Frieden war für ihn der Ernstfall

Zum Tode von Dieter S. Lutz Dem Vordenker einer zivilisierten Welt gewidmet

Der langjährige Direktor des Hamburger Friedensforschungsinstitutes war für mich vor allem ein Mensch, der von der einen Idee erfüllt war: Frieden ist der Ernstfall. Dieter S. Lutz war insofern ein Denker des Friedens, von denen gibt es heute wenige, zu wenige. So habe ich ihn kennen gelernt in persönlichen Gesprächen, öffentlichen Hearings und bei wissenschaftlichen Vorträgen. Er war kein Massenredner, keiner, der sich danach gedrängt hat, im Rampenlicht zu stehen oder sich gar auf Kundgebungen Gehör zu verschaffen. Er sprach leise, eindringlich, immer mit sich selbst im Zweifel.

Gemeinsame Sicherheit, Kooperation und Interessenausgleich statt militärischer Konfrontation, Abrüstungsverträge und friedliche Konfliktlösung - dafür hat er und hat unter seiner Leitung das Hamburger Institut in zahllosen Publikationen unablässig geworben. Dieter S. Lutz ließ sich dabei von Willy Brandt, Olof Palme und Egon Bahr - alle, wie er, visionäre Realisten - inspirieren. In dieser Tradition war er zuhause. Er hat die Grundgedanken sozialdemokratischer Friedenspolitik auch nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes 1989/90 beibehalten und kam damit - wahrscheinlich ohne dass er es selbst wollte - immer mehr mit jenen in Konflikt, die Kriege nunmehr wieder für führbar hielten. In dem Grundgedanken, Entspannungspolitik zu verteidigen und für die heutige Welt weiter zu entwickeln, hatten wir viel gemeinsam.

Gerade, weil er so freundlich war und solidarisch, traf seine Kritik an falschen Kompromissen und Halbherzigkeiten viel härter als bei anderen. In der Frage Krieg - Frieden war Dieter S. Lutz unbeugsam, unermüdlich, unbequem. Weder Parteibuch noch taktische Rücksichtnahme haben ihn davon abgehalten, gegen den Kosovo-Krieg anzuschreiben, sich um Wahrheitsfindung und öffentliche Debatte zu bemühen. Er hat unter den Wendungen der rot-grünen Regierungspolitik und der um sich greifenden Beratungsrestistenz gelitten; geistig und immer spürbarer auch körperlich. Er war unglücklich über den Weg, den Deutschland geht, und dieses Unglück stand ihm oft ins Gesicht geschrieben. So habe ich es in Gesprächen mit ihm empfunden, und ich, der nicht minder hart rot-grün kritisiert, war versucht, ihm zu sagen: So schlimm ist es doch nicht. Das hätte er aber nie durchgehen lassen - und ich habe es nicht über die Lippen gebracht. Dieter S. Lutz war kein Mann der Täuschung und schon gar nicht der Selbsttäuschung. Dass Friedensforschung hierzulande auch in schweren Zeiten auf den Einspruch gegen Krieg und Bruch des Völkerrechts beharrte, ist nicht zuletzt auch sein Verdienst.

Dieter S. Lutz war ein Friedensforscher des Globalisierungszeitalters. Seine Gedanken, seine Schriften und seine Reden kamen immer wieder auf einen Punkt zurück: Die Stärke des Rechts muss gegen das Recht des Stärkeren verteidigt werden. Er entwarf die Vision einer zivilisierten, einer entmilitarisierten Welt, die sich auf die eigentliche Aufgabe der Menschheit konzentrieren sollte, auf die Verwirklichung der Menschenrechte in einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung. Bei ihm standen Soziales, Ökologisches, Rechtliches und Demokratisches nicht nebeneinander, sondern verbanden sich zu seinen Vorstellungen über einen gerechten Frieden. Für ihn wurde Frieden dauerhaft, indem er eine rechtliche Dimension gewann und sich einem sozialen Ausgleich verpflichtete.

Mit Dieter S. Lutz konnte man über die Sozialpflicht des Eigentums ebenso streiten wie über staatliche und nicht-staatliche Dimensionen von Friedenspolitik. Es war sein Wunsch, dass Parlamente und Bürgerinnen und Bürger mehr Einfluss auf die Außenpolitik nehmen könnten und das Monopol der Regierung dort endet, wo die Gesellschaft selbst zu Wort kommen kann und muss. Seine Friedenspolitik hatte tiefe philosophische Wurzeln, die er einbrachte in eine Ordnung nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes.

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