Großteil freiwilliger Kämpfer hat Ukraine wieder verlassen

Fremdenlegion Ausländische Freiwillige und Söldner strömten in die Ukraine, um gegen Russland zu kämpfen. Von der Härte des Einsatzes überrascht kehren viele schnell wieder zurück
Ukrainische Soldaten neben einer zerstörten Militärschule in Mykolajiw, Südukraine
Ukrainische Soldaten neben einer zerstörten Militärschule in Mykolajiw, Südukraine

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Der Ukraine-Krieg stellt den Westen vor ein Dilemma. Ein militärisches Eingreifen birgt das Risiko eines direkten Zusammenstoßes mit Russland und wird daher in Washington wie den anderen NATO-Hauptstädten richtigerweise abgelehnt. Untätiges Zuschauen ist aber ebenfalls keine Option. Angesichts der vielen Erklärungen vor dem Krieg, wie verbunden man sei, wäre verlorene Glaubwürdigkeit die Folge. Präsident Wolodymyr Selenskyj wirkte erkennbar enttäuscht vom Verhalten der NATO, als er am 15. März kundtat, dass er einen Bündnisbeitritt nun für unwahrscheinlich halte. „Jahrelang haben wir von offenen Türen gehört, aber jetzt hören wir auch, dass wir dort nicht eintreten dürfen.“

Um zu großem Prestigeverlust zu entgehen, verschicken westliche Staaten weiter massiv Waffen an die Ukraine, um deren Abwehrfähigkeit zu steigern. Am 17. März sicherte US-Präsident Joe Biden eine Unterstützung von 800 Millionen Dollar zu. Dieser Schub allein enthält 800 Stinger-Flugabwehrraketen, 2.000 Panzerabwehrsysteme Javelin und 6.000 Panzerabwehrsysteme AT-4. Zuvor hat Deutschland mit 500 Stinger-Raketen vergleichbares Equipment geschickt. Dennoch rücken russische Truppen vor, wenn auch mit geringerem Tempo als zuvor angenommen, und kontrollieren immer mehr ukrainisches Territorium. Offenbar fehlt es den ukrainischen Verbänden weniger an Waffen als an Personal, um dem Einhalt zu gebieten.

Freiwillige Kombattanten in der Ukraine von russischer Feuerkraft überrascht

Lange Zeit setzte Kiew große Hoffnungen auf freiwillige Kombattanten, die aus aller Welt zu Hilfe kamen, die Rede war von bis zu 15.000 Mann. Manche von ihnen wurden über private Sicherheitsagenturen rekrutiert und waren eher der Kategorie Söldner zuzuordnen. Andere gaben an, die Ukraine allein aus Überzeugung anzusteuern, was eher auf Freiwillige hindeutete. Viele dieser Kräfte waren gut ausgebildet, bestens ausgerüstet und hoch motiviert. Einige wurden in kleineren Trupps dezentral auf Frontabschnitte verteilt, andere auf dem Stützpunkt Jaworiw in der Westukraine in einer Art Fremdenlegion organisiert, die bis zu 2.500 Mann umfassen sollte.

Die Hoffnung, mit diesen Verbänden den Konflikt drehen zu können, hat sich freilich zerschlagen, seit Russland in der Nacht zum 13. März mit mehreren Marschflugkörpern den Truppenübungsplatz Jaworiw fast völlig zerstörte. Dutzende Kämpfer starben, noch bevor sie an die Front gehen konnten. Aufnahmen aus Jaworiw nach dieser Nacht zeigten den Schock, unter dem die Kombattanten standen, sodass viele die Ukraine inzwischen wieder verlassen haben. Bei dem Versuch, zu gehen, wurden sie von den Ukrainern teilweise festgehalten oder für „russische Diversanten“ gehalten. Exemplarisch ist der Fall des britischen Ex-Soldaten Jason Haigh (34), der als einer der ersten westlichen Freiwilligen in die Ukraine kam. Seine Einheit erlebte den Raketenbeschuss des Flughafens Hostomel bei Kiew. Gegenüber der Zeitung Sun meinte er, mit seiner in Afghanistan und im Irak gesammelten Kampferfahrung sei das nicht zu vergleichen. „Ich habe noch nie eine solche Feuerkraft erlebt. Ich glaube, dass es kaum jemand aus unserer Generation jemals so erlebte.“

Kurz nachdem er diese „Hölle“ überlebt hatte, versuchte er mit einem Mitkämpfer aus den USA das Land wieder zu verlassen, wurde aber von Ukrainern festgenommen, die sie für „russische Saboteure“ hielten. Nach mehreren Stunden Verhör wurde Haigh schließlich freigelassen und verließ auf schnellstem Wege unter vielen Flüchtlingen das Land Richtung Polen und weiter in seine Heimatstadt Kidderminster in Großbritannien.

Ausländische Kämpfer haben in der Ukraine massive Verluste erlitten

Eine ähnliche Erfahrung machte ein ehemaliger US-Polizist aus Dallas. Dem Sender CBS erklärte der 46-Jährige, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht nennen wollte, dass seine Einheit zum Ziel russischer Raketen geworden sei und „massive Verluste“ erlitten habe. Er selbst sei verletzt worden und nach einer Woche im Kampfgebiet wieder nach Texas zurückgekehrt. Seine Einheit habe allein beim Angriff auf Jaworiw die Hälfte ihrer Männer verloren.

Mittlerweile lässt sich mit einiger Sicherheit konstatieren, dass ein Großteil der ausländischen Kämpfer entweder getötet wurde oder ähnlich wie Jason Haigh die Ukraine wieder verlassen hat. Die US-Sicherheitsagentur Forward Observations Group sah sich gezwungen, in den sozialen Netzwerken das Statement zu verbreiten, dass ihre „Mission in der Ukraine“ beendet sei. Man habe „in diesem Scheißkrieg einige unserer Freunde, ehemalige Lehrer und Bekannte verloren“.

Das lässt auf zweierlei schließen: Dieser Krieg tobt mit einer Gewalt, die selbst Afghanistan- und Irak-Veteranen so nicht erwartet haben. Und die Hoffnung in Kiew, dank eines Zustroms von außen das Blatt wenden zu können, scheint angesichts massiver Verluste unter den externen Kadern verflogen zu sein. Dieser Krieg wird nicht durch Söldner entschieden.

Nikita Gerasimov promoviert als Politikwissenschaftler an der FU Berlin

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