Fremde Haut

Alltag Alexander Meyer sieht aus wie ein Chinese, hört sich an wie ein Deutscher und ist auf der Suche nach seiner Heimat

In Peking, in einem Cafe mit amerikanischem Interieur, das bei den Ausländern besonders beliebt ist, spricht mich ein junger Chinese in akzentfreiem Deutsch an. Die schwarzen Haare des etwa 25 Jahre alten Mannes stehen störrisch ab, seine silberne Rundbrille lässt ihn intellektuell wirken. "Warum sprichst du so gut Deutsch?", frage ich sofort. "Ich bin Deutscher", sagt er. "Wie das?", rutscht mir heraus und ich bereue die Frage sofort. Denn er zögert, sein Gesicht zeigt leichten Widerwillen, vielleicht auch Langweile. "Ich bin schon als Baby von Deutschen adoptiert worden, dort auch aufgewachsen", sagt er und lächelt gezwungen. Derartige Unterhaltungen hat Alexander Meyer in seinem Leben schon zu oft geführt. In all den penetranten Nachfragen, dem "Woher kommst du?" dem nachgeschobenen "Nein, woher kommst du wirklich?", schwingt implizit mit, dass einer, der so aussieht wie er, definitiv nicht aus Deutschland kommen kann. Das nervt Meyer sehr. "Es ist pervers, wenn man Deutscher ist und sich in Deutschland permanent diese Fragen anhören muss und immer herausdefiniert wird aus der Gemeinschaft", sagt er.

In einer süddeutschen Kleinstadt lebte Alexander Meyer mit seinen sozialen Eltern und einer Adoptivschwester, deren biologische Eltern Araber sind, bis zum Abitur. "Ich konnte in dieser Kleinstadt gut aufwachsen", erzählt Meyer, "gerade weil die Leute mich kannten, weil sie nicht jedes Mal neu fragen mussten, wer ich bin, woher ich komme und warum ich in Deutschland lebe." Viele Fragen zu seiner Herkunft wurden von seinen deutschen Eltern beantwortet, als er noch im Kinderwagen lag. Als Kind hatte Alexander Meyer keinerlei Verbindungen zum Kulturkreis seiner leiblichen Eltern. Seine Adoptiveltern unternahmen keine Versuche, ihm die chinesische Kultur näher zu bringen. Die einzigen anderen Chinesen in der Kleinstadt betrieben das chinesische Restaurant. Alexander Meyer fühlte sich in seiner Kindheit nur als Deutscher. Trotzdem begleitete ihn das Reich der Mitte schon immer. Er wurde als Chinese bezeichnet, Kinder zogen Schlitzaugen, riefen ihm "Shing-Shang-Shong" hinterher. Doch obwohl Meyer sich gegen die Zuschreibungen von außen wehrte, schaffte er es nicht, den ungewollten Begleiter - China - abzuschütteln. Schon der so deutsch klingende Name bringt Alexander Meyer immer wieder in Schwierigkeiten. Wenn er nach einem Telefongespräch unbekannten Menschen zum ersten Mal unter die Augen tritt, bringen sie seinen Namen, seine Sprache und sein Aussehen nicht zusammen. Meyer steht sofort unter Rechtfertigungszwang. Alle sehen in ihm den Fremden und nicht den Deutschen. Der Fremde ist eine größere Gefahr als der Feind, weil der Fremde unbestimmbar ist, behauptet der Philosoph Zygmunt Baumann. Erst eine klassifikatorische Klarheit schafft Verhaltenssicherheit und um die zu erreichen, muss Meyer sich erklären.

Meyer fährt nach China, in das Land seiner Vorfahren, das Land mit dem er schon immer "verbunden wurde". Die ersten Tage in Peking sind ein Kulturschock. "Dieses Volk aus permanenten Spuckern und Dränglern soll die Hochkultur meiner Vorfahren sein?" Doch der erste Schreck legt sich schnell und Alexander Meyer genießt es, in der Masse aufzugehen. Endlich nicht mehr bunter Hund zu sein. Eben einfach dazu zu gehören, ohne die immer wiederkehrenden Fragen nach seinen guten Deutschkenntnissen über sich ergehen lassen zu müssen. Er "tarnt sich als Chinese", indem er immer nur "Äh, Äh" sagt und versucht, sogar kurz in einem billigen Wohnheim nur für Chinesen zu leben. Aber der schreckliche Zustand der sanitären Anlagen treibt ihn zurück ins Ausländerwohnheim.

Einfach ist das Leben für Alexander Meyer auch im Reich der Mitte nicht. Da er kein Chinesisch spricht, kann er nur dazugehören, wenn er schweigt. "Warum siehst du so aus wie uns?", fragt ihn eine Chinesin, die Deutsch lernt und bringt damit ihr Erstaunen über diesen Deutschen, der dem Klischeebild "blond und blauäugig" nicht entspricht, zum Ausdruck. Auch in China schließen die Menschen direkt vom Aussehen auf die Nationalität, auf die Zugehörigkeit. Jemand der Deutsch aussieht, kann kein Chinese sein und jemand wie Alexander Meyer, der chinesisch aussieht, kann kein Deutscher sein. Doch Alexander Meyer fühlt sich in China gut aufgenommen. Letztlich ist er für die Menschen in Peking Chinese. Er gehört zu ihnen, sie schließen ihn in ihre Gemeinschaft mit ein. In Deutschland wird er hingegen mit der Bezeichnung, "aber du bist doch Chinese" ausgeschlossen. Auch bei einem Fest in der deutschen Botschaft in Peking wird er als einziger am Eingang aufgehalten und erst hereingelassen, als er seinen deutschen Pass vorzeigt. Meyers Gesamteindruck vom Land seiner Vorfahren ist positiv. Das erste Mal in seinem Leben fühlt er sich auch als Chinese.

Gern würde Alexander Meyer länger in Asien leben. Doch seine deutschen Eltern sind ängstlich, es ist, als glaubten sie, er könnte seine eigentliche Herkunft China für sich entdecken und sich von ihnen abwenden. Schwierig wird es für ihn, wenn er seine Adoptionsgeschichte erzählt. Fassungslos fragen die Chinesen dann: "Aber deine Mutter ist doch Chinesin?!" Das heißt: Eine Chinesin gibt ihr Kind nicht weg, schon gar nicht ihren Jungen. "Warum musstest du ganz alleine in Deutschland aufwachsen", löchern sie Meyer. Für Alexander Meyer ist diese offene Missbilligung der Adoption eine Schockerfahrung, denn er hat seine Geschichte vorher nie als Makel empfunden und immer offen davon erzählt. "Ich habe doch Eltern, soziale Eltern, die mich lieben, die er liebe", versucht Meyer den Chinesen erklären. Doch ohne Erfolg. Er schafft es nicht, diese "kulturelle Barriere" zu überwinden.

Wenn er nur rational darüber nachdenkt, ist Alexander Meyer davon überzeugt, dass der Mensch durch seine Sozialisation bestimmt wird. Er ist von deutschen Eltern in Deutschland sozialisiert, was soll also an ihm asiatisch sein. Trotzdem wundert er sich darüber, dass ihn, seit er aus China zurück ist, ständig unbekannte Chinesen in der Universitätsbibliothek auf chinesisch grüßen. Das ist ihm davor nie passiert. Etwas unsichtbares muss ihm anhaften, das ihn zum Chinesen macht.

Wo auch immer er ist, ob in China oder in Deutschland, den Zuschreibungen anderer kann er sich nicht entziehen. Doch seit er in China war und am eigenen Leibe gespürt hat, wie es ist, in der Masse untertauchen zu können, stören ihn das Anstarren und die Fragen in Deutschland noch mehr als vorher. "Jeder Deutsche sollte mal nach China fahren und angegafft werden, einfach um eine Gespür dafür zu bekommen, wie es für Ausländer in Deutschland sein kann."

Lange Jahre hat sich Alexander Meyer für einen Deutschen gehalten, und hat dann entdeckt: Er ist es nicht. Die Fremdheit, das Nicht-dazu-Gehören-Können schon von Anfang an, sich nicht abstreifen lassen, es umfasst Meyer, es ist seine Haut. Es war ein schmerzhafter Prozess, bis er sich schließlich mit der Selbstbeschreibung "Deutsch-Chinese" anfreunden konnte. Dabei musste er gleichzeitig auch immer darauf achten, dass er seine sozialen Eltern nicht vor den Kopf stößt. Meyer hat sich einen Anwalt genommen um eine Namensänderung zu erwirken. Ich kann kein "vollständiger Deutscher" sein, sagt er, und "inzwischen möchte ich es auch nicht mehr". Seine Identität soll sich endlich in seinem Namen widerspiegeln: zukünftig wird er Alexander Ming Zha-Meyer heißen. Der Name klingt so, als hätte er seine beiden Teile, den deutschen und den chinesischen, miteinander verheiratet, endlich.

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00:00 12.04.2002

Ausgabe 37/2021

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