Freundlich bleiben

Im Gespräch Der Philosoph Byung-Chul Han über sein neues Buch "Die Müdigkeitsgesellschaft" und den virtuellen Raum als Hölle des Gleichen und Gemeinschaft der Freundlichkeit

Der Freitag: Auf Facebook, dem populärsten sozialen Netzwerk mit bald einer Milliarde Mitgliedern, gibt es nur die Möglichkeit der Zustimmung. Man kann sie ausdrücken durch den „Gefällt mir“-Button. Negativität oder Kritik sind dagegen nicht vorgesehen. Wie wirkt sich das auf unsere Kultur aus?

Byung-Chul Han:

Wo das Andere vorhanden ist, ist Entsetzen oder Wut möglich und auch notwendig. Die heutige Gesellschaft ist von ­einem Übermaß an Positivität ­beherrscht, auch im affektiven Haushalt. Negative Gefühle sind offenbar hinderlich für die Beschleunigung des Prozesses. Die höchste Beschleunigung ist dort zu erwarten, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet. Negativität verlangsamt, verhindert die Kettenreaktion des Gleichen.

Sie haben 2006 die Hyperkultur mit netzspezifischen Begriffen wie Links und Vernetzungen charakterisiert. Meinen Sie damit nur das Internet?

Der Hyperraum ist ein Raum totaler Abstandslosigkeit. Dort herrscht totale Hybridität und Promiskuität, es ist ein Raum, in dem sich alles mit allem vermischt und vernetzt und kulturelle und territoriale Markierungen gelöscht sind. So unterscheidet sich Hyperkulturalität von Inter- und Multikulturalität, denen weiterhin die Negativität kultureller Spannungen innewohnt, und von der Transkulturalität, in der kulturelle Markierungen und räumliche Weite noch bewahrt sind. Das Internet hat sicher Elemente des Hyperraumes und beschleunigt die Hyperkulturalisierung der Welt. Die Kultur im klassischen Sinne verschwindet in dem, was gleichsam kultureller ist als die Kultur, nämlich in der Hyperkultur. So wie die Realität, wie Baudrillard sagen würde, in dem verschwindet, was realer ist als das Reale, nämlich in der Hyperrealität.

Der Soziologe Aras Özgün hat die Dominanz der sozialen Netzwerke einmal mit Haussmanns Modernisierung von Paris im 19. Jahrhundert verglichen. Damals wurde die Stadt geordnet durch die großen Boulevards – was im Internet die sozialen Netzwerke wären.

Das Wort Boulevard leitet sich vom bolwerc ab. Bollwerk heißt ursprünglich ein mit Wall und Graben befestigter, in sich geschlossener Teil einer Festung. Die Pariser Boulevards haben etwas von diesem Bollwerk. Das Netzwerk ist kein Bollwerk. Rhizome (Wurzelgeflechte) wären eine besser geeignete Metapher für das Netzwerk. Andererseits sind soziale Netzwerke nicht so offen und unkontrollierbar wie Rhizome. Vielmehr bilden sie ein elektronisches Panoptikum. Das Internet ist nicht bloß ein Raum der Freiheit, sondern selber ein Panoptikum, das eine totale Kontrolle möglich macht. Es liefert jeden User entweder dem pan­optischen Blick oder der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie aus. Im Gegensatz zum Panoptikum der Disziplinargesellschaft erfolgt die Kontrolle nicht durch Isolierung, sondern durch Vernetzung. Unfreie Insassen weichen freien, sich frei wähnenden Usern.

Welche Idee von Freiheit ist mit dem Internet verbunden – die „Freiheit der Wahl“ des Neo­liberalismus?

Die Freiheit äußert sich als Exzess der Entgrenzung, der Enthüllung bis zur pornografischen Nacktheit, als Orgie der Kommunikation, der Information und Produktion. Interessant ist, dass diese Freiheit in ihr ursprüngliches Gegenteil umschlägt. In meinem Buch

In sozialen Netzwerken wird „Freundschaft“ strapaziert. Die Leute, mit denen ich dort verbunden bin, heißen „Freunde“.

Vor einiger Zeit hat Burger King die Aktion „Whopper Sacrifice“ gestartet, also ein „Whopper Opfer“. Wer zehn Freunde auf Facebook löscht, bekommt dafür kostenlos einen Whopper. Die gelöschten Freunde werden darüber informiert, dass sie für einen Whopper geopfert wurden. Eine Freundschaft auf Facebook hat offenbar den Wert von ein paar Gramm Hackfleisch. Der Neoliberalismus hat die Individuen zu Mikro-Unternehmern gemacht, zwischen denen nur (Geschäfts-)Beziehungen stattfinden, die einen Profit versprechen. Die Freundschafts­beziehung ist keine Ausnahme. Sie hat ebenfalls profitabel zu sein. Der Freund ist Aristoteles zufolge das zweite Ich. Das ist heute eine Ware. Und Facebook lässt sich nicht zum Raum der Freundlichkeit idealisieren. Bekanntlich findet dort auch Mobbing statt. In ökonomischer Hinsicht ist Facebook ein Raum der Ausbeutung.

Was ist das für eine Ware, die zwischen Freunden gehandelt wird?

Freunde wären Kunden, neue Freunde neue Kunden. Sie bestärken das narzisstische Gefühl des Ego. Das Internet ist ja ein Raum, in dem man vor allem sich selbst begegnet. Dort ist der „Andere“ längst nicht mehr vorhanden. Die Depression ist eine Erkrankung des beziehungslos gewordenen, narzisstischen Ichs, dem die Andersheit abhanden gekommen ist. Der virtuelle Raum ist eine Hölle des Gleichen.

War Ihre Zukunftsvision aus

Das Buch

Konnte Sie deshalb das von Ihnen beschriebene „Übermaß an Positivität“ hervorbringen?

Die Hyperkultur ist eine Kultur ohne Schwellen. Wir spüren heute tatsächlich keinen „Schmerz der Schwellen“ mehr. Die totale Mobilität und Promiskuität bringt auch den „Übergang“ im emphatischen Sinne zum Verschwinden. Die heutige Gesellschaft baut jede Negativität ab. Die Schwelle ist eine Negativität. Wenn alle Schwellen, Unterscheidungen und Grenzen abgebaut werden, kommt es zu einer Wucherung und Verfettung der Kreisläufe, zu einer Hyperinformation, Hyperkommunikation und Hyperproduktion. Die

Sie schreiben: „Der Ferne Osten hat ein sehr ‚natürliches Verhältnis‘ zur ‚technischen‘ Vernetzung.“ Wie ist das zu verstehen?

Der Ferne Osten hat keine Kultur der Identität, die man angesichts der Vernetzung bedroht sähe. Er ist intensiver vernetzt als der Westen, etwa was Online-Spiele angeht. Offenbar fühlen sich Asiaten im Netz wohler als Europäer. So gibt es wenig kulturkritische Töne hinsichtlich der Internet­kultur. Der buddhistische Gedanke der Wiedergeburt setzt vielleicht eine allgemeine Vernetzung der Lebewesen voraus. Der chinesische Denker Laozi sagt: Der gute Wanderer hinterlässt keine Spur. Das Wandern im virtuellen Raum würde vielleicht diesem Ideal entsprechen.

User hinterlassen aber Spuren – ihre Daten, wie man an der dauernden Debatte um Facebook und Google sehen kann.

Das stimmt. Der User hinterlässt Spuren. Er wird zum Insassen im elektronischen Panoptikum. Das Interessante daran ist, dass man sich frei fühlt im Panoptikum.

In der heutigen Leistungsgesellschaft, die das Individuum dazu gebracht hat, sich selbst auszubeuten, funktioniert das „Ich möchte lieber nicht“, die Formel von Melvilles Bartleby, nicht mehr. Gibt es in der Hyperkultur keine effektive Form der Ver­weigerung?

Verweigerung ist tatsächlich nur gegenüber einem fremden Zwang möglich, den ich ablehnen kann. Die Selbstausbeutung ist viel fataler als die Fremdausbeutung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergeht. Sie ist gleichzeitig effizienter, produktiver als die Fremdausbeutung, weil man sich freiwillig ausbeutet, bis man zusammenbricht. Darin besteht offenbar die List des Systems. Wir haben heute keinen Herrscher, keinen Souverän mehr, dem wir unser Nein entgegensetzen könnten. Wir sind einem systemischen Zwang, einer systemischen Gewalt ausgeliefert, die das Leistungs­subjekt dazu zwingt, ja verführt, sich selbst auszubeuten. Stéphane Hessels

Wäre ein Anlass zur Empörung nicht der Verlust des zwecklosen Interesses als wesentlichem Merkmal der Freundschaft?

Es ist eine wichtige Aufgabe der Soziologie und der Kulturwissenschaft, die neuen Beziehungsformen zu beschreiben, die sich den digitalen Medien verdanken. Die totale Abstandslosigkeit, die durch die digitalen Medien entsteht, lässt etwa eine neue Form der Liebe entstehen, die vielleicht keine Liebe mehr wäre, eine Liebe, der jede Ferne, jede Sehnsucht, jedes Hindernis fehlt, eine Liebe, die keine Geschichte mehr kennt. Eine Liebe, die keine lyrische Energie mehr entfaltet. Das Übermaß an Positivität erzeugt eine totale Unverbindlichkeit, eine Beziehung ohne jede wirkliche Berührung. Die Liebe ist eigentlich ein Phänomen der Negativität. Das ist vielleicht gut so. Man sollte die verschiedenen Beziehungsformen nicht miteinander vergleichen. Statt Liebe haben wir den „Gefällt mir“-Button, dem jede Schicksalhaftigkeit abgeht.

Zum Schluss Ihres Buches

Das Handke-Zitat, worauf ich mich beziehe, lautet: „Ich habe für das ‚Alles in einem‘ ein Bild: Jene, in der Regel niederländischen, Blumen-Stilleben des siebzehnten Jahrhunderts, wo an den Blüten lebensecht, hier ein Käfer, hier eine Schnecke, dort eine Biene, dort ein Schmetterling sitzt, und obwohl vielleicht keins eine Ahnung von der Gegenwart des andern hat, im Augenblick, in meinem Augenblick, alle beieinander.“ Mir schwebt hier eine utopische Gemeinschaft vor, eine Gemeinschaft der Freundlichkeit, die ohne Verwandtschaft und gemeinsame Zugehörigkeit auskommt. Die Freundlichkeit erwacht nur angesichts des Anderen oder des Fremden. Je größer die Differenz zum Eigenen, desto tiefer die dem Anderen erwiesene Freundlich­keit. Gegenüber dem Gleichen ist keine Freundlichkeit möglich.

In der Anfangszeit des Internet versprühte die Cyberkultur futuristische Ideen. Heute herrscht dagegen eine pragmatische, gegenwartsfixierte Stimmung im World Wide Web. Aufmerksamkeitsproduktion, Vermarktung und andere Techniken des Selbst treiben die User um. Wenige große Firmen wie Apple, Facebook, Google oder Weibo versuchen, ihre Kunden an geschlossene Systeme zu binden. Welches Gemeinschaftsgefühl herrscht in der digitalen Alltagswelt?

Für diesen Wandel vom optimistischen Aufbruch zum pragmatischen Nutzen liefert der Philosoph Byung-Chul Han Erklärungsmodelle. In dem 2006 erschienenen Bändchen Hyperkulturalität hat Han eine unter globalen Bedingungen veränderte Kultur beschrieben, als deren Grundton er die Freundlichkeit bezeichnet. Im Herbst 2010 erschien dann das Buch Müdigkeitsgesellschaft, das sich überraschenderweise einer breiten Rezeption erfreute, ein Buch der Stunde, das die darin analysierte Gesellschaft offenbar als zutreffende Diagnose erleichtert begrüßte.

Byung-Chul Han schreibt ausschließlich dünne, knöcherne Bücher aus Protest gegen die Überfülle an Fakten und Informationen. In Südkorea aufgewachsen, studierte er Philosophie, Germanistik und Katholischen Theologie in München und Freiburg. Heute lehrt er als Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Gerade erschien von ihm Topologie der Gewalt bei Matthes Seitz.

12:30 05.01.2012

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