Fremd bin ich eingezogen

BERLINER SCHAUBÜHNE Der Mythos vom Neuanfang an der Berliner Schaubühne

Günter Gaus: Wie wirken Kopf und Gemüt bei Ihnen zusammen, wenn Sie eiDie "neue" Schaubühne ist eröffnet. Endlich. Und endlich kann man hingehen und sich Theater angucken. Was allemal besser ist, als immer wieder mit noch einem Foto des Leitungsteams vertröstet zu werden. Obwohl hier ehrlicherweise zugegeben sei, dass das Nackedei-Foto aus der Zeit farblich so gut in unsere frisch zusammengezogene Frauen-WG und ihre ebenso frisch renovierte Küche passt, dass wir nicht anders konnten, als es über die Spüle zu hängen. Später, nachdem wir Sasha Waltz' Eröffnungsinszenierung mit dem Titel Körper gesehen hatten, wurde uns klar, dass das Poster dort nicht nur farblich, sondern auch ideologisch und symbolisch seinen richtigen Platz gefunden hat. Denn was ist der Neuanfang an der Schaubühne anderes als eine WG-Gründung, bei der zwei Familien eine gemeinsame Wohnung beziehen? Familie Waltz aus den Sophiensælen und Familie Ostermeier aus der Baracke. Und weil man möglichst nicht an seine Vormieter erinnert werden will, wird erstmal gründlich entrümpelt. Die alten Tapeten werden von den Wänden geholt bis auf den nackten Beton. Und man steht da und staunt, wie schön nüchtern die Architektur ist, und beschließt, das alles nicht gleich wieder zuzukleistern und zu möblieren. Spart außerdem Geld, das man für Wichtigeres ausgeben kann als für teure Einrichtung. Insofern sind die Umzügler an den Kurfürstendamm ihren in Berlin-Mitte, unter den Bedingungen der Freien Szene erprobten Tugenden treu geblieben.

Wer die Sophiensäale und die Baracke unter anderem schätzte für die Art und Weise, wie dort mit vorgefundenen Räumen umgegangen wurde, nämlich sachlich und funktional, der oder die wird sich in der Schaubühne gleich ein bisschen wie zu Hause fühlen. Und hatte Sasha Waltz nicht immer schon ein Faible für Alltagsrecherchen in Wohnküchen und Schlafzimmern? Im Rückblick erinnert man viele ihrer Bühnenräume als Baustelle. Nun aber hat die Unbehaustheit der Körper in der Welt der Dinge, wie sie in Travelogue, Zweiland oder Allee der Kosmonauten zu besichtigen war, vorläufig ein Ende gefunden und die Choreographin erzählt nicht mehr ihre grotesken Anekdoten vom Zusammenprall der Körper mit dieser Welt, sondern der Körper ist Gegenstand ihrer Recherche. Aber man ahnt gleich, dass der Körper selbst auch keine all zu heimelige Behausung bieten kann. Nicht ein bestimmtes Körperbild demontiert oder zelebriert die Eröffnungsvorstellung, sondern sie analysiert das prekäre Verhältnis, das wir zu unserer sterblichen Hülle haben. Der Körper an der Schnittstelle von Natur und Kultur: ein restlos entzaubertes, ausschlachtbares Ersatzteillager, ein Bündel Haut und Knochen, Materie einerseits und mystifizierbares Kultobjekt, Objekt der Begierde, Gegenstand kultureller Zuschreibungen und Moden andererseits. Berechenbar, beherrschbar und verletzlich. Der Tanz bewegt sich zwischen kollektiver Formation und individuellem Ausdruck, geschlossener Ensembleleistung und tänzerischer Einzelaktion. Der Gestus ist ernst, sachlich und kühl, wirft mehr Fragen auf, als dass er Positionen in den Raum stellen würde. Und es riecht nach Arbeit, nach protestantischem Ethos.

"Wir müssen von vorne anfangen", heißt es unter der Überschrift "Der Auftrag" in einem Manifest, das die Schaubühne in ihrem Spielzeitheft adruckt. Den Theatermachern in Deutschland sei ihr gesellschaftliche Auftrag abhandengekommen. Immer noch würden sie einem Politik- und Theaterverständnis der 70er Jahre nachtrauern und hätten darüber den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Da ist was dran. Zumindest, wenn man sich die jahrelang beschworene Krise der Stadt- und Staatstheater ins Gedächtnis ruft. Das ist denn auch die größte Hypothek von Ostermeier, Waltz Co., dass sie sich nicht haben verschleißen lassen in den Mühlen des Theaterbetriebs. Zu lange hat sich die Generation der dreißig- bis fünfunddreißigjährigen gängeln lassen mit dem Vorwurf, sie sei unpolitisch, Wohlstandskinder, die nie für irgendetwas in ihrem Leben hätten kämpfen müssen. Was einem nun entgegenschlägt bei der Lektüre des Manifests, ist sozusagen die Kehrseite der Doppelmoral der Eltern- und Lehrergeneration, die beim Marsch durch die Institutionen in der eigenen Saturiertheit erstarrt ist: der reine Idealismus. Es überrascht nicht, wenn die Schaubühne das Theater als Ort einer Repolitisierung der Gesellschaft beschwört und die Theaterleute die Forderung nach einem "radikal zeitgenössischen" Theater mit der Frage verbinden: "Wie sollten wir eigentlich leben?" Alles Verdrängte kommt schließlich irgendwann zurück und muss wieder und wieder durchgearbeitet werden. Insofern ist der Neuanfang an der Schaubühne jetzt schon ein Mythos, denn genau genommen wird hier versucht, das Erbe des 20. Jahrhundert anzutreten. Ganz im Ernst. Nur, wirklich "neu" ist das alles nicht. Vielleicht kam mir deshalb beim Verlassen des Theaters die Neue Deutsche Welle in den Sinn, "Extrabreit" und ihr Song, in dem es heißt: "Die kleinen Mädchen aus der Vorstadt tragen heute Nasenringe aus Phosphor...", und im Refrain: "Das ist neu, das ist neu, hurra, hurra, die Schule brennt!" Schade, dass Beton nicht brennt. n

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00:00 28.01.2000

Ausgabe 43/2021

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