Freitagmorgen und 30 Stunden in Teheran

Iran Kurze Geschichte einer unvollendeten Reise

Die automatischen Schiebetüren öffnen sich. Noch ist es dunkel. Ich bleibe kurz stehen und zünde mir eine Zigarette an. Die meisten Passagiere sind schon weg. In Sammeltaxis oder mit dem eigenen Fahrzeug. Um diese Zeit fährt noch kein Bus. Ich nehme mir Zeit. Es wird bald hell sein. Ich warte und genieße, das schaffe ich nicht sonderlich oft, laufe dann gemächlich dem Taxistand und dem erstbesten Wagen entgegen.

Der Fahrer ist vielleicht Mitte 30, hat ein freundliches, frisches Gesicht, das durch den Stoppelbart eher noch jünger wirkt. Ich sitze in einem modernen Audi, dessen Armaturenbrett mit Fell bedeckt ist. Wir drehen eine kleine Runde und verlassen den Airport Emâm Khomeini, der im Unterschied zum anderen Teheraner Flughafen Mehrâbâd weit außerhalb der Stadt liegt. Hier ist die Maschine gelandet, mit der ich aus Katar hergeflogen bin.

Es beginnt zu dämmern. Das Schwarz verfärbt sich zu einem weichen, herrlichen Hellblau. Teheran liegt zu Füßen des Alborz-Gebirges, doch ist von Bergen noch nichts zu sehen. Der Smog der Großstadt verhüllt alles.

Der Taxifahrer versucht, sich mit mir zu unterhalten. Er redet auf fârsi, und ich verstehe nichts. Nehme mein Buch in die Hand und spreche langsam, aber deutlich: "Man fârsi balad nistam." Er antwortet: "I English little." Dann sind wir ein perfektes Team und beginnen ein Gespräch. Er nennt mir seinen Namen, den ich nach ein paar Sekunden schon wieder vergesse. Es ist mir peinlich, noch einmal danach zu fragen. Er sei verheiratet, erzählt der Fahrer noch, und habe eine Tochter. Und einen Bruder, der in Düsseldorf lebt. Ich versuche herauszukriegen, was der Bruder für einen Job hat. Es dauert einige Minuten, bis ich verstehe: "Er macht Business mit Computer."

Aus dem Handschuhfach wird eine Kassette hervorgezaubert. "Depeche Mode, good music". Ich nicke, obwohl mir iranische Musik gerade lieber wäre.

Irgendwann sehe ich an der Straße ein riesiges Spruchband mit dem Porträt Ayatollah Khomeinis. Ein paar Augenblicke später rasen wir am Arâmgâh-ye Emâm Khomeini, dem Grabmal des Revolutionsführers, vorbei und weiter gen Teheran. Ich schaue so lange wie möglich auf das Mausoleum mit der goldenen Kuppel und den vier Minaretten zurück, seit fast zwei Jahrzehnten das Symbol der Islamischen Republik Iran. Und Depeche Mode singen immer noch.

Eine Wand aus Hitze

Die Berge des Alborzgebirges tauchen nun doch auf, verschwommen, schemenhaft, verhalten. Ich bin gefangengenommen. Ohne es zu merken, gerate ich in die Innenstadt, weil ich meinen Blick nicht lösen kann. Je länger wir das Zentrum durchfahren, desto ausgestorbener wirken die Viertel, Straßen und Plätze. Die Stadt erwacht noch lange nicht. Es ist Freitag, Freitagmorgen in Teheran.

Ich frage nach einem Zimmer. Versuche zu handeln. Man malt mir in fârsi die Preise auf. Ich schaue in meinem Buch nach den Zahlen auf fârsi. Versuche, andere Angebote zu machen, indem ich meinerseits die Zahlen auf ein Blatt Papier schreibe. Mich verwirren die unterschiedlichen Bezeichnungen für das iranische Geld, die Währung heißt offiziell Riâl, gesprochen wird jedoch in dieser Pension ständig von Tumân. Ein Tumân entspricht zehn Riâl, erinnere ich mich dunkel. Ich muss immer wieder überlegen, ob ich noch eine Null anhängen muss oder nicht. Und irgendwie habe ich den Eindruck, möchte man auch nicht wirklich mit mir handeln. Der Taxifahrer - er hat mit geholfen, diese Pension zu finden - meint noch, diese mosâferxâne sei "dirty".

Aber das wird mir erst später klar. Jetzt brauche ich Ruhe. Lasse mir das Zimmer noch nicht einmal zeigen. Bezahle für eine Nacht, gehe einfach mit. Drei Etagen hoch, links, rechts, wieder links.

Das Zimmer ist grauenhaft. Ein Bett, ein Tisch, kein Fenster. Dafür ein Fernsehgerät, das als Inventar besonders hervorgehoben wird, um den Preis zu rechtfertigen. Schrecklich warm ist es vor allem, doch ich sehe ein Bett. Außerdem hatte ich auf meinen Reisen schon viele Zimmer ohne Fenster. Die waren stets billig. Keine Kraft mehr zum Diskutieren. Man lässt mich in Ruhe, ich ziehe mich aus. Nur durch eine kleine Luke kann theoretisch etwas Luft in das Zimmer strömen. Aus irgendeinem Nachbarraum oder von sonst woher. An der einen Wand ist eine mit Löchern übersäte Pappe angetackert. Vermutlich ein Zuhause für die Teheraner Kleintierwelt, deren Artenvielfalt ich nicht kenne. Eine Wand aus Hitze ist es auf jeden Fall. Ich lege mich auf das Bett und verfalle einer Art Halbschlaf.

Später denke ich gründlich über die iranischen Bekleidungsvorschriften nach, bevor ich das mosâferxâne verlasse. Mit einer langen Kordhose und einem langärmeligen Hemd bin ich vermutlich auf der sicheren Seite. Was würde mir hier passieren, wenn ich noch meine Piercings im Gesicht hätte?

Ich gehe in Richtung Golestân-Palast. Laufe die xiâbân-e (Straße) Naser Khosrow entlang. Vorbei an einer Fahrradreparaturwerkstatt und anderen Geschäften, die inzwischen teilweise öffnen. Der Straßenverkehr hat merklich zugenommen. Ich schaue mir die Leute auf der Straße an. Nicht alle Frauen sind verschleiert. Ich sehe Haare, ich sehe sogar Schminke, Hände mit Nagellack. Viel westliche Kleidung, westliche Autos. Nicht den Klischees entsprechend, die man bei uns durch die Medien vermittelt bekommt. Mag sein, dass es auf dem Land nicht so liberal zugeht, aber Teheran erschreckt mich fast mit seiner allseits offenbarten Amerikanisierung, die freimütig zur Schau gestellt wird.

Ich verlaufe mich ein wenig beim Betrachten und frage einen Uniformierten mit Gewehr nach dem Weg. Freundlich und hilfsbereit, trotz der Sprachschwierigkeiten, hilft er mir. Keine Kontrolle des Passes. Keine Fragen, kein Stress.

Ein paar Straßenzüge weiter stehe ich am Eingang zum Rosengarten-Palast, der zwischen 1796 und 1921, und damit während der gesamten Qâjâren-Dynastie, Residenz der persischen Herrscher war.

In einer kleinen Pforte kaufe ich meine Eintrittskarten. Fünf Museen sind geöffnet - ich bezahle für alle, bekomme Tickets, auf die mit einer Art Briefmarken die Summe des Eintrittsgeldes geklebt ist, und betrete den aus mehreren Gebäuden und einem Park bestehenden Komplex. Als erstes sehe ich den Thronsaal, ein mit vorzüglichen Spiegelarbeiten verzierter Raum, in dem sich ein edelsteingeschmückter Thron aus dem Jahr 1806 befindet. Später laufe ich durch ein Gebäude mit einem Wasserbassin und Gemälden an den Wänden, um von dort ins Aks-Xâne, das Foto-Haus, zu gelangen, in dem historische Aufnahmen ausgestellt sind. Auch hier gibt es ein Bassin mit einem wunderschönen Springbrunnen, aber ich laufe nur vorbei. Auf dem Boden sitzen zwei junge, in Schwarz gehüllte Iranerinnen und malen einen Giebel ab. Sie lächeln mich an. Ich versuche, ihren Blicken zu entgehen, und verlasse das Gelände, ohne mir etwas richtig angeschaut zu haben.

Ich treffe eine Entscheidung, als ich wieder in meinem Zimmer stehe, nehme mein Gepäck und gehe die Treppen nach unten. Verlange meinen Reisepass. Streite mich noch etwas. Es gibt kein Geld zurück. Nur ein paar Meter weiter in der gleichen Straße gibt es noch ein mosâferxâne. Ja, ein Zimmer sei frei. Der Preis ist akzeptabel, billiger als mein letztes Zimmer. Ich bitte darum, es mir zu zeigen. Ein herrlicher Raum, weil mit Belüftung, die funktioniert.

Ich bezahle für eine Nacht und gebe meinen Pass ab. Gehe zurück und lege mich hin. Wie weiter? Mir steckt noch eine sechswöchige Busreise durch Armenien in den Knochen. Nun bin ich hier, endlich im Iran, und weiß, wie zermürbend und anstrengend die ersten Tage sein können. Das Neue, das Reinfinden. Aber darum geht es diesmal nicht. Ich stehe erst am Anfang einer langen Exkursion durch Mittelasien und schaue schon meine Schmerzmittelpackungen durch. Gleich damit anfangen? Am ersten Reisetag? Mir wird bewusst, dass mir im Moment die Kraft für diese Tour fehlt. Nur wollte ich mir das nicht eingestehen und bin trotzig losgeflogen. Ich grüble weiter. Dann fasse ich den Entschluss: Mit dem nächsten Flugzeug nach Deutschland zurück. Iran und Zentralasien werden auf mich warten müssen.

Stunden wie im Traum

Ich gehe also zur Xiâbân-e Ferdosi, doch das Büro von Irân Air fertigt keine Kunden ab an diesem Tag. Ich vergaß: es ist Freitag. Vielleicht sollte ich es am Flughafen Teheran Mehrâbâd versuchen? Aber wie kommt man am besten dorthin? Einmal quer durch die Stadt? Erst erwäge ich, mit einem Bus zu fahren, begreife aber bald, dass es unmöglich ist, etwas über das jeweilige Fahrziel in Erfahrung zu bringen. Abgesehen von der Nummer sind die Busse nur in fârsi beschriftet. Also laufe ich bis zur Xiâbân-e Enqelâb - der Straße der Revolution - in Richtung Flughafen.

Unterwegs werde ich alle paar Meter von Geldwechslern angesprochen, die zum Schwarzmarktpreis, weit unter dem offiziellen Kurs, Dollar eintauschen wollen. Ich kann endlich ein Sammeltaxi stoppen, versuche zu erklären, wohin ich fahren möchte, und werde verstanden. Beim Einsteigen sehe ich, dass außer mir nur noch ein altes Männchen befördert wird, das gerade schläft. Ich schaue in den Verkehr. Die Straßen werden breiter, der Fahrzeugstrom scheint unglaublich. Irgendwann sehe ich, dass wir dem Borje Âzâdi, dem Freiheitsturm, entgegenfahren. Ich kenne ihn von Fernsehbildern her als Wahrzeichen des modernen Teheran. Ein gewaltiges Bauwerk in Form eines verkehrten Ypsilons. Das alte Männchen steigt aus.

Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Flughafen. Beim Umlenken wechselt der Taxifahrer ungerührt fünf Spuren auf einmal, von ganz rechts nach ganz links. Hupen, bremsen, ein Motorrad wird fast angefahren, aber alles geht gut, als wenn es genau so sein müsste.

Am Flughafen finde ich nach einigem Suchen das Büro von Irân Air. Meine Maschine geht am folgenden Morgen um acht Uhr. Es sind noch Plätze frei. Ich muss zum Schalter der Bânk-e Melli Irân und bezahle dort mein Ticket mit einem Mix aus Riâl, Dollar und Euro. Ich fühle mich schon seit Stunden wie im Traum.

Und dann lasse ich mich doch noch zum Borje Âzâdi, dem Ypsilon-Turm, zurückfahren, wo mir sofort eine Führung verpasst wird - ein kleiner, glatzköpfiger Mann, der wenig Englisch spricht, jedoch überfreundlich ist. Ich fühle mich immer sehr unwohl in der Gegenwart solcher Menschen. "Be careful!" "Go first!" Vorbei an Koran-Versen gelange ich in einen Raum, den es auf einem Förderband stehend zu durchqueren gilt wie die Islamische Republik, die links und rechts mit ihren wichtigsten Wirtschaftsstandorten vorbeizieht. Mein Führer erklärt mir alles zu den einzelnen Städten. Es folgen die Fische aus dem Persischen Golf, die hier in Aquarien untergekommen sind. Doch lenkt mich immer wieder die Leinwand ab, auf die ich starren muss. Ich sehe Filmaufnahmen aus der Zeit der Islamischen Revolution, sehe, wie die Massen Khomeini zujubeln, Teheran 1979.

Für andere Räume bleibt keine Zeit, es wird bald geschlossen. Wir fahren mit dem Lift zur Aussichtsplattform. Eine irrsinnige Stadt. Offiziell leben in Teheran sieben Millionen Menschen, tatsächlich sollen es mindestens neun, vielleicht auch 14 Millionen sein. Im Norden sehe ich wieder die schneebedeckten Berge des Alborz-Gebirges. Ich genieße es, weil ich weiß, dass ich zu anderer Zeit wiederkehren werde. Für mehr als 30 Stunden Teheran.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare