Freitag 01.12.2000: Sebnitz im Dunkel -

KOMMENTAR Zuerst der empörte Aufschrei, dann die schnelle Distanzierung

Nun ist schon vieles gesagt, viel Kluges auch. Allerdings verstreut in allen Medien, wie immer bei Ereignissen, die emotional aufgeladen und streitbar sind. Für diesen Kommentar habe ich Text um Text gelesen, Radio gehört, TV geguckt. Am Ort war ich nicht. Er liegt im Dunkeln. Und je mehr sich die Scheinwerfer auf ihn richten, desto dunkler wird er.

Die Einsamkeit der Familie Kantelberg-Abdulla möchte ich mir nicht vorstellen. Sie hat mit unendlicher Beharrlichkeit das Ziel verfolgt, den Tod ihres Sohnes im Schwimmbad strafrechtlich zu klären. Einst hat der Vater in Deutschland studiert, ist dann mit seiner Frau Renate in den Irak zurückgekehrt, um dort in den Golfkrieg zu geraten und wieder zu fliehen. Das Apothekerpaar hatte 1995 Sebnitz als freundliches, harmonisches Städtchen mit schöner Umgebung als Lebensort gewählt. Auch noch nach dem Tod des Sohns, der für sie alles verändert hat und wie sie meinen, die ganze Stadt verwandelte, bekamen sie Hilfe in Sebnitz, so die 14 Zeugenaussagen, vier von Tatzeugen, 60 eidesstattliche Versicherungen. Die inzwischen 15-jährige Diana hat Freundinnen in der Schule, die Mutter wurde SPD-Stadträtin. Eine Frau, Fließbandarbeiterin bei Bosch, hat den Strafantrag der Familie unterstützt, auf Grund ihrer Beobachtungen im Umfeld und "aus Überzeugung", wie sie einer Zeitung sagte. Man muss wohl eine Überzeugung haben, um klar Stellung zu beziehen.

Was alles lässt uns an dieser Geschichte erschrecken? Die Vorstellung von einer solch grausamen Tag, die möglicher Weise als ein Drangsalieren des Konkurrentenkindes begann und tödlich endete. Das Schweigen einer Stadt. Die schlampige Ermittlung der Polizei und anderer Behörden, die an Komplizenschaft denken lässt. Denn der Mordverdacht wurde ja sofort ausgesprochen. Und im Obduktionsbericht von damals wurde ein "Tauchen und Tunken", also Gewalt, nicht ausgeschlossen. Inzwischen aber erschreckt auch der Verdacht, das "alles ausgedacht" sei. Plötzlich steigt dichter Nebel auf: Alibis, angebliche Geldgeschenke an potentielle Zeugen, eine ganze Stadt, die tief gekränkt ist. Dazu eine Flut empörter Briefe aus Wessiland, das sich wieder einmal gern bescheinigt, weit von solchen Exzessen entfernt zu sein.

In Sebnitz wird nicht nur die Ehre einer einheimischen Apothekerfamilie verteidigt, sondern die Ehre einer Stadt, Sachsens, des Ostens insgesamt vielleicht und bald wohl die der Deutschen. Viel für eine kleine Grenzstadt, der die wenigen, früher dort angesiedelten Industrien weggebrochen sind, die so schön ihren Marktplatz renoviert hat und nur noch auf Tourismus hoffen kann. Es geht ja immer auch ums Image. Nicht kompatibel mit Wahrheit. Mit Einsicht. Nicht passend zu Trauer, zum Verzeihen.

Und nach den ersten Tagen erschreckt die schnelle Distanzierung von der Familie Kantelberg-Abdulla, die Kehrtwende, die allseits nach den ersten Schwierigkeiten mit der Beweislage zu bemerken ist. Die Pseudopsychologen übernehmen schon das Wort. Schröder hat nicht sofort gekniffen, Hut ab. Biedenkopf wollte bislang den Neonazismus in Sachsen durch Appelle an den Lokalpatriotismus wegdrücken. Zu spät. Demnächst werden sicher die politischen Konflikte in diesem Bundesland, auch um den Generalstaatsanwalt (CDU), dem nach vielfacher Forderung der Fall des Knaben Joseph aus Sebnitz entzogen werden soll, ein Thema sein.

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