Frieden, gefiederter Satan

Litauens Literatur Vielzeitigkeit, große Themen und doppelte Böden

Aus dem zu seiner Geburt russischen Wilna, heute Vilnius, Hauptstadt Litauens, stammt der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der in seinem kalifornischen Exil Berkeley ein Erinnerungsbuch verfasst hat. Es ist der Architektur und Kunst der Stadt gewidmet, die Napoleon einst das "Jerusalem des Nordens" nannte, war doch Wilna berühmt als kulturelles Zentrum des Judaismus. Er erinnert sich der Straßen und Plätze seiner Kindheit und Jugend, ausgefüllt vom Jiddischen der Litwaken, der litauischen Juden, die das Stadtbild prägten; daneben wurden noch zahlreiche andere Sprachen gesprochen. Milosz´ Buch Die Straßen von Wilna ist auch eine historische Abhandlung, in der einmal die Bemerkung fällt, dass die Stadt allein im 20. Jahrhundert "dreizehnmal von einer Hand in die andere ging". Dabei lernte es alle Arten von Herrschaft kennen, Republik und Diktatur, Faschismus und Sowjetmacht; es erfuhr den gewaltigen Aderlass des Holocaust, nahezu alle der 200.000 Juden der Stadt wurden ermordet. Aber damit war kein Ende, unter dem Stalinschen Terror wurden zahlreiche Menschen nach Sibirien verbracht, nur wenige kehrten zurück. In diesen häufigen Machtwechseln spiegelt sich, wie sehr Wilna/Vilnius - und mit der Stadt auch das ganze Litauen - auf dem Schachbrett der Großmachtinteressen hin und her geschoben wurde. Mit den ständig neuen Grenzziehungen kamen auch immer neue Ideologien, von der späten Katholisierung bis zum Kommunismus - die Frage stellt sich, wie Literatur mit dieser äußerst bewegten Entwicklung umzugehen vermag.

Einige der auf der Buchmesse präsentierten Bücher arbeiten Nazi- und Sowjet-Zeit auf. Zwi Katz, 1927 in Kaunas geboren, legt mit Von den Ufern der Memel ins Ungewisse einen Erlebnisbericht über seine Kindheit und Jugend vor. Er verbrachte vier Jahre im Ghetto seiner Heimatstadt, erlebte Pogrome und den Terror der Einsatzgruppen, wurde ins KZ Dachau verschleppt, überlebte den Todesmarsch, wurde von den Amerikanern befreit und ging nach Palästina. Der russische Literaturwissenschaftler Jewsin Zeitlin trifft in Vilnius den Dramatiker Jokubas Josade, der ihm die quälende Geschichte einer Verleugnung erzählt. Josade entkommt 1941 den sowjetischen Deportationen, stattdessen wird beim Einmarsch der Deutschen der Großteil seiner Familie von den Nazis ermordet. Er selbst überlebt das Ghetto, "litauisiert" sich, um nicht Opfer des aggressiven Antisemitismus Stalins zu werden, verbrennt heimlich alles, was auf seine jüdische Herkunft hinweist, vernichtet seine ganze jiddische Bibliothek. Die Angst ist Begleiterin seines Lebens, erst der nahende Tod gibt ihm seine Sprache wieder zurück (Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes).

Besondere Übersetzungsverdienste sind dem kleinen Athena-Verlag in Oberhausen zuzusprechen, der in zwei Jahren neun Bücher aus Litauen übersetzt hat. Er hat Erzählungen des unlängst verstorbenen Ricardas Gavelis publiziert, wohl der prominenteste Autor, dessen 1989 erschienener Roman Vilniusser Poker zum erfolgreichsten Buch in litauischer Sprache wurde. In einem Land mit etwa 3,5 Millionen Einwohnern gingen 300.000 Exemplare über die Ladentische. Friedenstaube lautet der Titel der sieben Wilnaer Geschichten, die den Geist seines Pokerromans zu atmen scheinen. Die Stadt Wilna ist eine Art kafkaeskes Schloss, ein Ort, in dem es niemals mehr Frieden und Harmonie geben kann: Ob Bolschewiken oder postsozialistische Mafia, sie sind nur die Auswüchse eines rätselhaften absolut Bösen, das in den verschiedensten Bemäntelungen auftritt. Die Palette reicht vom "gefiederten Satan" bis zur schönen neuen Computerwelt, die auch in Litauen längst zum Alltag gehört, mit ihren Angeboten an virtuellem Sex und ihren ungeahnten Möglichkeiten der Teilhabe an den Weltbörsen. Gavelis´ Geschichten geben bereits einen tiefen Einblick in das Litauen von heute, einem Land, das um 180 Grad auf die westlichen Errungenschaften umgeschwenkt ist, ohne dass die Menschen auf die Schattenseiten des Kapitalismus vorbereitet waren.

Cornelius Hell, der 1991 die erste Anthologie litauischer Literatur nach der Unabhängigkeit vorgelegt hat, hält nun Umschau. Die Vergangenheit kann nicht übergangen werden, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Die AutorInnen des Landes arbeiten ihre Tradition auf, und das macht sich in zahlreichen Zitaten aus Werken der nationalen Dichtung bemerkbar, die über lange Zeit, unter Fremdherrschaft und gleich wieder unter dem Sowjetregime unterdrückt war. Auch der vernichteten jüdischen Geschichte gedenkt man, und schließlich will die Literatur der jüngeren Vergangenheit, der Sowjetzeit, auch einer Sichtung und Neubewertung unterzogen werden. Nicht zuletzt und vor allem macht sich das Hier und Jetzt literarisch heftig bemerkbar, und das in einer Vielfalt, alle möglichen Strömungen der letzten Jahrzehnte in sich aufsaugend, dass kirchlichen und staatlichen Moralhütern Hören und Sehen vergeht.

Der Herausgeber versucht, der vielschichtigen Problematik der literarischen Identitätsfindung mit einem Zeitprofil Herr zu werden, indem er die präsentierte Prosa in solche der Gegenwart, des Exils, der Sowjetzeit, der Zwischenkriegszeit und der Zarenzeit untergliedert - mit dem Nachteil, dass eine hochaktuelle Autorin wie Jurga Ivanauskaite unter der Sowjetzeit firmiert. Auch Ricardas Gavelis (1950-2002) hat wohl viel mit dieser Zeit zu tun, doch in ihm nur einen oppositionellen Autor zu sehen, wäre verkürzt, insofern verzerrt dieser Raster die Optik auf einzelne Autoren. Ohnehin spricht die Auswahl der AutorInnen und der Texte für sich, es werden die wichtigen Leute vorgestellt, und es handelt sich durchwegs um Texte, die viele Dimensionen des Landes und der Literatur aufzeigen. Die Textsorten sind vielfältig, der Leser findet den kafkaesken Bericht eines Gavelis (Meldung über Gespenster) ebenso wie melancholische Erinnerungsbilder vom jiddischen Stetl eines Marius Ivas?kevic?ius (Der Zug unserer Liebe zu Vilnius), kraftvoll lyrische Prosa einer Renata S?erelyté (Der Pirol von Babel) wie auch die Parabel über die nächste politische Wende eines Juozas Erlickas (Große Ereignisse in einer kleinen Stadt), sozialkritische Prosa einer Bite Vilimaite (Das kalte Feuer) ebenso wie einstige Tabuthemen, die Geschichte der Litauer in Sibirien, gestaltet im Text von Antanas Ramonas (Gewitter in den Bergen). Unterrepräsentiert erscheinen thematisch das urbane Leben nach der Wende und damit von den Autoren her Angehörige der so genannten "Generation Nr. 8", die wegen der hohen Abwanderung auch als "Generation der Deserteure" bezeichnet wird. Denn das fällt auf: Postmodernität und neue Coolness sind in diesem Band kaum vertreten, ebenso fehlt es an Texten zu den neuen Widersprüchen, zu Jugendproblemen, zur neuen Geschäftemacherei. So bleibt der Sammelband ein wenig betulich und dem offiziellen Kanon verpflichtet. Doch das Vorliegende ist solid ausgewählt, und alles auf einmal kann man heute ohnehin nirgends haben.

Jurga Ivanauskaites Roman Die Regenhexe war in Litauen ein Skandal. Die Kirche empörte sich, die staatliche Ethikkommission stufte das Buch als blasphemisch und pornografisch ein. Was ist der Inhalt des Werkes, das fast einen Kulturkampf auslöste?

Im Bus, der Vika zur Psychoanalytikerin bringt, zischt eine alte Frau sie an: "Hexe, Hexe!" Vika hat einen Mann geliebt, bedingungslos, jetzt sucht sie Hilfe, sie muss ihn vergessen. Paulius, ihr Geliebter, hat sich entschieden: gegen sie, für seine Berufung, für die Priesterweihe. Auch Marija Viktorija hält man Jahrhunderte zuvor für eine Hexe. Noch während der Beichte klagt der Mönch sie öffentlich an, wird sie gesteinigt, danach in den Kerker gesperrt. Sie hat den heiligen Einsiedler Povilas Pauks?tietis geliebt und steht öffentlich dazu. In der Zelle lernt sie eine andere Ketzerin kennen, die eine griechische Übersetzung des Tagebuchs der Maria Magdalena übersetzt und viele Male abgeschrieben hat.

Jurga Ivanauskaite inszeniert die große Heilserzählung auf ihre Weise. Drei Frauen zu drei verschiedenen Zeiten, drei bedingungslos Liebende, die eine liebt einen Priester, die andere einen heiligen Einsiedler, die dritte Jesus. Ihre Liebe ist nicht auf ein vages Gottversprechen gerichtet, sondern auf ganz konkrete Subjekte im Hier und Jetzt. Solange sie hingegen von Hohepriestern, Aposteln und Kirchenmännern zelebriert wird, bleibt die Liebe immer etwas Kaltes, Unpersönliches, an eine Sendung gebunden, deren Verpflichtungen für eine abstrakte Menschheit immer auch tiefe Verletzungen von konkreten Menschen nach sich ziehen. Zwei Entwürfe von Liebe stoßen aufeinander, in drei kritischen historischen Phasen.

Im Gespräch mit Nora, der Analytikerin, entwirft Vika die Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung, ihrer Träume und erotischen Fantasien, ihrer zunächst heimlichen Verliebtheit, ihrer Begeisterung über seine Fähigkeit, sich zu freuen, ihrer Verführungsstrategien und der Grenzen, die sie nie überschreiten würde. Bis er diese Grenze überschreitet. - Grenzen der Schmerzen überschreiten die beiden von der Inquisition eingekerkerten Frauen. M.V. berichtet in der Kerkerzelle ihre Begegnung mit dem Eremiten Povilas, dem Vogelzüchter, der in einem schwer zugänglichen Moorwald lebt und auf einer Lichtung predigt vor Menschen, die von tiefer Eifersucht zerfressen sind in ihrem Buhlen um die Gunst des weisen Eremiten. M.V. trifft Povilas auf einem Gang durch den Wald und weiß, dass sich ihr Leben nun grundlegend verändern wird.

Ähnlich ergeht es auch der Prostituierten Maria Magdalena seit ihrer Begegnung mit dem Rabbi, dem neuen Propheten, mit Jesus. Seither geht sie ihm nach, hört sich seine Reden an. Fragt sich, was Liebe ist, gesteht sich ein, dass sie ein Kind von ihm begehrt. Sie fällt den anderen auf, die über sie herziehen, worauf Jesus seine bekannten Gleichnisse erzählt, hier freilich mit etwas anderen Akzenten. Denn da ist Judas ein ehemaliger Lebemensch, der oft ihre Dienste gesucht hat, Simon Petrus ein frauenfeindlicher und gefühlloser Musterschüler, und die ganze heiligenbescheinte Zwölferbande löst sich in Menschen aus Fleisch und Blut auf. Es gibt einen herzensnahen Moment, wie es auch zwischen M.V. und Povilas und zwischen Vika und Paulius einen herzensnahen Moment gibt, in dem alle drei Männer erkennen: "Die Menschen erklären das Gesicht von Himmel und Erde und erkennen nicht, was ihnen zu Füßen liegt, und vermögen nicht den Augenblick zu erfahren."

Aber reicht die Erklärung Vikas, dass diese Siegertypen eine Verzweiflung verursachen, die so tief ist wie "Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies"? Jedenfalls erzählt Ivanauskaite rasant, entwirft starke Frauenfiguren, ohne jedoch die Männer zu denunzieren, die als Geliebte dargestellt werden, mit Stärken und Schwächen, groß und zerstörerisch - sehr menschliche Gottesmänner mit sehr menschlichen Begierden. Die große Menschenliebe gegen das göttliche Heil, die Menschenfrauen unterliegen und doch gibt es keine göttlichen Sieger. Kein Zweifel jedoch, Jurga Ivanauskaite ist die sehr weibliche Siegerin der litauischen Bücherschau in Frankfurt.


Czeslaw Milosz: Die Straßen von Wilna. Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Carl Hanser Verlag, München 1997, 174 S., 14 EUR

Zwi Katz: Von den Ufern der Memel ins Ungewisse. Eine Jugend im Schatten des Holocaust. Pendo-Verlag, Zürich 2002, 174 S., 14,90 EUR

Jewsej Zeitlin: Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes. Aus dem Russischen von Vera Stutz-Bischitzky. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2000, 320 S., 21 E

Ricardas Gavelis: Friedenstaube. Sieben Wilnaer Geschichten. Erzählungen. Aus dem Litauischen von Klaus Berthel. Athena-Verlag, Oberhausen, 2001, 118 S., 14,90 E

Cornelius Hell (Hg.): Meldung über Gespenster. Erzählungen aus Litauen. Otto Müller Verlag, Salzburg 2002, 240 S., 18 EUR

Jurga Ivanauskaité: Die Regenhexe. Roman. Aus dem Litauischen von Markus Roduner. dtv, München 2002., 296 S., 14,50 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 11.10.2002

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare