Friedensappell von Peter Brandt: Eine Erwiderung auf Karsten Krampitz

Meinung Der Kommentar von Karsten Krampitz zum Friedensappell von Peter Brandt sei zynisch und verhöhne die Opfer des Ukraine-Krieges. Eine Replik von Günter Rexilius
Solidarität für die Ukraine
Solidarität für die Ukraine

Foto: Aleksander Kalka/Imago Images

„Angst war noch nie ein guter Ratgeber“, schreibt Freitag-Kolumnist Karsten Krampitz. Doch diese Ausgangsthese ist nicht nur falsch, sie ist sinnlos. Angst ist das überlebenswichtige Gefühl, das Menschen vor zu viel Unvorsichtigkeit und Risikobereitschaft schützt und einen oft lebensrettenden Fluchtreflex auslöst, wenn die Bedrohung zu groß wird. Gäbe es die Angst nicht, gäbe es wahrscheinlich die Gattung Mensch nicht mehr, Tiere nutzen den Wert dieser Wahrheit lebenslang. Für Männlichkeitskulte und Gewaltbereitschaft ist Angst ein Stigma, deshalb hat ihre Verleugnung einen faschistoiden Beigeschmack.

Herabwürdigung von Sehnsucht nach Frieden, von Einforderung einer diplomatischen Lösung in einer Situation, in der täglich Hunderte junger Menschen ihr Leben lassen müssen, ist an Zynismus kaum zu überbieten. „Warum ist bloß niemand vorher auf die Idee gekommen?“, fragt Krampitz. Seit Beginn des Krieges gibt es viele dringlich verhandlungsfordernde Ideen, von vielen nachdenklichen Menschen, die Krieg kennengelernt haben oder um die Gefahr seiner Eskalation wissen, deren Herz bis zum Hals klopft, wenn sie daran denken, wie tief die Damoklesschwerter eines unkontrollierbaren Kriegsszenarios oder gar eines Atomkrieges über uns schweben. In Deutschland aber werden sie, wie in einer diskursiven Diaspora, kaum zur Kenntnis genommen oder diffamiert.

Endgültig zum Ärgernis wird die Kolumne, wenn der Verfasser einen Vergleich zu 1938 für angemessen hält. Heute, 85 Jahre später und in den Jahrzehnten zuvor, gibt und gab es keine Appeasement-Politik, die hätte scheitern können, sondern eine aggressive Nato-Politik, die über Jahrzehnte hin ein Double-bind-Szenario aufgebaut hat: Wir kreisen euch ein und verstärken die Waffenarsenale an euren Grenzen von Jahr zu Jahr, aber wir bedrohen euch nicht, auch wenn wir so etwas manchmal sagen, ist aber wirklich nicht ernst gemeint.

Mit seinem versteckten Hitler-Vergleich verstärkt Krampitz sein Trommelfeuer mit den seit Monaten wiedergekäuten Phrasen noch einmal: „heute wieder ein Diktator ...“ übersieht schlicht, dass Putin, wie immer man diese Tatsache bewertet, als Präsident eines Staates gewählt worden ist, in dem die Bevölkerung ein Parlament gewählt hat. So viel Sachlichkeit sollte sein, wenn jemand nicht propagandistisch, sondern journalistisch unterwegs sein will. Mutatis mutandis, wäre zu ergänzen, der selbstgefälligen Selbstüberschätzung hiesiger Verhältnisse täte das selbstkritische Korrektiv zur an manchen Stellen heftig bröckelnden deutschen Demokratie ganz gut.

So geht es weiter: Der seit zwei Jahren medial zum politisch so korrekten wie absurd-anmaßenden Meinungsstandard gekürte Satz, „mit Putin verhandeln …“ sei ausgeschlossen – ja mit wem denn sonst? Und seit wann bedeutet der Versuch, eine intelligente menschliche Leistung, nämlich den Konflikt mit jemandem durch direkte Kommunikation beizulegen und um Kompromisse zu ringen, seinem „Willen entgegenkommen“? Und haben Konfliktparteien nicht immer divergierende Vorstellungen von „Gerechtigkeit“, die der eigentliche Anlass sind, zu verhandeln und nach Lösungen zu suchen? Und wie „gerecht“ und realitätsnah und redlich ist es, vom „russischen Militarismus“ zu reden, ohne den der Nato und inzwischen auch der EU gleichzeitig als gefährlich und konfliktverschärfend zu benennen? Und was ist mit „dem nächsten Angriff“ gemeint, weiß der Verfasser mehr als wir LeserInnen? Und ist Deutschland nicht längst „eine Kriegspartei“?

Es gab auch im „Freitag“ in den letzten 26 Monaten viele Antworten auf diese vielen Fragen, kluge Beiträge zum Überfall Russlands auf die Ukraine, zu seiner Vorgeschichte, zu seinen Folgen, zur Tatsache, dass Nato-Generäle längst die Kriegsstrategie in die Hand genommen haben und dort einen Stellvertreterkrieg mit den Leben und dem Blut und dem Leid der ukrainischen Jugend und ihrer Angehörigen führen. Peter Brandt und seine MitstreiterInnen wissen, dass er nur durch Verhandlungen zu beenden ist – Krampitz aber verhöhnt die Opfer, auch indem er keine Silbe äußert, wie denn seiner Meinung nach der Krieg beendet werden könnte.

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