Freundliche Übernahme

1968 in der Provinz I Wie die Revolte einst ins Südbadische kam und einige Schulautoritäten erschreckte

Dutschke in Berlin und Cohn-Bendit in Paris, Kommune 1 und Sex, Drugs und Revolution: Die Ereignisse des Jahres 1968 spielten sich, so will es auch ihre mediale Inszenierung 40 Jahre später, in den Metropolen ab. Was sich im von der Revolte abgeschnittenen Hinterland abspielte, wird selten thematisiert. Kurt Seifert erzählt, wie im südbadischen Lörrach die "repressive Autorität" (Marcuse) an den Schulen den kleinen Funken in "Unruhen" verwandelte, bei denen auch die Familie Klar eine Rolle spielte. Und Titus Simon erinnert daran, dass, während Berlins Studenten den Aufstand probten, die NPD im Schwäbischen ihre Mehrheiten einsammelte.


Die Geschichte begann im Grunde genommen ganz harmlos: Unser Klassenlehrer am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach hatte zu Beginn des Kurzschuljahres 1966 vorgeschlagen, wir sollten den geplanten Aufenthalt in einem Schullandheim aktiv mitgestalten. Er wollte seinen Schülerinnen und Schülern Gelegenheit geben, "Gemeinschaft in der Praxis" einzuüben. Einige von uns griffen diese Idee begeistert auf: Ein "Heimrat" wurde bestimmt, der das Programm außerhalb des Unterrichts vorbereiten sollte. Unter den Beteiligten gab es Konflikte, weil der Klassensprecher in diesem Rat eine mögliche Konkurrenz witterte. Doch das Experiment ermöglichte auch spannende Diskussionen über Ordnung und Freiheit sowie über die Chancen, die Schule zu demokratisieren. Gleich nach der Rückkehr startete ich zusammen mit zwei oder drei Gesinnungsgenossen ein "Aktionskomitee für Demokratie in der Schule". Wir hängten Plakate auf, in denen die neue Hausordnung kritisiert wurde. Die Aushänge verschwanden schnell (wir hatten den Schulsekretär im Verdacht), und vor den Sommerferien schlief die Sache schon wieder ein.

Ich war unzufrieden mit der Passivität meiner Klassenkameraden und schrieb deshalb einen Artikel in der Schülerzeitung, der vorerst ohne Resonanz blieb. Schließlich gelang es, einen kleinen verschworenen Kreis zu bilden, der nicht locker ließ, bis im Jahr darauf ein Schülerparlament gegründet werden konnte. Unsere Absicht bestand darin, eine aktive Beteiligung von allen, die dies wünschten, am Schulleben zu ermöglichen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch nicht an eine Konfrontation mit der Schulleitung - dafür war ich eigentlich auch viel zu brav. Ich wollte einfach, dass wir ernst genommen würden.

Dem Wunsch, einer Gemeinschaft anzugehören, auf die man selbst Einfluss nehmen kann, standen die "Sachzwänge" von Lehrplan und Leistungskontrolle sowie die hierarchischen Strukturen entgegen. Diese wurden von Oberstudiendirektor Alfred Klar in idealtypischer Weise verkörpert: Gegenüber jenen Jugendlichen, die zunehmend kritischer auf die herrschenden Verhältnisse reagierten, betonte er die Notwendigkeit von "Autorität" - und für deren Aufrechterhaltung sorgte er auch. Anlässlich einer Schülervollversammlung im "wilden" Mai 1968 erklärte Klar, sollten "radikale Elemente" am Hans-Thoma-Gymnasium auftreten, werde er sich mit aller Kraft dafür einsetzen, diese von der Schule zu weisen.

Den kritischen Schülern - zu dieser Zeit fast ausschließlich Jungen - ging es nicht in erster Linie um den alten Kampf Schüler gegen Lehrer. In einem Beitrag der Schülerzeitung Echo vom Mai 1968 schrieb ich unter dem Titel Sandkastendemokratie: "Wir wenden uns in erster Linie gegen das System. Wir wissen, dass es viele Lehrer gibt, die mit dem heutigen Schulsystem nicht zufrieden sind. Mit diesen werden wir gern zusammenarbeiten. Wir wissen, dass diese Zusammenarbeit nötig ist, wenn wir etwas erreichen wollen."

Doch der Appell verhallte weitgehend ungehört. Im Herbst 1968 spitzte sich die Lage zu: Das Schülerparlament führte einen Tanzabend durch und dort tauchten angeblich obszöne Wandschmierereien auf. Zwei Schülern wurde deswegen der Schulverweis angedroht. Während des zu diesem Zweck organisierten "Schüler-Appells", der die Züge eines Tribunals trug, traute sich niemand, auch nur die geringste kritische Äußerung zu machen.

Nach diesem Vorfall forderte das Schülerparlament von der Schulleitung, bei Disziplinarfällen ein Anhörungsrecht zu erhalten. Außerdem solle die Schülervertretung selbstständig publizieren und Schülervollversammlungen einberufen können. Im Januar 1969 fand eine Zusammenkunft statt, in der Oberstudiendirektor Klar zur Resolution des Schülerparlaments Stellung nahm. Laut einem Bericht in der Badischen Zeitung warnte er vor einer "Machtübernahme der Schüler in der Schule".

Von nun an häuften sich die - in der örtlichen Presse ausführlich dokumentierten - Debatten und Auseinandersetzungen am Hans-Thoma-Gymnasium. Auch am benachbarten Hebel-Gymnasium blieb es nicht mehr ruhig. Bereits Ende Mai 1968 verließ beinahe die gesamte Oberstufe in der 5. Stunde den Unterricht, um gegen eine Anordnung des Oberschulamtes in Freiburg zu protestieren: Dieses hatte eine Veranstaltung zu den Notstandsgesetzen kurzfristig untersagt. Die Aktivitäten am Hebel-Gymnasium trugen teilweise anarchischen Charakter: So wurden besonders unbeliebte Lehrer mit deftigen Schülerstreichen erschreckt. Ein paar Gymnasiasten taten sich zusammen, gründeten eine "Kommune" und demonstrierten beispielsweise "gegen den autoritären Turnunterricht". Von ihnen ging auch die Initiative zur Aktion Demokratische Schule (ADS) aus, die sich einige Zeit später aktionszentrum demokratischer schüler (ads) nannte. Der Kreis der Engagierten an beiden Gymnasien umfasste 20 bis 30 Personen. Sie konnten auf die aktive Unterstützung von vielleicht zehn bis 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen zählen. Die Mehrheit war auch damals politisch nicht besonders interessiert.

Im August 1969 - das Abitur lag nun erfolgreich hinter mir - skizzierte ich die "Perspektiven unseres Kampfes in den Schulen": Wir müssten jetzt durch die "›Propaganda der Tat‹ das resignierte Bewusstsein der Mehrheit der Schüler ›aufbrechen‹" und ihnen nahe bringen, "dass durch solidarische Aktionen die Macht der Herrschenden in Frage gestellt werden kann. Es wird uns natürlich nicht gelingen, die eigentliche ›Machtfrage‹ zu stellen, aber wir können erreichen (wie Beispiele zeigen), dass Autoritäten ›verunsichert‹ werden (und ihre pseudoliberale Maske fallen lassen)." Man sieht: Die Begriffe hatten sich verändert, der Ton war radikaler geworden.

Anlass zu einer antiautoritären Aktion bot bald danach eine Äußerung des Vizedirektors am Hans-Thoma-Gymnasium. Dieser hatte angeblich erklärt, es gebe "zu viele Proletarier" an unseren Schulen und Universitäten. Unsere Gruppe nutzte die Gelegenheit, gegen den Lehrer zu polemisieren. Einer der Flugblattverteiler wurde geschnappt - die Schülerzeitung machte den Vorgang publik. Direktion und Kollegium verurteilten in einer Schüler-Information das "ads-Pamphlet" und kritisierten "die Verantwortungslosigkeit des anonymen Verfassers (ein ehemaliger Schüler), der nicht den Mut aufbrachte, mit seinem Namen für seine Behauptungen und Empfehlungen gerade zu stehen und gelassen zusieht, wie andere für ihn ihren Kopf hinhalten". (Mit dieser Person war ich gemeint.) Man lasse sich durch jenes Flugblatt jedoch nicht "in eine repressive Solidarität gegen die Schüler hineinmanövrieren", sondern appelliere an alle, die nicht "ideologisch verblendet" seien: Nach der Selbstauflösung des Schülerparlaments im Juli 1969 werde wieder eine repräsentative Vertretung der Schüler und Schülerinnen benötigt.

Der im Herbst 1969 mit knappem Vorsprung gewählte Schülersprecher fand sich auch bereit, mit der Direktion zusammen zu arbeiten. Er hatte für kurze Zeit dem linken Republikanischen Club angehört, wechselte dann aber die Seite. Mittels einiger Manipulationen konnte die Direktion schließlich ihr Konzept eines "Gemeinsamen Ausschusses" von Lehrer-, Schüler- und Elternschaft bei einer Abstimmung der Klassenvertreter und -vertreterinnen durchsetzen.

Auf mehreren Flugblättern wurde anderntags die Annullierung dieser Abstimmung gefordert. Als Reaktion darauf verbot der Direktor das Verteilen von Flugblättern in der Schule. Am 10. Dezember protestierten zehn Schüler mit einer Todesanzeige gegen dieses Verbot. Fünf Minuten nach Schulbeginn wurden sie vom Unterricht suspendiert - unter ihnen auch ein Sohn des Direktors: Christian Klar. In der großen Pause verteilten die zehn ein Flugblatt, das von weiteren Schülern unterzeichnet worden war, und sammelten Solidaritätsunterschriften. Das Oberbadische Volksblatt schrieb zwei Tage später: "Die Unruhen am Hans-Thoma-Gymnasium wollen kein Ende nehmen."

Mit der Etablierung des "Gemeinsamen Ausschusses" gelang es dann tatsächlich, die kritischen Schüler und Schülerinnen ruhig zu stellen. Einen letzten Höhepunkt erreichte die Bewegung in Lörrach mit dem landesweiten Streik gegen den Numerus Clausus im Frühjahr 1970. Nach dessen Ende veröffentlichte einer der Aktivisten ein Flugblatt, in dem es um die Frage ging: Was nun? Wichtig sei jetzt die inhaltliche Auseinandersetzung, zum Beispiel um die Verbindung zwischen "Freiheit, Demokratie und Sozialismus", war dort zu lesen.

Nachtrag: Ende der siebziger Jahre galt das Hans-Thoma-Gymnasium der 68er-Ära als "Keimzelle des Terrorismus", weil einige der späteren Kader der Roten Armee Fraktion (RAF) hier zur Schule gegangen waren. Hatten die Warner vor der "ideologischen Verblendung" linker Schüler und Schülerinnen damit nachträglich Recht erhalten? Ich glaube: nein. Wir haben uns damals über autoritäre Strukturen und pseudodemokratische Zustände empört, wir wollten eine neue Schule in einer anderen, humaneren Gesellschaft. Ein paar von uns sind den Weg der Gewalt gegangen - weil sie glaubten, nur so die Welt verändern zu können. Dieser Weg hat sich als Sackgasse erwiesen. Die Notwendigkeit, die Verhältnisse auf dieser Erde menschlich einzurichten, bleibt.

Kurt Seifert (Jahrgang 1949) hat Sozialpädagogik in Tübingen studiert und war in den siebziger Jahren Mitglied maoistischer Organisationen. Seit 1984 lebt er in der Schweiz und ist vor allem journalistisch tätig. Zusammen mit Guntolf Herzberg hat er die Biographie von Rudolf Bahro verfasst: Glaube an das Veränderbare (Berlin 2002/2005).

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00:00 13.06.2008

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