„Freuds Mutter fehlt“

Interview Joel Whitebook holt ans Licht, was der Großmeister der Psychoanalyse lieber verdrängte
„Freuds Mutter fehlt“
Loslassen lernen! (Freud als „Hanging man“ des Künstlers David Černý)

Fotos: Robert Harding/Imago, Giancarlo Biagi

Ein Hotel in Berlin-Charlottenburg, der Psychoanalytiker Joel Whitebook ist hier abgestiegen. Die Lobby könnte ins Wien um 1900 passen, wären da nicht die Chansons aus dem Lautsprecher. Immerhin verfällt Jacques Brel irgendwann in einen Walzerrhythmus.

der Freitag: Herr Whitebook, noch ein Buch über Freuds Leben?

Joel Whitebook: Das war auch mein Gedanke, als man mich bat, es zu schreiben. Zumal Freud ziemlich aus der Mode ist.

Warum dann?

Weil die Figur der Mutter fehlt.

Die wurde übersehen?

Fast. Es gab zwar feministische und schwule Kritik und die präödipale Wende: die Psychoanalyse der ersten drei Lebensjahre. Aber das Bild, das wir von Freuds früher Kindheit hatten, war idealisiert. Er hätte diese wunderbare Beziehung zur Mutter gehabt, eine Idylle, bla, bla, bla.

Bla, bla, bla?

Freuds frühe Jahre waren traumatisch, besonders seine Beziehung zur Mutter. Sie war eine schwierige, depressive Frau. Freud hatte ein Kindermädchen. Das wurde gefeuert, sodass er seinen Bezugspunkt verlor. Das hat Freud aber verdrängt.

Was hat das angerichtet?

Er wurde zu einem „frühen Erwachsenen“, wie wir sagen. Wenn elterliche Figuren versagen, muss das Kind schnell erwachsen werden, kann nicht Kind sein. Er entwickelte sich sehr männlich, vernünftig, unabhängig, beherrscht.

Müssen wir nun anders lesen?

Ja, aber Freuds Theorie wurde auch schon durch die feministische Kritik verändert. Die heutige Version von Freud unterscheidet sich völlig von der der 70er.

Inwiefern?

Die offizielle Theorie konzentriert sich auf das Vaterkonzept, die inoffizielle auf die Mutter. Bei der ödipalen Theorie geht es um Schuld, Moral, Wettbewerbsfähigkeit. Die inoffizielle Geschichte erzählt von Trennung und Verlust. Das Ich entsteht mit etwa 3,5 oder 4 Jahren. Indem Freud die ersten drei Lebensjahre abschnitt, nahm er das Ego als feste Größe an. In den ersten Jahren geht es um seine Entstehung, um Trennung und Individuation.

Freud hat sich immer von der Philosophie distanziert.

Freud stritt drei Dinge ab: das Ausmaß seiner jüdischen Erziehung, die traumatische Beziehung zur Mutter und seine Liebe zur Philosophie. Er wollte, dass die Psychoanalyse eine seriöse Disziplin ist. Sie wurde mit Hysterie assoziiert, hatte den Ruch der Quacksalberei. Philosophie ist Spekulation, nicht Empirie. Als Student zog es Freud zur Philosophie. Er war fasziniert von seinem Lehrer Brentano und von Feuerbach. Dann ging er nach Manchester, wo zwei seiner Halbbrüder lebten. Von da an erkannte er nur noch Wissenschaftler wie Darwin als Lehrer an.

Zur Person

Joel Whitebook lehrt und forscht als Philosoph und Psychoanalytiker an der Columbia University, New York. Sein Artikel Trumps Method, Our Madness wurde im März 2017 in der New York Times veröffentlicht. Freud. Sein Leben und Denken ist bei Klett Cotta erschienen (569 S., 32 €)

Warum diese Abkehr?

Die pragmatische Erklärung ist, dass er die Welt davon überzeugen wollte, dass Psychoanalyse nicht Spekulation, sondern Wissenschaft ist. Aber Freud hatte einen hitzigen, spekulativen Geist, den er disziplinieren musste.

Sie sagen, Freud habe sein Judentum zurückgewiesen.

Freuds Großvater war ein orthodoxer Rabbiner in Tismenitz, Galizien. Eine Marktstadt, kein kleines Schtetl, aber sehr traditionell. Sein Vater Jacob hatte eine gründliche jüdische Ausbildung, aber er war „Wanderjude“, reisender Verkäufer. Er hat die europäische Moderne gesehen. In Galizien konnte man nicht studieren, keine Sprachen lernen. Jacob wollte, dass die Kinder an der Moderne teilhaben, aber er war noch sehr jüdisch. Freud wurde sehr säkular. Jemand sagte einmal, die Familie Freud habe in drei Generationen einen Prozess durchgemacht wie andere in drei Jahrhunderten. Die deutschen Juden in Wien blickten auf die Ostjuden herab. Auch Freud manchmal, obwohl er jiddische Kultur liebte, sich in ihr zu Hause fühlte. Doch Psychoanalyse sollte nicht als jüdisch gesehen werden, sondern als universell, europäisch.

Es gab Antisemitismus in Wien.

Ja. Es war eine konservative katholische Kultur, Freud war neidisch auf Kollegen in Berlin, weil es dort moderner, säkularer war. An Kollegen schreibt er jiddisch, macht jüdische Witze. Spricht er öffentlich, zitiert er Goethe.

Wie steht Freud zur Haskala, der jüdischen Aufklärung?

Bei ihm zu Hause gab es die berühmte Philippson-Bibel, die Bibel des Reformjudentums. Jacob kaufte sie 1848, im Revolutionsjahr. Freud war mit der Welt der Haskala und Moses Mendelssohns Denken vertraut.

Sie sprechen von dunkler Aufklärung. Was meinen Sie damit?

Rationalisten sehen Freud als Erben Kants. Die positivistische Wiener Tradition verstand sich als anti-klerikal, gegen Aberglauben und Dogmatismus gerichtet. Aber es gibt eine Kritik an der Aufklärung, die sagt, Freud erforschte das Irrationale, entdeckte das Unbewusste, zeigte, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist. Das Irrationale war für die Aufklärer kein Thema, aber für Freud war es „das“ Thema. Es gehört zu einem dunkleren Stadium der Aufklärung.

Ist Freud politisch aktuell?

Ja, und nicht nur die Massenpsychologie, die erklärt, warum wir uns unterwerfen. Totem und Tabu wird oft als sehr autoritäres Buch gelesen. Die Brüder töten den mächtigen Vater, aber dessen Erbe kehrt zurück und sie reproduzieren die Herrschaft. Es gibt aber auch eine demokratische Botschaft: Wenn der Vater tot ist, ist das Zentrum der Macht leer. Er konnte tun, was er wollte. Jeden töten, Sex mit jedem haben, kastrieren, wen er wollte. Die Brüder müssen sich zusammenfinden, und wenn sie ihren Vertrag abschließen, ist eine Folge, dass das Zentrum leer bleibt.

Die Frage, ist, ob diese Leere gerade wieder besetzt wird von ...

... Donald Trump.

Oder Viktor Orbán?

Die Liste ist lang

Was bedeutet das?

Wir haben Probleme. Wie widersprüchlich Trump agiert! Er will verwirren. Gruppenbildung ist neurotisch. Es geht um den Ödipuskomplex, Liebe zum Anführer, Unterwerfung. Ich sage nicht, dass Trump psychotisch ist. Aber der Trumpismus liegt eher im psychotischen Bereich. Weil es um den Angriff auf die Realität geht. Freud unterscheidet Neurosen, bei denen die Beziehung zur Realität beeinträchtigt ist, von Psychosen, wo es einen globalen Bruch mit ihr gibt.

Trump wirkt wie ein Kind.

Der gute Vater verkörpert Autorität. Trump ist ein Triebbündel. Autorität ist in den USA total erodiert. Das begann im Vietnamkrieg, als wir nach Strich und Faden belogen wurden. Gute Autoritäten fehlen.

Und Barack Obama?

Der war erwachsen. Keine Skandale, ein Familienvater. Eine Vaterfigur. Aber er hat versäumt, die Banker ins Gefängnis zu werfen. Ein Hauptgrund für Trumps Aufstieg ist die Wut über die Krise von 2008 und dass niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Autorität ist so delegitimiert worden, dass die Idee, einfach zu tun, was man will, plausibel ist.

Sie sagten, Freud sei aus der Mode gekommen. Spüren das praktizierende Analytiker?

Ja. Teilweise liegt es daran, dass Versicherungen nicht zahlen. Das ist in den USA anders als hier.

Analyse ist für wohlhabende ...

... Leute aus Manhattan. Aber Psychoanalytiker haben sich auch selbst diskreditiert, weil sie zu arrogant, zu dogmatisch waren. Aber es ist zunächst eine Kultur, die sich gegen die Analyse verschworen hat. Sie ist eine Reise ins Innere, die Zeit, Kampfgeist, Bereitschaft, Schmerz zu ertragen verlangt. Wird man immer von Stimuli bombardiert, hat sie einen schlechten Stand.

In den letzten Jahren wurde viel über Achtsamkeit gesprochen.

Das kommt aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie. Sehr effektiv bei Problemen mit Affektkontrolle. Aber Achtsamkeit ist auch eine Mode geworden.

Bei Psychoanalyse als Mode denkt man an Woody Allen ...

... Der ist ein Problem!

Haben Achtsamkeit und Ähnliches die Psychoanalyse aus der Popkultur verdrängt?

In der Populärkultur ist Psychoanalyse außerhalb kleiner Autorenzirkel ganz aus der Mode.

Sie betonen den Philosophen Freud. Ist Psychoanalyse nicht auch Sorge und Pflege?

Eine Praxis, ja. Sie können immer weiter spekulieren. Wenn Sie einen leidenden Patienten vor sich haben, müssen Sie sich was einfallen lassen, um ihm zu helfen.

06:00 28.12.2018
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