Frieden, wofür?

Kolumbien Ehemalige FARC-Rebellen wollen sich wieder in die Gesellschaft eingliedern. Die Politik macht es ihnen schwer

Das hohe Pfeifen geht einem durch Mark und Bein. Arnulfo Guerra setzt seinen Bohrer an den Zahn der Patientin und legt los. Im Wiedereingliederungslager in Tierra Grata macht der ehemalige FARC-Kämpfer das, was er über 20 Jahre in den Wäldern und Bergen Kolumbiens tat: Löcher füllen, Prothesen gießen, Zahnspangen anpassen. Nur steht sein Zahnarztstuhl jetzt nicht mehr in der Wildnis, sondern in einem Zimmer mit Gipskartonwänden in einer der 26 Übergangssiedlungen, die die Regierung nach Unterzeichnung des Friedensabkommens mit Kolumbiens größter illegaler Kämpfertruppe hochgezogen hat.

Von der Hauptstraße führt hinter dem Militärposten eine ungeteerte Straße steil zu dem Hochplateau, auf dem sich die ehemaligen Kämpfer und ihre Familien niedergelassen haben. Wenn es regnet, verwandelt sie sich in eine Schlammpiste. Es regnet oft in der Region Cesar im karibischen Hinterland an der Grenze zu Venezuela. Guerra, 48, ist ein schweigsamer Mann mit Zahnspange, Schiebermütze und einem namenlosen Hund, der ihm auf Schritt und Tritt folgt. Gut ein Jahr ist das Friedensabkommen der FARC-Guerilla mit der kolumbianischen Regierung alt. Trotzdem schläft er schlecht. „Ich rechne 24 Stunden am Tag damit, dass sie uns angreifen.“ Sie, damit meint er die Paramilitärs, die auf Rache sinnen. „Wenn sie wirklich kommen, können uns die paar Polizisten hier nicht schützen. Und wir haben keine Waffen mehr, um uns zu verteidigen.“ Die Waffen haben die etwa 7.000 FARC-Guerilleros nach 53 Jahren Krieg gegen Staat und Paramilitärs abgegeben. Das war Teil des Friedensabkommens. Sie haben eine Partei gegründet, um ihre Ziele politisch weiterzuverfolgen, und sie sind in Lager gezogen, um sich auf das zivile Leben vorzubereiten. Doch die Unsicherheit bei den ehemaligen Kämpfern ist groß. Erst recht seit Iván Duque vom Centro Democrático im Juni die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, der Zögling des rechtskonservativen ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe.

Hier im Camp gibt es kein Deo

Uribe war der schärfste Gegner des Friedensabkommens, das seinem Nachfolger Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis einbrachte. Als Präsident hatte er die Guerilleros hart bekämpft. Gleichzeitig ließ die Armee Tausende unschuldige Zivilisten verschwinden. Vertraute und Verwandte von Uribe wurden wegen Zusammenarbeit mit den Paramilitärs verurteilt.

Und Duque hält Uribes politisches Erbe hoch. Er hatte schon im Wahlkampf angekündigt, das Friedensabkommen massiv überarbeiten zu wollen. Noch nicht im Amt, hat er mit seiner konservativen Mehrheit im Parlament schon losgelegt. Ein Beispiel ist die Sondergerichtsbarkeit, ein Kernstück des Friedensabkommens. Sie sollte über das Schicksal von mehr als 6.000 Ex-Guerilleros, Polizisten und Soldaten entscheiden, die Verbrechen während des Konflikts begingen, und ihnen mildere Strafen garantieren, wenn sie bei der Wahrheitsfindung kooperieren. Doch mehr als ein Jahr nach Unterzeichnung des Abkommens fehlten immer noch rechtliche Grundlagen dafür.

Die Abgeordneten der Duque-Partei haben kürzlich entscheidende Änderungen durchgesetzt. So darf die Sonderjustiz nicht mehr über die Auslieferung von mutmaßlichen Straftätern entscheiden – zum Beispiel an die USA. Außerdem sollen die Verfahren für Militärangehörige und Polizisten eine eigene Kammer mit eigenen Richtern bekommen. Mitte Juni setzten die Duque-Abgeordneten eins drauf: Sie leiteten ein Referendum in die Wege, das unter anderem die politische Beteiligung der FARC abschaffen soll.

Schon vor der Wahl war das Vertrauen der ehemaligen Kämpfer in die Regierung erschüttert. Selbst bei solchen wie dem Zahnarzt Arnulfo Guerra, für den der Übergang verhältnismäßig einfach sein sollte: Er hat bei den FARC jahrelang als Sanitäter und Zahnarzt gearbeitet. Auch Bauern richtete er umsonst die Zähne. Im Wiedereingliederungscamp behandelt er jetzt ehemalige Kämpfer, Zivilisten aus dem Nachbardorf und sogar einige Soldaten. Doch ohne Diplom geht im zivilen Leben nichts. Deshalb sitzt er im Schulzimmer und lernt für den Abschluss. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis der versprochene Unterricht losgehen konnte, weil kein Geld da war. Die norwegische Botschaft hat die Finanzierung nochmal bis Dezember gesichert. Wie es danach weitergeht, ist offen.

Noch größer ist die Unsicherheit bei Elisa Castro aus dem Nachbarlager Pondores in der Region La Guajira. Castro, 53 Jahre, Ex-Guerillera, rot gefärbter Kurzhaarschnitt, Blümchen auf den Fußnägeln, sagt: „Im Krieg hatten wir alles und mussten uns um nichts kümmern. Da bekamen wir das zugeteilt. Hier im Camp bekommen wir nicht einmal Deo.“ Das muss sie sich bei der Avon-Vertreterin besorgen, die ins Lager kommt, gleiches gilt für die Lebensmittel, von denen der Staat fast gar keine mehr liefert. Vor allem aber hat sie keinen Beruf gelernt, den sie wie Guerra im zivilen Leben nutzen kann.

35 Jahre ihres Lebens war Elisa Castro im Krieg. Doch den schwierigsten Kampf führt sie jetzt, wo Frieden ist: zurück ins zivile Leben zu finden. Dank des Friedensabkommens hat Elisa Castro ihre Tochter kennengelernt, die sie als Baby weggeben musste, weil der Krieg kein Ort für Kinder war. Sie hat ein Dach überm Kopf und lebt mit ihrem Sohn im selben Wiedereingliederungscamp. Sie holt ihren Schulabschluss nach und arbeitet im Tourismusprojekt, das die Gemeinschaft künftig miternähren soll. Trotzdem sagt sie: „Frieden ist nicht unbedingt besser als Krieg. Ich bin hier, weil unsere Führer es uns sagen. Und wenn sie sagen, wir sollen wieder in die Berge, dann gehe ich mit ihnen.“

Das Morden hört nicht auf

265.000 Menschen wurden in dem blutigen Konflikt in Kolumbien ermordet, 60.000 gelten bis heute als verschwunden, 40.000 wurden entführt. Sieben Millionen Menschen wurden vertrieben. Der Schmerz sitzt tief, bei Opfern wie Tätern, die teilweise selbst Opfer sind. Zwar haben paramilitärische Gruppen deutlich mehr Menschen ermordet als Guerilla-Gruppen und staatliche Sicherheitskräfte. Entführungen waren jedoch eine Haupteinnahmequelle der FARC, neben Drogenhandel und Erpressung. Die Skepsis gegenüber den Ex-Kämpfern ist bei vielen Kolumbianern groß, weniger als ein Prozent der Wähler stimmte bei der Parlamentswahl im März für ihre neue Partei. Die soziale Ungerechtigkeit, gegen die die FARC nun politisch kämpfen sollen, ist groß. Die Regierung setzt ihren Teil des Friedensabkommens nur schleppend um. So kommt die Landreform kaum voran. Dasselbe gilt für das Land, das den Ex-Kämpfern versprochen wurde, um es zu bewirtschaften und Häuser zu bauen. Das ist auch in Pondores das größte Gemeinschaftsprojekt. Die Zeit wird knapp: Spätestens wenn in knapp einem Jahr die staatliche Unterstützung von etwa 209 Euro monatlich wegfällt, muss die Finca einen Großteil der 238 Ex-Kämpfer und ihrer Familien ernähren. Die Übergangshilfen sind nur auf zwei Jahre angelegt. „Alle anderen Projekte, die Schneiderei, die Tourismusinitiative haben wir aus eigener Kraft auf die Beine gestellt, uns um Spenden bemüht“, sagt Elisa Castro. Ob sie Bestand haben, weiß sie nicht. Das würdige Leben, das man den Guerilleros versprochen habe, habe sie sich anders vorgestellt. Zahnarzt Arnulfo Guerra hat sich informiert: Nach dem Abschluss könnte er in einem Schnellstudium in zwei Semestern Zahntechnik studieren. „Danach können sie mich überall anstellen – aber woher soll ich das Geld nehmen für Studium, Essen und Unterkunft?“

Zu seiner Familie hat er seit fast 30 Jahren keinen Kontakt mehr. Sein Cousin nahm ihn mit zur kommunistischen Jugend (Juco), der Nachwuchsorganisation der sozialistischen Partei Unión Patriótica. Dann begannen bewaffnete Regierungskräfte, Drogenkartelle und Paramilitärs, die linken Politiker umzubringen. Kapuzenmänner nahmen Freunde von Guerra aus der Juco mit. Sie tauchten nie wieder auf. Eines Tages, er war nicht da, kam die Polizei zu ihm nach Hause. „Sie sagten, ich würde mit der Guerilla zusammenarbeiten. Aber ich war nur bei der Juco und organisierten Demos”, sagt Guerra. Da wusste er: „Mir bleibt nichts anderes übrig, als zur Guerilla zu gehen. Beim nächsten Mal hätten sie mich umgebracht.“ Damals war er 19 Jahre alt. Seitdem hat er nie mehr mit seiner Familie gesprochen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Daran hat auch der Friedensprozess nichts geändert. Guerra stammt aus einer Region, in der bis heute Paramilitärs aktiv sind. Nach dem Rückzug der FARC hat der kolumbianische Staat es nicht geschafft, die verlassenen Gebiete zu stabilisieren. Neo-paramilitärische Gruppen, ELN-Guerrilleros, FARC-Dissidenten sowie Drogenkriminelle haben die Macht übernommen.

Zwar war die Mordrate 2017 die niedrigste seit 42 Jahren. Doch wurden allein zwischen Januar und Anfang Juli 2018 in Kolumbien 123 Aktivisten, Gewerkschaftler und Menschenrechtsverteidiger ermordet. Sympathisanten des linken Präsidentschaftskandidaten Gustavo Petro werden bedroht, mindestens drei seiner Wahlkampfmanager wurden getötet. Und nach Unterzeichnung des Friedensabkommens wurden mehr als 80 FARC-Mitglieder und Familienangehörige ermordet. Dort draußen wissen deshalb nur seine Freundin und ihre Tochter von seiner Vergangenheit. „Wahrscheinlich glauben meine Verwandten, dass ich tot bin“, sagt Guerra. „Ich melde mich erst bei ihnen, wenn ich weiß, wie das hier weitergeht.“ Das mit dem Frieden.

Katharina Wojczenko ist Gastautorin bei Deine Korrespondentin. Seit Oktober 2017 berichtet sie als freie Autorin aus Kolumbien

06:00 13.08.2018

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