Fremde Heimat

Zeitschriftenschau Kolumne

In den achtziger Jahren war Heimat ein Lieblingsbegriff sich fortschrittlich wähnender Geister. Man musste das Wort erst einmal von belastenden Nebengeräuschen befreien, um seinen emanzipatorischen Wohlklang wieder hörbar zu machen. Dann aber konnte man sich ungetrübt beispielsweise für Edgar Reitz´ im Hunsrück spielende Heimat-Serie begeistern. Ein links gewendeter Heimatbegriff ließ sich gegen die Entfremdungserscheinungen in der Massengesellschaft einsetzen; er versprach Rückkehr zu den eigenen Wurzeln und Geborgenheit im - oft ländlichen - Kollektiv.

Gegen solche Utopien scheinen jüngere Autoren heutzutage gefeit zu sein. Versuchen sie wenigstens, möchte man fragen, der fortschreitenden Globalisierung das Sperrige regionaler Erfahrung, die Genauigkeit topografischer Erinnerung entgegenzuhalten? Das Dezemberheft der Akzente ist ganz dem Thema Heimat gewidmet. Im Editorial bemühen sich gleich drei Herausgeber (Michael Lentz, Wolfgang Matz und Norbert Niemann) um eine Begriffsdefinition, kommen jedoch über flapsige Bemerkungen kaum hinaus, was eine gewisse Unsicherheit verrät. Jedenfalls können sie nicht begründen, weshalb sie gerade jetzt ein solches Thema favorisieren.

Das lebhaft geratene Heft selbst umfasst zehn sehr unterschiedliche Beiträge, darunter Gedichte, quasi-religiöse Prosa, deren Urheber die Heimat im Jenseits verortet, einen poetischen Reisebericht über die Erinnerungslandschaft der Bukowina, einen Essay über den Bau eines Hühnerstalls - Texte, die darauf hinauslaufen, dass die Sprache die eigentliche Heimat des Menschen darstellt, das Buch, das Kino oder eben der Tod.

Ulrich Peltzer, Jahrgang 1956, schildert einen tristen Besuch in seiner Heimatstadt Krefeld, die er nach dem Abitur fluchtartig verlassen hat: "Bloß weg, dachte jeder, möglichst schnell, möglichst weit." Er erkennt fast nichts mehr; Geschäfte, Kneipen und Kinos "dicht gemacht, überbaut, abgerissen." Auch die alte Buchhandlung mit dem Bescheid wissenden Buchhändler gibt es nicht mehr. Er habe hier nichts verloren, was sich wiederfinden ließe, resümiert Peltzer calvinistisch streng und kapital-kritisch und verdrückt sich resignierend nach Berlin. Denn wer sich dem "Bewegungscharakter der Welt" entgegenzustemmen versuche, werde "zermalmt", oder er verwandle sich in einen "Brauchtumsnarren".

Als solcher erscheint mir der vom Böhmerwald stammende Uwe Dick, ein grotesker Beschimpfungsvirtuose und antikapitalistischer Bußprediger, dessen mit Dialekteinsprengseln versehener Monolog sich kalauernd und reimend fortspinnt. Dick hetzt gegen die "globale Plündokratie", den "duckdeutschen Mehrheitsmob" und die "Kampfhunde der Wirtschaft", er hasst den Staat der Bundesrepublik ausdauernd: "O du witzloses, geistfernes, blähsuchtpfurziges Deutschland, wie bist du neureich geizig, protzend häßlich." Ja unser doch eigentlich eher biederes Land möge endlich "in seinem Blutwahn ersaufen." Auch dem "Menschenwort", der Sprache misstraut Dick. Hochmut und Besserwisserei kennzeichnen seinen assoziativen Text, der verzweifelt einen schmalen Streifen Heimat für sich reklamiert, doch zugleich voller Pessimismus und Fluchtgedanken ist. "Also fort, dem Walde zu", heißt es einmal, und ein andermal: "Erwarte stets das Übel, so wirst du nie enttäuscht." Mit Jean Paul, auf den Dick sich so gern beruft, hat er wenig gemein.

Nüchtern und doch aufregend klingt Valeri Scherstjanois Bericht über seine bewegte Sowjetjugend. Geboren 1950 in Kasachstan, wo die Eltern - der Vater ein kommunistischer Jude, die Mutter eine katholische Litauerin - den Gulag überlebten, wuchs er nach Stalins Tod in der südrussischen Region Krasnodar auf. In den siebziger Jahren studierte er dort Germanistik und gelangte später in die DDR. Haus für Haus beschreibt er die Arbeitersiedlung, in der er als Kind lebte, schildert Maifeiern und Schlachtfeste auf dem Hof und wie er im Dunkeln am Küchentisch seine ersten Gedichte schrieb - seltsam genaue und authentische Bilder einer uns weithin fremden "Heimat".

Zweifellos haben die Deutschen ein besonders inniges Verhältnis zum Wald. Er ist Schutz- und Fluchtort der Vorfahren gewesen, eine Art mütterliches Gestrüpp; zugleich aber ein Ort des Grauens in Märchen und Sagen. Mit Rousseau und der deutschen Romantik gewinnt der Wald auch lieblichere Züge. Er wird zum Ort der Sehnsucht angesichts der zunehmenden Kälte in den Städten. Heute dient er, neben der Holzwirtschaft, vor allem der inneren Sammlung und dem Nachdenken, verbunden mit Stille, guter Luft und einer gewissen Freiheit im Gehen.

Die rheinland-pfälzische Literaturzeitschrift Chaussée hat den deutschen Wald in ihrer jüngsten Ausgabe zum Thema gewählt. Neben Erzählungen und Gedichten findet man gut recherchierte Beiträge über die Rolle des Waldes in der Musik (von Gerd Forster) und über den Pfälzerwald in der Landschaftsmalerei (von Clemens Jöckle). Günter Barudio, ein vielseitiger und vielwissender Autor, legt dar, dass bereits unsere deutschen Wörter dem Wald beinahe alles verdanken. Denn aus geschnitzten Buchenstäbchen wurden zur Zeit Gutenbergs die Buchstaben oder Drucklettern geformt. Mit ihrer Hilfe konnten "einzelne Begriffe oder ein ganzer Text auf Papier gepresst werden, das über Jahrhunderte hinweg aus geraspeltem und gewässertem Holz geschöpft wurde."

Akzente: Heft 6, Dezember 2006 (Postfach 860420, 81631 München), 7,90 EUR

Chaussée: Nr. 18, 2006 (Bezirksverband Pfalz, 67653 Kaiserslautern), 4 EUR


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00:00 12.01.2007

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