Frieden First

Journalismus 1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende. In Deutschland bebilderte die Zeitschrift „Simplicissismus“ die Gewalt, über die Kurt Tucholsky für die „Weltbühne“ berichtete
Frieden First
Von 1914 bis 1923 erlebt das Deutsche Reich eine rasant wachsende Inflation, deren Grundlagen in der Kriegsfinanzierung gelegt wurden

Aus: Simplicissimus 1896 – 1930. Die satirische Wochenzeitschrift: „... und sie merkten nicht, dass es aus Papier war.“ (Jg. 24, Nr. 36, S. 508 vom 3.12.1919 | Wilhelm Schulz: Der Tanz um das goldene Kalb)

Vor Verdun (1924)

Der Wagen hält. Diese kleine Hügelgruppe: Das ist das Fort Vaux. Ein französischer Soldat führt, er hat eine Karbidlampe in der Hand. Einer raucht einen beißenden Tabak, und man wittert die Soldatenatmosphäre, die überall gleich ist auf der ganzen Welt: den Brodem von Leder, Schweiß und Heu, Essensgeruch, Tabak und Menschenausdünstung. Es geht ein paar Stufen hinunter. Hier. Um diesen Kohlenkeller haben sich zwei Nationen vier Jahre lang geschlagen. Da war der tote Punkt, wo es nicht weiterging, auf der einen Seite nicht und auf der andern auch nicht. Hier hat es Halt gemacht. Ausgemauerte Galerien, mit Beton ausgelegt, die Wände sind feucht und nässen. In diesem Holzgang lagen einst die Deutschen; gegenüber, einen Meter von ihnen, die Franzosen. Hier mordeten sie, Mann gegen Mann, Handgranate gegen Handgranate.

Es ist ein enges Loch, drei Tische mögen darin Platz gehabt haben. Einer steht noch. An den Wänden hängen kleine Schränke. Oben ist, durch eine Treppe erreichbar, der Alkoven des Arztes. Ich habe einmal die alte Synagoge in Prag besucht, halb unter der Erde, wohin sich die Juden verkrochen, wenn draußen die Steine hagelten. Die Wände haben die Gebete eingesogen, der Raum ist voll Herzensnot. Dieses hier ist viel furchtbarer. An den Wänden kleben die Schreie – hier wurde zusammengeflickt und umwickelt, hier verröchelte, erstickte, verbrüllte und krepierte, was oben zugrunde gerichtet war. Und die Helfer? Welcher doppelte Todesmut, in dieser Hölle zu arbeiten! Was konnten sie tun? Aus blutdurchnässten Lumpen auswickeln, was noch an Leben in ihnen stak, das verbrannte und zerstampfte Fleisch der Kameraden mit irgendwelchen Salben und Tinkturen bepinseln und schneiden und trennen, losmeißeln und amputieren ...

Kurt Tucholsky

Unwillkürlich scheint der Zeichner in die Rolle des Chronisten zu geraten, weil der Krieg entgegen allen Erwartungen auch nach zwei Jahren nicht beendet ist

Aus: Simplicissimus 1896 – 1930. Die satirische Wochenzeitschrift: „Braut Stürme rings um uns zusammen, Bewegt die Erde, setzt die Welt in Flammen! Doch ungerührt von jedem Wetterschlag, Die Fänge scharf als wie am ersten Tag, Hält unser Aar die treue Wacht (Jg. 21, Nr. 18, S. 217 vom 1.8.1916 | Th. Th. Heine: Nach zwei Jahren)“

Im vierten Kriegsjahr steht das „vae victis“ im Raum, die Soldatenehre ist bis auf eine trotzige Hoffnung zusammengeschmolzen

Aus: Simplicissimus 1896 – 1930. Die satirische Wochenzeitschrift: „Lasst ihn aufrecht durch das Tor des Friedens gehen und nicht den Nacken beugen!“ (Jg. 23, Nr. 32, S. 385 vom
5.11.1918 | Eduard Thöny: Nach vier Jahren)

Die „gestrandeten“ Kronen sind die Hinterlassenschaft zahlreicher, mit der Novemberrevolution zur Abdankung veranlasster Regional- und Landesfürsten, Kronprinz Wilhelm eingeschlossen

Aus: Simplicissimus 1896 – 1930. Die satirische Wochenzeitschrift: ohne Titel (Jg. 23, Nr. 36, S. 441 vom 3.12.1918 | Wilhelm Schulz: November 1918)

Info

Alle Abbildungen und Bild- unterschriften stammen aus dem Band: Simplicissimus 1896 – 1930. Die satirische Wochenzeitschrift, Reinhard Klimmt, Hans Zimmermann (Hg.) Langen- Müller 2018, 300 S., 48 €

06:00 09.11.2018

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