjahr mindestens zweimal vergewaltigt. Als Norma Jeane Baker kommt sie bei Pflegeeltern unter, landet im Waisenhaus. Später nimmt sie den Namen ihrer psychisch kranken Mutter „Monroe“ an. Den Vater hat sie nie richtig kennengelernt. Marguerite Duras verfolgen Mordgedanken bis ins Erwachsenenalter an die Mutter, den älteren gewalttätigen Bruder und inzestuöse Gefühle für den jüngeren. Dabei hat sie längst mit ihrer Familie gebrochen, den Namen des französischen Geburtsortes „Dumas“ ihres früh verstorbenen Vaters angenommen, um eine Jugend in Indochina auszulöschen, wo ihre alleinerziehende Mutter sich und die Familie vom chinesischen Liebhaber der 15-jährigen Marguerite hat finanzieren lassen. Das Begehren in all seinen geheimen Facetten wird ihr Thema. Jane Auer wächst in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus in New York auf, doch als ihr Vater stirbt, ist die 12-Jährige einer überängstlichen, exzentrischen Mutter ausgeliefert. Nach einem Reitunfall mit bleibender Gehbehinderung bezeichnet sie sich sarkastisch als „jüdische Krüppel-Lesbe“. Phobien werden Jane bis an ihr Lebensende 1973 quälen. Patricia Highsmiths Mutter war schonungslos in der Ablehnung ihrer Tochter und deren Homosexualität. Mit 19 habe Highsmith nicht nur das Schreiben, die Frauen entdeckt, sondern den Alkohol als festen Freund. Die Erbsünde – „The Little Original Sin“ –, die hochbegabte Jane Auer schreibt es als Kind bereits einem Mädchen ins Poesiealbum. Gemeint ist das Übertreten von Regeln und Normen. Später gesellen sich Alkohol und Drogen als „kleine“ Fluchten dazu.

Doch zwischen all den Spirituosen und Tabletten, die sich vor dem Leser auftürmen, streift Palmen kulturelle und politische Aspekte. Ihre Homosexualität kann Highsmith in den USA der vierziger und fünfziger Jahren nur klandestin ausleben und nie ohne verkappte „puritanische Schuldgefühle“, die bei ihr mit Verachtung für Homosexuelle einhergehen, später sogar in Antisemitismus und Aversion gegen Minderheiten umschlagen.

Palmens Psychogramme regen Überlegungen an, inwieweit der Wunsch nach radikalem Neuanfang von Bowles, Highsmith und Monroe im „American Way of Life“ als „adamitische Sehnsucht“ verwurzelt ist? In seinem Buch The American Adam (1955) stellt R.W.B. Lewis eine Zahl illustrer amerikanischer Autoren von Hawthorne bis Walt Whitman vor, die der Idee vom amerikanischen Adam und dem Glauben anhängen, dass die Menschheit in Amerika die einzige Chance habe, neu zu beginnen. Diese adamitische Sehnsucht lebt auch im Verborgenen von Autoren weiter, man kann nur versuchen, davonzulaufen – wie Highsmith von Land zu Land zu emigrieren oder wie Jane Auster Bowles mit ihrem Mann Paul Bowles ins marokkanischen Tanger, einer Enklave, in der beide offen homosexuell leben, Drogen billig sind und Jane ihr kleines, aber feines Werk Two serious Ladies (1943) verfasst. Jane Bowles schrieb damit „eine einzige Attacke auf bürgerliche Werte und Anstandsregeln“ und wurde zur literarischen Ikone, Tanger avancierte zum Hotspot der Beatniks. Dann verstummte Jane Bowles, weil sie dem Skandalon ihrer Imagination misstraute und sich in die fantasiefeindliche Mystik einer Simone Weil und im Drogenrausch verlor.

Krieg und Tugend

Der Zweite Weltkrieg, so Highsmith, habe die Illusion vor Augen geführt, auf eine Belohnung für ein moralisch anständiges und tugendhaftes Leben zu rechnen.

Und Marilyn? „Wenn ich ein Ding über alles schätze, dann ist es mein eigener Körper“, hallt es in den Gesängen Walt Whitmans. Lewis hat in solchen Proklamationen scharfsinnig „adamitischen Narzissmus“ erkannt. Um den Körper schätzen zu können, muss sich die alte Norma Jeane opfern, um durch etliche chirurgische Eingriffe Marilyn Monroe, die Männerfantasie der 50er Jahre, zu werden. Marilyn Monroe, resümiert auch Palmen, wird auf der verzweifelten Suche nach sich selbst nur Marilyn Monroe finden. Mit 36 ist sie ihrer überdrüssig.

Autorinnen wie die Duras und die Highsmith, an den Werken von Flaubert, Dostojewski und Kafka geschult, wissen, dass das Schreiben, das Imaginieren von Werken, Schriftstellerinen umbringen kann. Und dann ist da noch ein anderer Aspekt im Bezug von Schreiben und Tod, die Auslöschung alles Individuellen, etwa des eigenen Namens.

Info

Die Sünde der Frau Connie Palmen Hanni Ehlers (Übers.), Diogenes 2018, 96 S., 20 €

06:00 29.05.2018

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