Friedrichstraße 90

Aussichten Ein Blick ins Buch, zwei ins Leben: Im Berliner Kulturkaufhaus geht beides. Man sitzt auf Augenhöhe mit einem Lokführer. Wie einst der Feuilletonist Siegfried Kracauer

Bei Dussmann gibt es ein Sofa. Im dritten Obergeschoss des Kulturkaufhauses an der Berliner Friedrichstraße. Der Besitzer, des Kaufhauses und des Sofas, Peter Dussmann aus Rottweil am Neckar, gelernter Einzelhandelskaufmann, hat sein Geld mit der Heimpflege gemacht. Später befehligte er auch noch mehrere Divisionen Putzfrauen, 1997 öffnete sein Kulturkaufhaus. Es gibt Bücher, CDs, DVDs auf insgesamt 7.000 Quadratmetern. Und ein paar Sofas. Hier und da im Haus verteilt sind sie natürlich nicht zum Verkauf bestimmt, sondern zum Ausruhen und In-den-Büchern-Blättern.

Rotes Leuchten

Zweihundert Meter entfernt liegt der Bahnhof Friedrichstraße. Hier fahren S-Bahnen und einige Regionalzüge. Eine Schienenbrücke quert die Straße. Ich habe diese Brücke in Erinnerung mit Sichtblenden verbaut, als der Bahnhof Grenzbahnhof war. Kameras blickten auf die Fahrbahn, ab und an sah man einen Posten patrouillieren. „Neues Deutschland“ stand dort geschrieben und leuchtete abends rot. Unter der Brücke gab es einen kleinen Buchladen, einen Imbiss. Von den Bahnsteigen oben in der Doppelhalle war dem Ostler, der nicht in den Westen ausreiste, nur ein einziger zugänglich; von den unterirdisch gelegenen sah und ahnte er gar nichts. Unterirdisch nur: eine Toilette, gehegt und behütet von einer Klofrau und einem Toilettenmann. Das Pärchen schien hier zu hausen, in Neonlicht und Pissoir-Geruch. Sie hatten es sich nett gemacht. Behäkelte Deckchen unterm Geldteller und gepflegte Sprüche an der Wand. „Tritt näher, er ist kürzer, als du denkst.“ Da steigen wir doch wieder herauf aus der Erinnerung und heraus auf die Straße.

Dort ist viel gebaut worden in den letzten Jahren. Die Ausreisebaracken sind fort, die Punks, die später hier abhingen, vertrieben. Der gläserne Tränenpalast steht versteckt. Nach der Wende war er ein angesagter Veranstaltungsort, jetzt wird darin eine Ausstellung gezeigt über den Alltag der deutschen Teilung. Was einmal bewegte, lebte, berührte, ist zur Pose erstarrt. Die Fassaden sind aalglatt. Starbucks, Butler’s, Dunkin Donuts, Tchibo, Rossmann zogen ein, es ist kaum anders als in Oldenburg, Rottweil oder Gütersloh.

Mein Blick geht hinauf zur Brücke, eine S-Bahn fährt vorbei. 80 Jahre ist es her, da stand abends an gleicher Stelle Siegfried Kracauer, Filmkritiker, Flaneur und Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung, der Vorläuferin der FAZ. Er sah „oft eine mächtige D-Zuglokomotive in der Höhe halten“. Die, streng wörtlich genommen, sich und andere vom Ort Bewegende dampfte still. Sie stand droben auf ihrem Gleis, genau oberhalb der Straßenmitte, „verwaist über dem Gewimmel der Fuhrwerke und Menschen“, und war mit ihrem „langgezogenen Leib, ihrem funkelnden Gestänge und ihren vielen roten Rädern wunderbar anzuschauen“. Eine Lok im Stadttrubel. Sie hielt außerhalb der Doppelhalle, denn natürlich war es angenehmer für die Reisenden, wenn sie ihren Dampf draußen ließ. „Erregt sie das Aufsehen der Menge?“, fragte sich Kracauer. „Niemand blickt zu ihr hin.“ Nur er. „Ein fremder Gast, der so unbemerkt im nächtlichen Dunst eintrifft und fortschwebt, als sei er immer oder überhaupt nicht vorhanden.“ Als sein Text erschien, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933, war der jüdische Autor mit seiner Frau auf der Flucht nach Paris.

Nun zu Dussmann. Zwischen Mittel- und Dorotheenstraße, linkerhand, wenn man vom Bahnhof kommt, steht das Kaufhaus. 1799 – da erschien das erste Berliner Adressbuch – fanden sich hier zwei- und dreistöckige Häuser, ein Bäcker, ein Butterhändler, ein Schlächter, ein Schmied. Vor 100 Jahren gab’s Zigarren und Papierwaren, gegenüber eine Polnische Apotheke. 1933, als der Passant Kracauer „Frauen, Automatenbüfetts, Schlagzeilen, Lichtreklamen, Schupos, Omnibusse, Varietéphotos, Bettler“ in der „engen Häuserschlucht“ sich drängen sah, muss es an gleicher Stelle noch den Zigarrenladen gegeben haben, außerdem ein Geschäft, wo man Füllhalter kaufte. Gegenüber die Polnische Apotheke war fort, indessen gab es eins der erwähnten Automatenrestaurants, es hieß Schnelle Quelle.

Es riecht nach Teer

Vormittags um zehn macht Dussmann auf. Auf dem Trottoir riecht es nach Teer und frisch gekochtem Asphalt. Eine Bettlerin, bereit für die Tagesschicht, schnürt ihrem Jungen ein Kopftuch um. Kurz nach zehn bin ich im dritten Stock. Das Sofa, schwarz und breit, steht in der Abteilung, wo es Reisebücher und Fremdsprachenkurse zu kaufen gibt, gleich neben dem Südsee-Regal – und es ist besetzt. Eine junge Frau liest und genießt die Aussicht durch ein großes Fenster. Denn das Sofa steht an strategisch günstigem Platz, im auskragend über der Friedrichstraße errichteten Erker dieser Etage. Wer hier sitzt, der verweilt. Wirft einen Blick ins Buch und zwei ins Leben. Blickt in die Straße hinein auf Passanten, Straßenbahn, Autos, hinüber bis zum Bahnhof und noch darüber hinaus.

Autos drängen an Fahrradfahrern vorbei. Reisende ziehen Rollkoffer. Eine Straßenbahn biegt ein, und es klingt, als übten 20 Geiger einen schwierigen Ton. Eine Postbotin schiebt ihr gelbes, bepacktes Rad. In der Ferne senkt sich ein Flieger hinab nach Tegel. Bewegung und das Bewegende. Innen und außen. Da unten die Basis, hier oben der Überbau.

Man befindet sich auf Augenhöhe – herrlich zu Tode getrampelte Politikerfloskel – auf Augenhöhe mit einem Lokführer, den Kracauer einst im Führerstand seiner Maschine sah; sogar noch etwas oberhalb, was naturgemäß die schönere Form der Augenhöhe ist, zumindest im politischen Geschäft.

Über ihn, den Lokführer, machte sich Kracauer Gedanken. „Als ein fremder Gast blickt der Mann droben wie durch einen Spalt in die Straße hinein … Noch dröhnt die freie Strecke in ihm nach … Er ist an kleinen Stationen vorbeigefahren und hat in düsteren Bahnhofshallen den Zug für wenige Minuten zum Stehen gebracht. Karren und Wagen haben an den Wegkreuzungen gewartet, Schornsteine das Gelände durchschnitten und Kinderhändchen emporgewinkt. Und stets von Neuem das rasche Größerwerden schwarzer Masse und dann ihr sofortiger Untergang.“

Die junge Frau schlägt ihr Buch zu, steht auf. Draußen schalten die Ampeln auf rot. Rot wie einst die Buchstaben vom Neuen Deutschland. Ein Kleinbus sieht aus wie ein Polizeiwagen, aber darauf steht oceanwerbung.de. Über die Brücke rollt ein ICE. Darunter öffnet die Straßenbahn ihre Türen. An einer der Fassaden ohne Gesicht werden mit langer Leiter Fenster geputzt. Der unten stellt zwei Pylonen auf, links und rechts am Fuß der Leiter, zwischen seinen Beinen schwappt im Eimer das Putzwasser, indes sein Kollege die Sprossen erklimmt auf der sich biegenden Leiter. Trotz Warnung stolpert ein Passant, schmeißt den Eimer um, wedelt entschuldigend mit den Armen. Wie kommt es, dass der Mensch – daheim gebildet und aufmerksam – als touristisches Wesen blind ist wie ein Maulwurf? Und je größer die Gruppe, desto geringer der Intelligenzquotient.

Das Fest ist vorbei

Nun hält ein Regionalzug, rote Doppelstockwagen, die E-Lok kommt auf der Brücke zum Halt. Das Seitenfenster des Fahrers befindet sich tatsächlich genau über der Straßenmitte. Es ist geschlossen, ich kann den Fahrer nicht sehen.

Aber seine, also Kracauers Fantasie sah damals auf der Straße ihm zu Füßen ein Fest sich entfalten. „Es nähert sich aus dem Hintergrund, umfasst Arme und Reiche, Dirnen und Kavaliere und zieht sich, ein glühender Buchstabentaumel, an den Fassaden entlang bis zu den Dächern.“ Ihm – dem Lokführer, dem Autor wohl auch – „ist zumute, als habe er eine Tarnkappe auf und die Straße der Straßen woge über ihn weg“. Doch dann ist das Fest vorbei, ein Pfiff und der Zug fährt los, es gilt der Fahrplan der Deutschen Reichsbahn. Und „so scheint ihm die Nacht finsterer als je“.

Karsten Laske ist Drehbuchautor und Regisseur

10:00 01.04.2012
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