A–Z: Fremdscham

Lexikon Was haben Philister mit dem Jugendwort des Jahres zu tun? Warum sollten Mütter nicht auf Snapchat gehen – und erinnert sich überhaupt noch jemand an Trumps Gesichtsfarbe?
A–Z: Fremdscham

Foto: Lois Hechenblaikner

A

Adorno „Fun ist ein Stahlbad“: Einen schönen Satz haben Max Horkheimer und T. W. Adorno da in der Dialektik der Aufklärung versteckt. Er zielt auf das Lachen in der Kulturindustrie. Während dem richtigen, versöhnenden Lachen etwas Befreiendes innewohnt, beinhaltet das schreckliche Lachen keinen Moment der Selbstreflexion. Es ist ein Auslachen, das den Fun im Unterhaltungsgewerbe dominiert und den Menschen von den Verhältnissen ablenkt. Mit dem Fremdschämen geht die Schadenfreude über die Fehler und Missgeschicke der anderen einher (➝ Comedy). Wir verlachen sie und ihr Scheitern, spotten über die Inszenierung ihres Unglücks, machen uns gemein mit den Verhältnissen: Der Hartz-IV-Empfänger ist selbst schuld an seiner Misere, was hat er auch kein Geld dafür, sich die Zähne richten zu lassen? Wer im Stahlbad von Mario Barth lacht, wird die Welt nicht infrage stellen.Tobias Prüwer

B

Brennstoff Warum suhlen sich Menschen so sehr im Leid anderer, um dann in einer fast nicht mehr als unterbewusst zu bezeichnenden Volte von für sie quälender Fremdscham zu ächzen? Das kann ich Ihnen gerne erklären: Diese ausgeartete Form der gern erlebten Fremdscham (➝ Drachenlord) ist der Brennstoff für die Kalibrierung des eigenen Seins. Denn dieses eigentlich zwischenmenschliche und intrinsisch zu generierende Gefühl der Kongruenz von gesunder physischer und emotionaler Eigenwahrnehmung gerät zusehends in eine mehr als zaghafte Dissonanz. Wenn ein Fehlen von Likes in sozialen Medien zu Ängsten bei jungen Menschen führt (wie es aktuell die „New York Times“ beschrieb), dann bleibt nur die Rettung des maladen Selbst durch das mittelbare „Ritzen“ in fremder Haut und das gleichzeitige wohlige Gefühl der kurzzeitigen illusionären eigenen Richtigkeit (➝ Stars), das sich dann aber schnell wieder verflüchtigt – ganz so, als hätte man das letzte billige Parfüm aufgetragen. Jan C. Behmann

C

Comedy Die meisten Menschen wollen Cringe-Momenten ausweichen. Connaisseure hingegen setzen sich der Gänsehaut bewusst aus und schauen Serien wie The Office (die deutsche Version wurde durch Christoph Maria Herbst und seine Rolle als Stromberg hierzulande Kult)oder Jerks mit Christian Ulmen und Fahri Yardim. Ulmen avancierte zuvor schon mit Mein neuer Freund und Dr. Psycho zu einem Meister der deutschsprachigen Cringe-Comedy. Der Reiz besteht darin, dass sich die Protagonisten in heikle Situationen manövrieren, in denen alle möglichen Grenzen überschritten werden. Vor allem die des guten Geschmacks und der Selbstachtung. Diese „cringy“ Situationen sind lustig, weil wir im Alltag (hoffentlich) nie so handeln und lieber vor Scham den Raum verlassen würden. Die Dialoge, die die Hauptrolle Fleabag in der gleichnamigen Serie mit Dates und der übergriffigen Stiefmutter führt, wünscht man niemandem (➝ Stars). Die preisgekrönte Serie wird gefeiert – zu Recht! Auch der kanadische Komiker Nathan Fielder untergräbt in seinen Einspielern jede Selbstachtung und kann unangenehme Momente viel zu lange halten: anschauen! Ein Pionier ist auch Sacha Baron Cohen (Borat, Ali G), der schlechten Geschmack zelebriert. Ben Mendelson

D

Drachenlord Fremdscham und Wut begleiten das Drachenlord-Phänomen – höflich gesagt. Denn es geht um (Cyber-)Mobbing an einem Mann, der sich nicht zu helfen wusste, dem niemand half, bis er nun zu Gefängnishaft verurteilt wurde. „Drachenlord“ ist der Youtuber-Name von Rainer Winkler, der zunächst mit Videos über seine Leidenschaft Heavy Metal, später über Meerschweinchen, Essgewohnheiten und viele Merkwürdigkeiten von sich reden machte. Dass er sehr korpulent ist, ungepflegt wirkt und mit starkem Frankendialekt auftritt, zog nicht nur Fremdscham-Fans an. Die „Haider“, wie Winkler die Hater nennt, pilgerten bis zu seinem Wohnort in der Provinz, verübten Hausfriedensbruch, sie provozierten ihn und filmten ihn dabei. Winkler wehrte sich mit Gewalt, auch weil die Polizei nicht hinterherkam. Dafür wurde er nun zu zwei Jahren Haft verurteilt.Tobias Prüwer

G

Garçon Es war September, die Blätter wehten über den Boulevard Saint-Michel, der Gitarrist spielte venezolanischen Walzer. Ich war als Studentin in Paris und bekam Besuch aus Berlin. Ich führte ihn herum, und wir streiften Sorbonne, Panthéon und all die mittelalterlichen Gassen mit ihren Touristenbistros (➝ Historie). „Wo issn jetzt dit Qwatier Lateng?“, fragte mein Begleiter. Er stand mittendrin. Abends lud er mich in ein Restaurant im Marais ein. „Aperitif?“, sagte er, schnipste mit den Fingern und rief laut: „Garçon!“ Der Drink kam trotzdem. Maxi Leinkauf

H

Historie „Cringe“ reiht sich in eine lange Reihe von Wörtern ein, mit denen Jugendliche andere aus ihrer Peergroup exkludieren (Norm). Die Studenten des 18. Jahrhunderts nannten Kommilitonen, die neu an der Universität waren und den Komment (also die Verhaltensregeln der nach heutigem Sprachgebrauch coolen Studenten) nicht kannten, „krass“. Ein krasser Fuchs war ein Neuling, der Fremdscham auslöste. Es geht bei Jugendsprache stets darum, sich nach innen seiner Zugehörigkeit zu versichern und sich nach außen abzugrenzen – gegen gleichaltrige Gruppen oder Ältere. Die Außenstehenden waren im 18. Jahrhundert die Philister (Bürger) oder Gnoten (Handelsgehilfen), heute sind es der „Boomer“ oder die „Karen“. Matthias Heine

M

Meinungen Die orange Bräune. Die lächerliche Frisur. Der unförmige, von Fast Food modellierte Körper. Diese ganze Erscheinung war ein einziger „Fremdschäm-Trigger“. Bis Donald Trump dann US-Präsident wurde und die Grenzen des Sagbaren auf ein unvorstellbares Niveau der Niedertracht senkte. Ein Blick in die grölenden Fratzen seiner Fans machte klar, dass es nicht um Meinungen oder gar Überzeugungen ging, sondern um nackten Tribalismus – à l’américaine. Lachhaftes und Monströses liegen da nahe beieinander (Drachenlord). Die Verbreitung von Lügen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit wird so zur mörderischen Waffe. Querdenker beklagen sich unwidersprochen darüber, dass ihre Behauptungen im Netz gesperrt würden, während Filmchen über UFOs weiterhin liefen. Als würde es keinen Unterschied machen, ob jemand potenziell tödliche Falschmeldungen verbreitet oder harmloses Fantasy-Gedöns. Hier werden keine Meinungen vermittelt, sondern Fakten verdreht und Hass geschürt. Marc Ottiker

N

Norm Dass es früher strengere Regeln gab, heißt nicht, dass wir heute frei davon wären. Die Verhaltensnormen sind nur dynamischer geworden. Über dem Tradierten flottiert ein Veränderliches, das Anpassung verlangt: Normübertretungen sind nicht mehr tabu. Man kann sich damit sogar interessant machen – aber auch in eine Ecke manövrieren. Mit harten Bandagen wird in der medialen Öffentlichkeit um Aufmerksamkeit gekämpft. Denn in unserer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) hat alles besonders zu sein: Dinge, Orte, Ereignisse wie auch Personen, die sich im intellektuellen Milieu vermarkten müssen. Ob in der Jugendsprache oder unter Erwachsenen, überall gibt es Codes dafür, was „in“ ist und was „out“. Oder sind diese Begriffe selbst schon veraltet? Unsicherheit und Beschleunigungsdruck – man möchte ja „drin“ sein und nicht „draußen“. Aber auch allzu eifriges Mittun ist gefährlich. Sagst du „cringe“, wenn du Rentner bist, stempelst du dich selbst als peinlich ab,weil du so tust, als würdest du zu den Teenies gehören. Irmtraud Gutschke

P

Peinlich Wird das „Jugendwort des Jahres“ verkündet, lässt sich die Entwicklung unserer Gegenwartssprache am lebenden Objekt analysieren. „Cringe?“, fragt der Deutschlehrer seine Abiturklasse. „Schon mal gehört?“ Aber natürlich. Einige haben sogar mit abgestimmt. Allerdings nicht für den Gewinner. Ihre Favoriten waren Codewörter wie „Geringverdiener“ oder „Mittwoch“, deren Kultfaktor sich Älteren nur schwer erschließt. (Wenn es Sie trotzdem interessiert, einfach googeln.) Aber „cringe“, so die Auskunft, gehöre natürlich zum aktiven Vokabular heutiger Jugendlicher, werde aber im Klassenraum vermieden. Schließlich müsse man sich dem Unterrichtsdiskurs sprachlich anpassen. Jugendsprachliche Ausrutscher während einer Gedichtinterpretation wären „voll cringe“ (Brennstoff). So wie eben jedes peinliche Missgeschick, von dem im Freundeskreis erzählt wird. Aber auch Mütter, die sich bei Snapchat tummeln, haben das Attribut verdient.

Die jungen Menschen gehen zwar in der Regel verständnisvoll mit Eltern um, aber ein wenig Distanz muss sein. Wann das Wort aufgekommen ist, lässt sich nicht ergründen. Eine Schülerin meint, es bereits in der neunten Klasse gehört zu haben. Wie lange es sich halten wird, ist ungewiss. Vielleicht erweist sich „cringe“ als so robust wie das Lehnwort „chillen“, über dessen Herkunft aus einer inzwischen fast vergessenen Jugendkultur anschließend debattiert wird. Und wieder hat man etwas über die Arbitrarität sprachlicher Zeichen gelernt. Joachim Feldmann

S

Stars Trash-TV ist mein „guilty pleasure“. Vor allem dann, wenn Celebrities mit Privatinsolvenz-Hintergrund bis an den Rand des Wahnsinns gebracht werden. Zuerst bekam der Pionier unter den Formaten, Big Brother, einen Promi-Ableger. Viele Shows (➝ Comedy)wurden in den vergangenen Jahren extra auf mehr oder weniger bekannte Sternchen aus der Verwertungskette zugeschnitten. So wie Kampf der Realitystars oder Promis unter Palmen. Faszinierend daran finde ich, dass die Möchtegern-TV-Profis nach vielen Staffeln Trash glauben, ihnen könnte die Dynamik aus widrigen Umständen, fehlender Privatsphäre und demütigenden Spielen nichts anhaben. Sie verlieren jedoch nach kürzester Zeit Contenance und Nerven. Sie zetern und blamieren sich bis auf die Knochen. Die diesjährige Staffel von Das Sommerhaus der Stars allerdings hatte eine neue Qualität. Die meiste Sendezeit bekam ein Pärchen, das in einer toxischen Beziehung lebt und dringend Therapie benötigt: No pleasure at all! Elke Allenstein

Z

Zuspitzung Früher konnte jemand vielleicht „peinlich berührt“ sein, heute sind Leute „schwer angefasst“. Der erhöhte Grad der Peinlichkeit eines Vorkommnisses begleitet Fremdscham- und Empörungswellen. Bei der inflationären Zunahme der Fremdschämerei werden Gipfel erklommen: „Gipfel der Taktlosigkeit“ wie bei einem Ministerpräsidenten (Armin Laschet) oder „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ bei einem ziemlich verrückten Modedesigner (Harald Glööckler). Erst durch mediale Umdrehungen wird Fremdschämen zum Event. Die Grenzen sind fließend. Andererseits: Wenn eine fehlgeleitete junge Dame Sophie Scholl ins Feld führt, spitzt sich auch mein Fremdschämen zu. Magda Geisler

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06:00 14.11.2021
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