Freiheitsglocke aus Schokolade

Gefüllte Einkaufswagen Ein Streifzug durch Berliner Geschäfte und rhapsodische Gespräche über Reis

Dem chinesischen Kaiser gebührte es einst, das erste Reiskorn eines jeden Jahres auszusäen. Schon um 2800 vor unserer Zeitrechnung soll Chen Nung stets im Frühjahr ein Zeremoniell veranstaltet haben, bei dem feierlich Korn für Korn in die Erde Südchinas versenkt wurde. In Asien galt Reis seit jeher als wertvoll - und die Ernten entschieden über Gedeih und Verderb eines Reiches. Fällt der Ertrag rar aus, vermag dies noch heute Revolten auszulösen wie derzeit auf Haiti, wo die Militärpolizei die Reisdepots vor Übergriffen fast so massiv schützt wie anderswo die Armee die nationalen Goldreserven.

Während in Port-au-Prince, aber auch Abidjan oder Eriwan explodierende Preise zu Protesten führen, herrscht im Asia-Shop an der Schönhauser Allee in Berlin gelassene Ruhe. Akkurat steht der Jasminreis im Regal, ist in Cellophan verpackt und mit chinesischen Schriftzeichen versehen. Nur um ein paar Cent habe der Preis in den vergangenen Wochen angezogen, erzählt die thailändische Besitzerin, die ihre Tochter erst zum Übersetzen holen muss. Vielleicht um fünf Cent? "Höchstens", meint die Frau. Trotzdem würden manche Kunden murren. Den Reis beziehe das Geschäft von einem Großhändler, der letztlich dem globalen Bieterkampf ausgesetzt sei. Was solle man da machen?

Keine Lücken im Bio-Regal

Die meisten Menschen - ganz gleich, ob sie nun im Asia-Shop, bei Aldi, Lidl oder Edeka einkaufen - versichern, erst aus den Medien erfahren zu haben, dass Reis, Mais und Weizen momentan übermäßig teuer sind. So weiß auch Andromegas Apostolakis, der fast nur noch Produkte aus Reis und Mais essen darf, weil er auf Milch und Getreide allergisch reagiert, dies nur aus der Zeitung. "Ich sorge mich eher wegen neuer Machtblöcke, die derzeit die Ernährungsindustrie errichtet." Das sei unüberschaubar und gefährlich.

Seit Monaten klettern die Preise, nicht nur für Reis und Getreide, auch für Butter und Milch, sagt ein Verkäufer im lichtdurchfluteten LPG-Biomarkt am Prenzlauer Berg, dem vielleicht größten Ökoladen des Kontinents, auf jeden Fall aber Berlins: 1.600 Quadratmeter, zwei Etagen, 18.000 Produkte - allesamt etikettiert mit Biosiegeln für eine bessere Welt. Im Entrée duftet märkisches Landbrot, in der Käsetheke liegt Bio-Ziegenkäse aus und nebenan gibt´s ökologische Rinderkraftbrühe direkt vom Erzeuger. Auf einer Rollbahn gleiten die Käufer ins Obergeschoss. Unterwegs können sie nach Öko-Chips, Öko-Reiswaffeln und Öko-Popkorn greifen, die en masse ausliegen, mal süß, mal salzig, mal mit scharfem Paprikagewürz bepulvert.

Bio-Großhändler beziehen ihren Reis in der Regel nicht vom Weltmarkt, sondern direkt von Herstellern in Thailand, Indonesien oder Indien. Die Abnehmer garantieren sichere Preise, die über denen des Weltmarktes liegen. Dafür verlangen sie - etwa von den Kleinbauern beim Projekt Kaddhar in der indischen Region Luxor -, dass ökologische Standards gemäß den Fairtrade-Regeln eingehalten werden. In der Krise hat sich dieses Vertragssystem bislang als verlässlich und stabil erwiesen.

Doch gegen einen Exportstopp, wie ihn Indien kürzlich für seinen Reis verhängt hat, sind auch Bioläden nicht gewappnet. Allerdings blieben die Auswirkungen bisher überschaubar. "Selbst ein Vertreter von der Firma Rapunzel wusste nichts von dem Stopp", meint der Bio-Händler. Nur einem Partner sei es momentan nicht möglich, eine bestimmten Jasminreis zu liefern. Doch Lücken sucht man vergeblich im Bio-Regal; es gibt sie nicht - nicht zwischen dem Natur- und dem Arborio-Reis, auch nicht zwischen dem Sushi- und dem RotenReis, ebenso wenig zwischen dem kanadischen Wild- und dem italienischen Langkornreis.

Austern als Meterware

Jacqueline Hoffmann schiebt einen gut gefüllten Einkaufswagen durchs Bio-Paradies. Ein wenig geniere sie sich schon, sagt sie. Wer kaufe schon soviel ein? Aber ihre drei Kinder könnten ganz schön was essen. Die Schlagzeilen über die Hungerrevolten in Haiti und im Sudan hat sie wohl registriert. "Am Rande jedenfalls." Sie kaufe ja ohnehin nur, was in den unteren Regalen liege. Das sei günstiger. Während in der tiefsten Lade das Kilo Basmati-Naturreis, Mittelkorn mit Biosiegel, genau 1,99 Euro kostet, gibt´s drei Lagen höher das Kilo Original Basmati-Reis, weiß geschält, für 6,22 Euro - nur Mitglieder im Bioladen zahlen weniger.

In einer Welt westlich vom Prenzlauer Berg gleitet im Kaufhaus des Westens am Kurfürstendamm der gläserne Aufzug lautlos in die Feinkostabteilung hinauf: Im sechsten Stock liegen Austern wie Meterware in den Vitrinen, eine riesige Freiheitsglocke aus Schokolade steht hinter Glas, mit Morcheln verfeinerter Reis steckt in durchsichtigen 200 Gramm Päckchen, verziert mit dem Goldsiegel des KaDeWe. Ein Preisetikett ist nicht zu finden. "Touristen kaufen so etwas gern als Geschenk", erzählt eine Verkäuferin. Was die Delikatessen so wertvoll mache, könne sie beim besten Willen nicht erklären.

Auch wenn man in der gediegenen Atmosphäre des KaDeWe nichts davon merkt (es sei denn, in der Technikabteilung läuft gerade auf einem LCD-Empfänger eine Phoenix-Debatte): Die globale Krise erschüttert die Welternährungsordnung. So verlangt Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer, die Bauern müssten mehr produzieren; nein, erwidert Thilo Bode von der Verbraucherorganisation Foodwatch, die Subventionen für die europäischen Landwirte müssten gekappt werden, damit der Agrarsektor in der Dritten Welt eine Chance erhalte. Letzterem kann sich Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, EU-Parlamentarier der Grünen, nicht verschließen und fordert eine "ökologischere, bäuerlich geprägtere Landwirtschaft".

Es gibt aber auch Zeitgenossen, die begegnen einer globalen Ernährungskrise mit einer auf den ersten Blick vielleicht paradoxen Antwort: Sie werden Vegetarier. Schließlich, so sagen sie, verbraucht die Fleischproduktion ungeheuer viel Weizen und Mais. Der Harvard-Ernährungswissenschaftler Jean Mayer hat errechnet, dass 60 Millionen Menschen mit Getreide versorgt werden könnten, würde die Fleischproduktion in einem Jahr nur um zehn Prozent sinken. Man kann es ebenso mit Chinas legendärem Reformpolitiker Deng Xiaoping halten, der einst prophezeite: Wenn es nicht mehr genug Reis und Getreide gebe, dann regiere das Chaos, nicht nur in Asien.

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00:00 02.05.2008

Ausgabe 38/2020

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