Freitags unterwegs

Robinson Rilke, Mops und Dönerfleisch

Der in Paris lebende französische Fotograf Luc Wouters hat bei einem Besuch in Berlin Menschen in der U-Bahn fotografiert. Was ihn besonders interessierte, war der gewöhnliche Habitus von Leuten auf der Fahrt, die nicht bemerken, dass sie zum Motiv des Reporters werden. Luc Wouters hat dem Freitag seine Fotoserie zur Verfügung gestellt - Karsten Laske seine U-Bahn-Impressionen.

Plötzlich ein Wind, der über den Bahnsteig weht. Die nahende U-Bahn, sie schiebt Luft im Tunnel vor sich her. Dann vibrieren die Schienen. Fahren Lichter heran und die elektronische Anzeige am Bahnsteig blinkt. Ich stehe, ein Buch in der Hand, darin einen Finger als Lesezeichen, am Gleis. Die Bahn hält, Türen öffnen sich.

Ein junger Mann zwängt sich vor mir in den Wagen, als gäb´s da drin was umsonst. Er trägt eine pinkfarbene Messenger-Tasche über der Schulter und seine Füße stecken in gelben Schuhen. Eine Frau führt einen schmutzigen Mops an der Leine. An den Scheiben des Abteils klebt noch die Folienwerbung von der Fußball-WM, lauter weiße Kugeln, die man jetzt im Winter für Schneebälle halten möchte.

Wir fahren durch den Tunnel wie durch die Nacht. Ein Handy kreischt mit Papageienstimme: Anruf, Anruf! - "Ja, hallo...?"

Wache und Träumende, Junge und Alte, Schweigen und Reden. Jemand packt einen Döner aus, ich rieche das Fleisch, noch bevor ich es sehe, und mir wird übel; als der Mann sich die Hose mit Knoblauchsoße bekleckert, freut es mich.

Auf flachen Monitoren über unseren Köpfen laufen Nachrichten und Werbung, alle zehn Minuten das Gleiche. Klimawandel beschleunigt Gletscherschmelze, britische Ärzte haben mit Viagra das Leben eines Babys gerettet. Wir fahren. Ein Betontunnel ist so grau wie der andere. Der Mops ruht und dem Messenger-Boy rutscht seine Tasche von den Knien. Wir sind es, und wir sind es nicht. Man kann nicht zweimal in dieselbe U-Bahn steigen.


Fast jeden Tag benutze ich die U 2, die zwischen Pankow und Ruhleben verkehrt oder umgedreht, ganz wie Sie wollen. Die Strecke hat 29 Stationen und ist 20,7 Kilometer lang.

Früher kannte ich nur das kleinere Ostberliner Teilstück, die Bahnen fuhren zwischen Otto-Grotewohl-Straße und Vinetastraße hin und zurück. - Grotewohl, Sie wissen schon, der mit dem unverbrüchlichen Händedruck.

Heute kann ich mit der Linie, wenn ich möchte, zum Beispiel bis zur Deutschen Oper fahren und mir dort auf der Bühne abgeschlagene Pappmachéköpfe ansehen. Oder eine Tosca-Inszenierung aus dem Jahr 1968, die noch immer läuft und deren guter alter Westberliner Staub garantiert von keinem sozialen Protest und keiner politischen Wende je aufgewirbelt wurde.

Oder ich fahre noch etwas weiter und steige am Zentralen Omnibusbahnhof aus und dort in einen Bus um, der mich nach Moskau, Bremerhaven oder Venedig bringt. Zum Beispiel. Oder fahre bis zum Olympiastadion und geh zu Hertha. Oder zum Zoo und geh in den Zoo. Oder so.

Die Vinetastraße im Bezirk Pankow, auf der anderen Seite der Stadt, war und ist damals wie jetzt eine stille, mit Platanen bestandene Straße, in der die Uhren langsamer gehen. Bürgerhäuser, Dreißiger- und Fünfziger-Jahre-Bauten reihen sich aneinander, teils renoviert, teils noch im Dämmerzustand. Ihre Goldene Hausnummer tragen die Fassaden trotzdem stolz wie Aktivistenabzeichen, auch wenn das Gold und der Lack längst herunter und die ehemaligen Aktivisten, falls sie noch in den Häusern wohnen, im Ruhestand sind. Die Flugzeuge Richtung Tegel fliegen vom Osten her ein, und die evangelische Hoffnungskirche eine Querstraße weiter läutet dunkel wie ... - ja, fast möchte man sagen, vom Grunde der See.

Seit 1987 wartet unten am Bahnsteig der "Vinetamann", starr und in Bronze steht er vorm Zeitungskiosk, der hat auch sonntags geöffnet. Seit 1997 führt die Strecke noch eine Station weiter, Bahnhof Pankow ist Endhaltestelle.

Zur anderen Seite hin, vor der Station Hausvogteiplatz, gab es eine scharfe Kurve, die Bahn musste langsam fahren und die Räder auf den Schienen schrieen um Hilfe. Kurz darauf erreichte man den letzten, grenznahen Halt, eben jene Grotewohl-Station, die heute Mohrenstraße heißt, die Wände mit rotbraunem Marmor von Hitlers Reichskanzlei dekoriert. Wenn die Verlage und Ministerien oben ihre Arbeit aufnahmen oder beendeten, stiefelten hier unten Leute rum. Sonst versank der Halt in Stille. Heute bemerkt man nicht einmal mehr diese eine Kurve, die Räder laufen leise. Der Krieg ist vorbei.

Die U 2 ist die schnellste Verbindung zwischen den Bezirken Charlottenburg und Prenzlauer Berg. Das macht sie auch für Touristen attraktiv. Was glauben Sie, was wir hier drin für einen Spaß haben zu Silvester, zur Love Parade, am Christopher Street Day! Fahrgäste und Beck´s-Flaschen kullern durcheinander, bunt und in allen Geschmacksrichtungen.


Die Sitzreihen im Wagen befinden sich unter den Fenstern, man sitzt also eins und eins nebeneinander - quasi Huhn an Hahn auf der Stange - und guckt sein Gegenüber an. Oder sieht sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe. (Welches komischerweise nie besonders attraktiv aussieht, warum eigentlich? Muss an den Scheiben liegen.) Oder guckt nach draußen. Wenn die Bahn gerade als Hochbahn oben über der Straße fährt, geht das. Wenn sie das nur immer täte! Denn eigentlich fahre ich überhaupt nicht gern U-Bahn. Das ewige Im-Tunnel-Hocken nervt. Das Immer-Gleiche. "Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, ich verkaufe die Obdachlosenzeitung ..."

Fahrgäste der Berliner U-Bahn müssen in diesem Jahr überhaupt viel Geduld aufbringen, mit sich und den anderen. Es wird saniert auf einigen Linien, der Zugbetrieb jeweils um Wochen unterbrochen. Zunächst pausiert die U 6 zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel einen Monat. Im Mai sitzen die Fahrgäste der U 2, also auch ich, zwischen den Stationen Rosa-Luxemburg-Platz und Schönhauser Allee im Bus. Und ab den Sommerferien rollen auf der U 9 zwischen Zoo und Leopoldplatz ein Vierteljahr keine Züge. - Sollten Sie zufällig Kleinkünstler oder Kabarettist sein, empfehle ich Ihnen, wenn Sie in Berlin gastieren, unbedingt ein paar Witze über die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) einzubauen. Da kann sich Ihr Publikum, der vom Schienenersatzverkehr schwer geprüfte Berliner, ein bisschen Frust von der Seele lachen. Er wird´s Ihnen danken!

Ebenfalls in diesem Jahr will die BVG ihre Videotechnik aufrüsten. Alle 170 U-Bahnhöfe werden in Zukunft mit einer Überwachungstechnik ausgestattet sein, die ihre Aufnahmen automatisch 24 Stunden speichert. Sollten Sie also doch nicht Kabarettist, sondern eventuell Attentäter oder Exhibitionist sein, rate ich zur Vorsicht: Halten Sie Ihre Bombe unterm Mantel versteckt und Ihre Hose geschlossen. Oder Sie sehen sich abends auf RTL.

Die BVG, wie gesagt, ist ein lustiger Haufen, wobei die Betonung auf Haufen liegt. Um zum Beispiel ein wenig Farbe ins Berliner Straßenbild zu bringen, hat sie sich vor gut zwei Jahren einen kleinen Spaß ausgedacht: Sie lässt seither manchen Bus und manche Straßenbahn mit einem großen M vor der Nummer herumfahren, welches für "Metro" steht. Das hat natürlich überhaupt keinen Sinn, aber es klingt sehr großstädtisch. Vielleicht war der BVG-Chef mal in Paris, sah den Eiffelturm, besuchte das Moulin Rouge und dachte sich: oh là là! - Letztens traf ich eine sehr liebenswerte junge Französin, die in Berlin-Mitte zwischen Straßenbahn-Haltestelle oben und U-Bahn-Station unten treppauf, treppab hin und her irrte, weil sie verzweifelt die "Metro-Tram" suchte, die ihr angekündigt war und die sie natürlich für ein unterirdisches Verkehrsmittel hielt. Ha, Mademoiselle, reingefallen! Berlin, meine Dame, ist nicht Paris. Jene soll ja angeblich die Stadt der Liebe sein, hier ist definitiv das Pflaster, auf das die Hunde kacken.

Doch zurück in die U-Bahn. Die übrigens nicht mit der S-Bahn verwechselt werden darf, das muss hier noch schnell erwähnt werden. Während es eigentlich völlig schnurz ist, ob man gerade S- oder U-Bahn fährt - zumal die U-Bahn teils, wie gesagt, auf Viadukten über der Straße, die S-Bahn streckenweise unterirdisch fährt -, nie würde ein Berliner sie verwechseln. Nie! Da ist er Preuße.

Neben mir hat jetzt eine vietnamesische Kleinfamilie Platz genommen, eine Mutter mit zwei Jungs, fünf und sieben Jahre alt, schätze ich. Die haben einen Heidenspaß an dem Lied Drei Chinesen mit´m Kontrabass. Strophe um Strophe variieren sie den Blödsinn zum Gaudi der Fahrgäste, und die Mutter erträgt es still. "Dro Chonoson mot´m Kontroboss ..."

Währenddessen diskutieren ein Abiturient und ein amerikanischer Austauschschüler die Frage, ob man das Gefangenencamp auf Guantánamo als Konzentrationslager bezeichnen dürfe. Der junge Amerikaner ist unbedingt dafür, der deutsche Schüler äußert seine Zweifel. Aber schließlich einigen sie sich doch darauf.


Ich stecke also im Gewühl. Höre, was geschieht. Lese in meinem Buch. Lass meine Gedanken schweifen. Seh mir Gesichter an.

"Fühlen, was geschieht" heißt der Slogan, mit dem die B.Z. wirbt. Ich brauche keine B.Z.

Zunächst nehme ich die Leute meist als Gedränge wahr, bewege mich durch Tumult und Masse. Dann fällt mir ein Einzelner auf. Und nun sehe ich ständig das Besondere. Kleidung, Gang, Gebärde, Gesicht.

Gesichter werde ich heute noch einige zu sehen bekommen. Am Abend veranstaltet ein Freund eine Vernissage. Wobei "Vernissage" viel zu hochgestochen klingt. Die Ausstellung wird nicht in der Linien- oder Auguststraße eröffnet, sondern bei ihm zu Hause. Portraitfotos, die er über viele Jahre gemacht hat, hat er nun an seine kahlen Wände gehängt.

Warum sehen wir uns das an? Gesichter von Leuten, die wir nicht kennen? Versuchen, in ihnen zu lesen. Entdecken vielleicht Biografien. Finden uns selbst in ihren Augen. Warum? Was suchen wir da? Trost?

Ich weiß, als ich einmal nach längerer Krankheit endlich wieder unter Leute kam, wie gierig ich darauf war, eine Menschenmenge zu spüren. Ihre Gegenwart. Und darin meine. Schon das bloße Atmen war eine Lust, und noch die strengsten Gerüche sog ich gierig ein ...

Die Portraitierten wussten übrigens immer, dass sie fotografiert werden, und es ist das Verdienst meines Freundes, dass sie trotzdem nie für die Kamera posieren. Manchmal spiegelt sich in ihren Augen der Apparat, manchmal sogar der Fotograf.

Die Gäste heute Abend, fürchte ich, werden trotzdem gekleidet sein, als ginge es nach Berlin-Mitte in die Galerie Gerken oder zu Leo.Coppi. Es wird ein bisschen Wein und Brot und Käse geben. Wer möchte, kann etwas sagen oder singen oder was weiß ich. Ich überlege, ob ich ein Gedicht vorlese. Rainer Maria Rilke, Orpheus. Eurydike. Hermes.

Als ich heut früh beim Kaffee in meiner Küche saß, dachte ich so: Die Fotos zeigen Blicke. Die Fotos bleiben jung. Und an der Orpheus/Eurydike-Story hat mich schon immer die "überraschende Wendung" interessiert. Warum blickt der Sänger sich um, als er seine verstorbene Frau aus dem Hades führt? Er weiß doch, dass er sie dann zum zweiten Mal verliert. Ist es wirklich schnöde Ungeduld, die ihn dazu treibt? Man weiß ja, wie lange Frauen mitunter brauchen, wenn wir mit ihnen irgendwo hin wollen. Aber das hier ist doch wohl etwas anderes.

Nun habe ich also das Buch dabei, ein Bändchen mit Rilke-Gedichten. Sitze mitten am Tag in der U-Bahn, drei Chinesen mit´m Kontrabass trampeln mit auf den Füßen rum, es riecht nach Knoblauchsoße und altem Mops. Ich lese und überlege, ob das Gedicht das richtige für den Abend ist.

Rilke berichtet vom Aufstieg aus dem Hades. "Das war der Seelen wunderliches Bergwerk." Orpheus geht voran, Eurydike folgt, von Hermes geführt. "Und dieses einen Weges kamen sie. / Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, / der stumm und ungeduldig vor sich aussah."

Ich versuche, nicht in einen Rilke-Swing zu fallen, der die Sinne verkleistert, sondern herauszufinden, was passiert. Orpheus schreitet zügig. Aber in seinem Innern tobt ein Kampf. Und "seine Sinne waren wie entzweit: / indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, / umkehrte, kam und wieder weit / und wartend an der nächsten Wendung stand - / blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück..." Lauernd, misstrauisch. Witternd, ob sie ihm auch wirklich folgen, Hermes und Eurydike.

Alexanderplatz. Ein Mann steigt ein, er freut sich, zufällig eine Freundin zu treffen, sie begrüßen sich. Ein Dritter mischt sich roh dazwischen: "Damen begrüßt man so - Rot Front!" Und hält die Faust, als wolle er den beiden eine reinhauen. Irritiert suchen die das Weite. - Manchmal kann ich die Beleidigungen der Gegenwart kaum aushalten. - Weiter, Rilke.

"Sie war schon aufgelöst wie langes Haar / und hingegeben wie gefallner Regen / und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. / Sie war schon Wurzel." Ahnt Orpheus das, als er sich umwendet? Ihre Verwandlung? Das Gedicht gibt darauf keine Antwort. Bleibt bei Eurydike, die gar nicht versteht, was dieser Mann noch von ihr will. Er ist jetzt der Schatten, weit vor ihr auf dem Weg, ein Fremder, "dessen Angesicht nicht zu erkennen war" gegen das Licht des Tags.

Das Licht des Tags. Die Bahn taucht auf. Nächster Halt: Eberswalder Straße. Ich schlage das Buch zu.

Nein. Nein! Schade.

Die Portraits meines Freundes und Orpheus in der Unterwelt - heute früh am Küchentisch schien das eine Beziehung einzugehen. Aber es ist Quatsch. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Eurydike ist ja nicht Brötchen holen gegangen. Sie kommt auch nicht mit einem Döner in der Hand oder einem Mops an der Leine zurück. Sie ist gestorben. Und Orpheus kann alle Klage nicht helfen. Er will ihren Tod nicht wahrhaben. Er will, dass das Leben mit ihr weitergeht. Deshalb sein Gang hinunter zu den Schatten. Dort zeigt man ihm Eurydikes Abbild, das ihm dann folgt. Und sein Umwenden geschieht nicht aus Ungeduld, sondern es ist der Moment, in dem er es wagt, der Wahrheit ins Auge zu blicken. - Musste ich U-Bahn fahren, um das zu erkennen?

Bahnhof Schönhauser Allee, ich steige aus, laufe die Treppen hinab zur Straße. Das Plakat eines Reiseveranstalters - oder ist´s ein Solarium? - fragt mich auf halbem Weg: "Fährst du noch oder sonnst du schon?" Weder noch. Der Himmel ist grau und es nieselt.

Und was mache ich nun heute Abend? Ich werde sehen. Ich werde in die Gesichter sehen. Dann wird mir das Richtige einfallen. - Und sollten Sie sich gelegentlich fragen, ob Sie richtig liegen mit einer Idee oder sich verstiegen haben in einen Einfall: Ich empfehle eine Berliner U-Bahnfahrt. Die ordnet die Gedanken, schneller als eine Mütze Schlaf. Und erdet. Besser als jeder Blitzableiter.


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00:00 23.02.2007

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