French Theory

A–Z Gehasst und geliebt: radikales, wildes und kompliziertes Denken von links des Rheins, das einst intellektueller Exportschlager Nummer eins des Buchmessengastlands war
French Theory

Foto: Frank Schirrmeister/Ostkeuz

A

ABC Im Wintersemester 2011 bot Jean-Michel Rabaté an der University of Pennsylvania einen Kurs mit dem kuriosen Titel Theory as the Letter „B“ an. Er versprach, die Teilnehmer mit zeitgenössischen theoretischen Diskursen vertraut zu machen. Das Neue an diesem Kurs sei, dass er das Alphabet als „Filter“ benutze. Indem man sich auf Autoren beschränke, deren Nachnamen mit B anfingen, werde man schneller zu den wichtigsten Theoriekonzepten vordringen. Die Leseliste: Baudelaire, Benjamin, Bataille, Borges, Bakhtin, Barthes, Brecht, Bachelard, de Beauvoir, Brooks, Baudrillard, Bloom, Bourdieu, Bordo, bell hooks, Bhabha, Badiou and Butler. Michel Foucault, der Autoren als Effekt von Zuschreibungen begriff und selbst anonym als „maskierter Philosoph“ Interviews gab, hat sich vermutlich im Grabe umgedreht. Aber wen kümmert’s, wenn einer rotiert, dessen Name kein „B“ enthält? Mladen Gladić

G

German Issue Seine Habilitation rettete Sylvère Lotringer vor dem Wehrdienst. Sonst hätte er in Algerien kämpfen müssen. Er überlebte die deutsche Besatzung Frankreichs als auf dem Land verstecktes jüdisches Kind. 1980 kam er für das German Issue seiner Zeitschrift Semiotext(e) nach Berlin. Behilflich waren ihm Peter Gente, Heidi Paris und Wolfgang Hagen (➝ Merve). Die Bilderstrecke führte von der Wall Street zur Berliner Mauer. Legte man die belichteten Landkartenausschnitte übereinander, sähe man ein Hakenkreuz. So nimmt Lotringer die Welt auseinander, um sie als dekonstruktiver Surrealist neu-alt zusammenzusetzen. Als DAAD-Fellow fand er über eine Kleinanzeige einen Schauspieleleven. Der sollte für ihn Adolf Hitler spielen. Das machte der so lange mit, bis er als Hitler in Naziuniform an einer Hundeleine über den Kurfürstendamm geführt werden sollte. Philipp Felschs Der lange Sommer der Theorie (➝ Merve) bräuchte eine Fortsetzung, die die Geschichte Lotringers erzählt. Hans Hütt

M

Merve ist die türkische Form des arabischen Frauennamens Marwa. Vermutlich weil der Stammvater ihres Geschlechts als Kreuzfahrer in die Levante reiste, heißt auch die Titelheldin eines deutschen Heimatromans von Georg Grabenhorst, Leiter der Schrifttumskammer Hannover, aus den 1930ern so. Nach ihr ist die 1937 geborene Publizistikstudentin Merve Lowien benannt, die 1970 mit gleichgesinnten Kulturrevolutionären in ihrer Heimatstadt Berlin ein Verlagskollektiv gründete, das nach langwierigen Diskussionen ihren Namen bekam. In den 1960ern hatte Suhrkamp die Avantgarde des Denkens erstmalig in bonbonbunten Taschenbüchern auf den Markt gebracht. Merve setzte darauf, dieses Prinzip mit Büchern zu überbieten, die noch minimalistischer, noch radikaler, noch hermetischer waren. Es gelang dem Verlag, die französischen Renegaten des Marxismus in Deutschland heimisch zu machen. Daher wissen wir, was ein Diskurs (➝ Neostrukturalismus) ist. Und dass die Zeichen frei auf den Meeren der Bedeutung treiben, eine These, die die Genese des Namens dieser längst klassischen Kulturinstitution sehr deutlich belegt. Philipp Felsch

Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990 Philipp Felsch C. H. Beck 2015, 327 S., 24,95 €

Müdigkeit Die Müdigkeit habe ihm stets gute Dienste erwiesen, so Gilles Deleuze, ihn von lästigen gesellschaftlichen Verpflichtungen befreit und sein Denken geschärft. Müdigkeit ist „die biologische Formel dafür, dass der Tag vorbei ist“. Man hat seine Möglichkeiten ausgeschöpft, sein Vermögen verwirklicht. Müdigkeit steht kreativer Tätigkeit, zu der das Denken gehört, nicht entgegen. Vielmehr macht sie für das Leben, den Gegenstand der Philosophie, aufmerksam.

Schlecht ist, müde zu sein, ohne etwas getan zu haben. Dann handelt es sich um Erschöpfung. Man hat sich aus den falschen Gründen übernommen. Wenn der Unterschied zwischen Arbeit und Erholung, Tun und Nichtstun verwischt, wenn wir verkrampft vorm Bildschirm sitzen und glauben, noch etwas, egal was, aus uns herausholen zu müssen, und Untätigkeit durch Googeln kaschieren, sind wir also nicht müde, sondern tief erschöpft. Der Philosoph Gilles Deleuze setzt auf Wachsamkeit (➝ Zugedröhnt) gegenüber der Müdigkeit. Sie signalisiert, was wir vermögen oder sein lassen können. Antonia von Schöning

N

Neostrukturalismus Natürlich war French Theory auch chic, und eine intellektuelle Mode lässt meistens einen grauen Elefanten mitten im Raum stehen. Ein Buch, das alle lesen, ohne dass es in der Öffentlichkeit schillert. Unsere postmoderne Moderne von Wolfgang Welsch war so ein Buch. Oder Was ist Neostrukturalismus?, das in jede Germanistenbude der 1980er Jahre gehörte. Das Buch aus der Edition Suhrkamp war nicht grau, sondern grellrot. Manfred Frank lehrte in Tübingen Philosophie, ein Kenner der deutschen Romantik. Das prädestinierte ihn zu einer wichtigen, aber wenig prestigeträchtigen Aufgabe: dem Vermitteln. Es galt zwischen radikaler französischer Subjektkritik und traditionsreicher restvernünftiger deutscher Vernunftkritik Brücken zu bauen. (Ich hoffe, ich erinnere mich korrekt, ich habe das Buch ins Antiquariat gebracht.) Es war aus Vorlesungen (➝ ABC) entstanden, auch das machte es nicht sehr attraktiv. Aber weil man all die Originale gar nicht lesen konnte, wurde es zur wahren Quelle des Wissens über French Theory. Michael Angele

P

Performanz Ich setze mich an den Rand der langen Sitzbank, meine Tasche auf meinem Schoß. Meine Beine überschlage ich so, dass ein Oberschenkel auf dem anderen ruht. Was tue ich hier? Ich performe Weiblichkeit. Es ist mir vielleicht nicht bewusst, aber ich habe das eingeübt. Ich weiß, wie ich als Frau zu sitzen habe. Ich habe das Wissen (➝ Transversal) inkorporiert. Diese Art zu sitzen war schon vor mir da, vor dieser Situation. Ich zitiere, wiederhole und stelle neu her. Performativität kommt aus der Sprechakt-Theorie.

Die Sprechakt-Theorie besagt, wenn ich etwas sage, geht es nicht nur darum, was mein Sprechen repräsentiert, sondern mein Sprechen tut auch etwas an sich, in Referenz zum schon Bestehenden, dem Gesetz, den Normen, den Regeln, den Bildern. Offensichtliches Beispiel: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau.“

Judith Butler nimmt diese Theorie, um Identitäten, insbesondere Geschlechtsidentitäten, zu beschreiben. Dabei geht sie nicht von Essenzen aus. Gender ist keine Rolle, die von einem echten Inneren abweicht. Geschlecht ist nicht das, was ich wirklich bin, sondern das, was ich tue, sage, was andere zu mir sagen und tun. Ich performe immer. Das ist Freiheit: Ich kann Geschlecht auch anders performen. Johanna Montanari

S

Strand Sous les pavés, la plage! (Unter dem Pflaster der Strand), hieß es im Sommer 1968 im Quartier Latin, links der Seine. Verbunden mit der schmissigen Parole war die Hoffnung jüngerer Leute auf ein Leben diesseits der Zwänge von Erwerbsarbeit und bürgerlicher Familie, abseits von fordistischem Leistungszwang und bürokratisch-dirigistischer Massenkonsumgesellschaft. Der Strand, er wurde zum Sehnsuchtsort der Hippies und Peaceniks, der spätexistenzialistisch Bewegten und spirituell Behauchten – wo ließe sich schließlich besser lesen und lieben, kiffen, träumen und die Utopie beschwören als am Strand?

Auch für Intellektuelle und Künstler um und nach 1968 wurde der Strand zum Denk- und Sehnsuchtsmodell. Bald griff die Strandtheorie über das französische hexagone hinaus: Gilles Deleuze rauchte sein Gras im kalifornischen Big Sur, und im sandigen Death Valley probierte Michel Foucault begeistert LSD (➝ Zugedröhnt). Der Berliner Merve-Verlag (➝ Merve) brachte diese Denker in kleinen Hosentaschenausgaben an den Westberliner Pflasterstrand. Noch heute ziert dasStrandgut des Poststrukturalismus jedes anständige kulturwissenschaftliche Proseminar. Und die Franzosen? Sie schütten alljährlich mitten in Paris einen Strand auf, und wer weiß, vielleicht baut der eine oder andere angehende Intellektuelle dort philosophische Sandburgen. Klaus Birnstiel

Wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand: Eine kurze Geschichte des Poststrukturalismus Klaus Birnstiel Fink Verlag 2016, 491 S., 69 €

Struktur Oh, wie schön ist die Struktur! Seit den 1950er und 1960er Jahren gilt Frankreich als das Mutterland des Strukturalismus. Der Strukturalismus versprach: Einsicht in den Bau der Welt, Lesbarmachung der Codes des Kulturellen, Fortschritt, Verständnis, Optimismus. Claude Lévi-Strauss zeigte der Welt, dass südamerikanische und Pariser Heiratsmärkte nach denselben Regeln funktionieren, Roland Barthes entschlüsselte das System der Mode wie das der Literatur, Jacques Lacan proklamierte die Rückkehr zu Freuds Strukturmodellen der Psyche, und Michel Foucault durchmusterte die ganze abendländische Geschichte nach wechselnden und wiederkehrenden Strukturen.

Erst der Epochenbruch am Pflasterstrand um 1968 (➝ Strand) brachte die selbstgewisse Erkenntnissicherheit des Strukturalismus ins Wanken. Neue Denkweisen kamen auf, die heute als „französische Theorie“ oder „French Theory“ zur intellektuellen DNA gehören. Ein bisschen Strukturalismus aber ist bei den französischen Philosophen noch immer en vogue – am Ende finden sie alle immer zurück zu einem Oberstrukturalisten rechtsrheinischer Herkunft: Denn auch Karl Marx war Strukturalist. Klaus Birnstiel

T

Transversal Das haben wir davon. Die Franzosen lieben die Mathematik so sehr, dass sie ihr Begriffe entwenden und – mit anderen Eigenschaften versehen – fast enigmatisch in Verkehr bringen. Zum Schwindligwerden. So verwandelt sich die Ausbreitungseigenschaft einer Welle in ein Synonym für Netzwerke, die sich als eigentümliche Widerstandsform den herkömmlichen politischen Begriffen von Macht und Ohnmacht in den Weg stellen. Diese Welle wendet sich durch nicht hierarchisch organisierte Gruppen gegen das Regime der Individualisierung. Jede Politik, die sich von der Idee und Praxis des Subjekts (Performance) verabschiedet, benötigt neue polyforme und individuell variierbare Beziehungsformen. So bilden sich neue Formen der Freundschaft als ein Mitwerden, das keineswegs zu einer totalen Übereinstimmung führt, sondern Differenz als eigentümliches Element der Verbindung erlebt. Queer werden setzt einen vom sozialen Code befreiten Strom des Begehrens als schöpferische Mutation in Gang. Queere Beziehungen ziehen diagonale Linien durch das soziale Gewebe und stellen so das bestehende Machtsystem auf die Probe. Hans Hütt

Z

Zugedröhnt 1975, als er an der University of California in Berkeley lehrte, unternahm Michel Foucault mit dem Historiker Simeon Wade und dessen Lebensgefährten einen Trip ins Death Valley. Die drei nahmen aber auch einen Trip im Death Valley: Sie konsumierten klinisch reines LSD im heißen Wüstensand, der vielleicht demjenigen ähnelte, den der Philosoph im Sinn hatte, als er in den 1960ern schrieb, der Mensch werde verschwinden „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (➝ Strand). Wade sagt, dass der Trip Foucaults Leben verändert und das Thema von Selbstsorge und Lust, von dem das Spätwerk des Historikers und Philosophen handelt, entscheidend geprägt habe. Mladen Gladić

06:00 12.11.2017

Kommentare