Freunde hinter Mauern

Aus den Ländern Notizen vom Tag der Offenen Tür im sowjetischen Nachrichtenregiment Weimar
Hans Jörg Behrend | Ausgabe 45/2015
Freunde hinter Mauern

Bild: Archiv/der Freitag

Erst am Nachmittag war es wieder ganz wie früher, wenn man eine in der DDR stationierte sowjetische Militäreinheit besuchte: Im Haus der Offiziere, einem Kulturhaus an der Ettersburger Straße in Weimar-Nord, ging ein Kulturprogramm als krönender Höhepunkt über die Bühne. Vorher war alles anders bei diesem Tag der Offenen Tür. Denn neben dem offiziellen Programm gab es noch einen zweiten inoffiziellen Teil, als der Moskauer Rechtsanwalt Oleg Ljamin Fernsehteams vor die neben der Kaserne gelegene Arrestanstalt führte, in der gegenwärtig 23 Soldaten eingesperrt sind, und gegen die unzumutbaren Haftbedingungen protestierte.

Was ansonsten ablief, unterschied sich nicht allzu sehr von ähnlichen Veranstaltungen der anderen einstigen Alliierten der Antihitlerkoalition in ihren deutschen Garnisonsorten, was den rein militärischen Teil betrifft. Von ein paar nationalen Unterschieden einmal abgesehen. Bei den Amerikanern und Briten ist mehr Show im Spiel, bei den Briten sowieso mehr Tradition, und die Franzosen zeigten bei ihrem letzten Offenen Tag in Berlin-Reinickendorf - zum Beispiel - viel mehr Waffen, auch schwerer Bauart. Außerdem läuft bei den anderen alles routinierter ab, sie haben weit mehr Erfahrungen mit Öffentlichkeit. Fünf Jahre Glasnost tragen noch schwer an der Last von sechzig oder fünfundsechzig Jahren Geheimniskrämerei.

Das war übrigens schon vorher in der Garnisonsstadt zu merken. Vielleicht war es ein Zufall, aber ich hatte keinen öffentlichen Hinweis auf diese Veranstaltung bemerkt. Viele der zivilen deutschen Besucher waren offensichtlich auf Einladung gekommen, Mitglieder der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft und andere. Eine ganze Reihe von ihnen hatte in den reisezielarmen Jahren der ehemaligen DDR schon mehrmals als Tourist die Sowjetunion besucht.

Um den freundlichen und aufgeschlossenen militärischen Gastgebern jedoch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sei erwähnt, dass nach meinem Eindruck niemand am Tor, das mit der sowjetischen und der deutschen Flagge geschmückt war, zurückgewiesen wurde. Man schien sich über jeden zu freuen, der außer den Eingeladenen kam. Dies ging so weit, dass nach Schluss des militärischen Teils vor der Abfahrt zum Kulturhaus einer der bereitgestellten Armeebusse mit den Rädern einer Besucherfamilie beladen wurde, um Eltern und Kindern die Fahrt im Regen an das andere Ende von Weimar zum Kulturprogramm zu ersparen.

Offiziell begann der Tag mit einer Begrüßungsansprache des Regimentskommandeurs, Oberstleutnant Wassilij Kossenko, an die leider nicht sehr zahlreich erschienenen Besucher. Vorher spielte natürlich schon zur Einstimmung die Regimentskapelle, wie es sich bei solchen Ereignissen gehört. Neben der Rednertribüne, auf der nachher Bundeswehr- und sowjetische Offiziere den Vorbeimarsch einiger Kompanien abnahmen, hatten die Weimarer Freunde der Sowjetunion einen Stand mit Souvenirs aufgebaut, für die Kinder von Tschernobyl. Dort kaufte man nicht, sondern erwarb Abzeichen, T-Shirts, Bücher und anderes gegen eine Spende. Nach der Begrüßung zogen wir in mehreren Gruppen durchs Kasernengelände, unter Führung junger, sehr aufgeschlossener Leutnants.

An den Flaggenmasten des Apellplatzes waren übrigens schon zwei Fahnen jener Unionsrebubliken durch neue ersetzt worden, die sich unlängst unter Rückgriff auf ihre Traditionen zu souveränen Staaten erklärten. So zweifelten wir vernehmlich die Erklärungen der Offiziere auf den anderen Schauplätzen des Besichtigungsrundganges an, es gäbe keine nationalen Probleme in dieser Truppe. Zu unserer Überraschung hörten wir dann aber eine Erklärung, die einiges für sich hat. Dieses eine Weimarer Regiment - es gibt drei in der Stadt - ist ein Nachrichtenregiment. Hierher kommen nur qualifizierte Soldaten, die ihren Dienst mit einer halbjährigen technischen Ausbildung beginnen. Und unter sozusagen intellektuellen Soldaten mit einer relativ hohen Bildung spielen natürlich nationale Probleme nicht die Rolle wie in manchen anderen Einheiten.

Ein Major aus Litauen, der Regimantas Adomaitis in seiner Rolle als Anarchist Hoelz im berühmten, aber weggeschlossenen Defa-Film zum Verwechseln ähnlich sah, gab einen weniger freundlichen Bericht, was ihn selbst angeht. Seine Eltern sind Russen und lebten in Litauen, er wurde als Russe dort geboren. Aber nach seiner bevorstehernden Demobilisierung wird er wohl nicht wieder in seine Heimat zurückkehren können: Seine Kinder sprechen nur russisch, in Litauen müssten sie nach den neuen Gesetzen in der Schule auch Litauisch lernen und sprechen, und diesen Aufwand möchte er ihnen ersparen. Es sei nicht so, dass dort getrennte Schulen für die verschiedenen Sprachgruppen möglich seien ...

Deutsche Militärs aus der einstigen DDR waren ja häufiger in sowjetischen Kasernen, nun konnten auch ihre Kollegen aus der einstigen Bundeswehr teilnehmen. Diese Unterscheidung hat jedoch mehr privaten Charakter. Offiziell jedenfalls verbat sie sich Major Rainer Schultz-Collet vom neuen Bundeswehrkommando Ost, der seit kurzer Zeit bei der 4. Motorisierten Schützen-Division im benachbarten Erfurt stationiert ist. „Wir sind jetzt alle Bundeswehr“, sagte er. Der sowjetische Regimentskommandeur Kossenko sagte für die Journalisten, er freue sich, dass der heute Offene Tag der am 5. September gegründeten Truppe unter den neuen Bedingungen in Deutschland stattgefunden hat, und dann zog sich die sowjetische Regimentsführung gemeinsam mit den vier oder fünf Gästen von der Bundeswehr (Davon einer von der alten DDR-Volksarmee, wir haben es schließlich doch noch erfahren) zu einem Gespräch unter Fachleuten zurück.

Major Schultz-Collet hatte sich von der spartanischen Unterbringung der sowjetischen Soldaten in der Kaserne beeindruckt gezeigt. Und die Besucher waren es nicht minder. Zehn Mann schlafen in einem Raum. Jeder hat ein Bett, einen Nachtschrank für persönliche Sachen und einen Stuhl oder Hocker, auf dem er seine Uniform zusammengefaltet niederlegt, wenn er schlafen geht. Schränke gibt es nicht, Privatkleidung steht nicht zur Verfügung beziehungsweise liegt im Privatkoffer im Magazin. Jede Kompanie hat eine Kammer, in der die restlichen Uniformen des Soldaten hängen. Sie werden nur auf Befehl gemeinsam angezogen, ansonsten hat er nur die Uniform zur Verfügung, die gerade befohlen wurde.

In den Garnisonen in der Sowjetunion gibt es Ausgang am Sonnabend und Sonntag. In der ehemaligen DDR stationierte Soldaten dürfen nur in der Gruppe ausgehen - lediglich Offiziere und Fähnriche haben freien Ausgang und wohnen außerhalb der Kaserne, bei ihren Familien in Wohnblöcken, in denen geschlossen sowjetische Militärangehörige wohnen. Soldaten, die mit achtzehn Jahren eingezogen und nach Deutschland geschickt werden, erhalten bei guter Führung zehn Tage Heimaturlaub – ohne die Fahrt. Wer sich nicht gut führt, oder bei wem die Vorgesetzten dieser Ansicht sind, bleibt die zwei Jahre in der Kaserne.

Dienstvergehen, Konflikte mit der deutschen Bevölkerung oder Fahnenflucht werden drakonisch bestraft, heißt es. Die Mauern, die diese Armee bisher umgaben, wurden von der Armee selber aufgetürmt. Man wollte sich nicht in die Karten sehen lassen. Vor Jahren berichtete ein für das deutsche Wohnungsamt zuständiges Mitglied der Blockpartei CDU im vertrauten Kreise, es falle manchmal ganz schön schwer, gemeinsam mit den Genossen von der führenden Blockpartei SED genügend zuverlässige Mieter für die oberen Etagen der Mietshäuser um die sowjetische Kaserne zu finden, denn darin sähe man manches, was für uns ungewohnt sei. Er selbst wohnte übrigens nicht in einer solchen Etage.

Vielleicht werden Rechtsanwalt Ljamins Worte von der unwürdigen Unterbringung der Arrestanten so verständlicher. Auch die normalen Soldaten sind sehr unkomfortabel untergebracht. Ein Weimarer Besucher des Offenen Tages erzählte, diese Kaserne in der Leibnizallee hinter dem Schloss sei schon sehr alt. Man sieht es ihr an. Einst residierte hier in Weimar das 5. Thüringische Infanterie-Regiment „Großherzog von Sachsen“, dessen Chef der Großherzog von Sachsen, also der von Sachsen-Weimar-Eisenach war. Derselbe, dessen Vorfahr mit Goethe befreundet war. Zwar geht die Bequemlichkeit der Kaserne nicht auf die Goethe-Zeit zurück, aber zu großherzoglichen Zeiten Anfang dieses Jahrhunderts könnte das Bauwerk entstanden sein.

Nun mag man einwenden, die Sowjetarmee sei in der Heimat einfacher untergebracht. Doch das wird inzwischen auch in der Sowjetarmee nicht mehr von allen akzeptiert. Gerade die jungen Offiziere machten an diesem Offenen Tag kein Hehl aus ihrer Ansicht, sie zögen eine moderh ausgebildete, gut untergebrachte, zahlenmäßig kleinere und durch bessere Bezahlung motiviertere Berufsarmee, ergänzt durch Territorialtruppen der Unionsrepubliken, der jetzigen Wehrpflichtigenarmee vor. Leider wollten viele ältere Offiziere immer noch große Scharen befehligen und die Armee sozusagen als Schule der Nation nutzen. Das sei im Zweiten Weltkrieg sicher berechtigt gewesen, doch heute seien Soldaten, die man in der Kaserne quasi bewachen müsse, nicht mehr geeignet für die moderne Technik. Sie seien Hemmschuhe. - (Und für Einsatz und Schulung der in ihrer neuen Armee nicht mehr benötigten Soldaten für zivile Qualifikationen sei auch Hilfe des Industrielandes Deutschland möglich, gleich hier vor Ort, bevor sie zurückgehen, hieß es.)

Bis zum Nachmittag war der Tag lang. Das Haus der Offiziere liegt außerhalb der Kasernen, außerhalb der Mauern. Auch Soldaten besuchten das Programm. Vor dem Haus standen die fliegenden Händler aus den westdeutschen Ländern. Sie haben die neue Kundschaft schon im Blick.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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