Frische Blüten

Kehrseite II Wenn ich mit meinem Auto von weit her komm und die ersten Kiefernwälder an der Autobahn seh, dann weiß ich, es geht nach Hause. Zurück in meinen ...

Wenn ich mit meinem Auto von weit her komm und die ersten Kiefernwälder an der Autobahn seh, dann weiß ich, es geht nach Hause. Zurück in meinen preußischen Sandkasten. Bin ein Heimatmensch. Märkische Heide, märkischer Sand, das liebe ich. Und die Flüsse, die wir hier haben. Die Dahme zum Beispiel. Ein Neben- oder Zufluss der Spree, so genau weiß ich das gar nicht. Seh ihn ja nie von oben, den Fluss, sondern immer nur aus der Nähe. Am Busen der Natur häng ich, sag ich. Am Arsch der Welt, sagen andere. Die haben einfach den Blick nicht für unsere Schönheiten.

Denn schön ist sie, unsere alte Dahme. Erweitert sich hier und da zu bezaubernden Seen, auf denen an Sommerwochenenden alles verkehrt und kreuzt, was Planken und Segel hat. An unseren Autos steht LDS. Das heißt Landkreis Dahme-Spree. Schon daran können Sie sehen, wie wichtig uns diese beiden Flüsse sind. Sonst wär ja hier nur Sand.

Ich selbst bin viel mit dem Auto unterwegs. Boot hab ich keins, kann ich mir nicht leisten. Ich bin Fahrer. Fahre alles, was reinkommt. Touristen oder Bioäpfel, ganz egal.

Im Frühsommer ´90, als die Westberliner gerade begannen, unsere Seen zu entdecken, da hab ich zum Beispiel Geld gefahren. Unser Ostgeld. Wusste gar nicht, dass von dem Zeug so viel existierte. Die Lkws sind fast zusammengebrochen unter der Last. In Scheunen und Ställe haben wir´s gekippt, denn in die Stahltresore der Banken, da ging nichts mehr rein, die waren randvoll. Lag schon das neue drin, die D-Mark.

Natürlich durft´s keiner wissen, Sicherheitskonzept. Das simpelste. Wenn keiner einen Schimmer hat - und wer käme auf so ne Schnapsidee, in alte verwitterte LPG-Ställe Hunderttausende Ostmark abzuladen? - dann ist die Kohle da drin so sicher wie in Fort Knox. Sie stinken eben nur hinterher. Die Scheine. Nach Schweinepisse. Aber das Zeug wurde ja eh verbrannt. Und es darf sich natürlich niemand verquatschen. Hat auch keiner.

Erst viel später. Und da haben sich dann plötzlich alle aufgeregt. Was hätte passieren können! Das viele Geld, wenn das einfach so rumliegt. Oder mich gefragt, warum hast du uns nicht mal früher was, Mensch, was wir hätten für Dinger ... Nee, nee. Ich kann schweigen.

Ein paar Jahre drauf war hier die Hölle los. Vorbei war´s mit der märkischen Stille, für die wir berühmt sind. Da sind wir andersrum berühmt geworden. Und auch nur, weil einer gequatscht hatte.

Sie erinnern sich vielleicht noch an den Ortsnamen. Dolgenbrodt. Im November ´92 wurde hier ein leeres Kindercamp, das man zu einem Asylbewerberheim umgebaut hatte, abgefackelt. Im ganzen Dorf sei für die Brandstifter gesammelt worden. Hieß es. Riesenbohau. Lichterketten quer durchs ganze Land. Na, von der Presse haben wir seither die Schnauze voll. Wenn ich irgendwo ne Kamera seh, drehn mir die Räder durch.

Dann kamen die Antifa-Touristen. Tod dem deutschen Vaterland, Dolgenbrodt wird abgebrannt. Ganze Reisebusse. "Reiselust mit Willi Brust", Klimaanlage, Waschraum, sogar mit Würstchen an Bord. Wenn ich mit meiner Karre unterwegs bin, ich hab keine Klimaanlage. Wie gesagt, so´n Hals! Aber hab ich was gesagt? Nichts. Man schweigt und lernt sein Teil.

Deshalb kann ich Ihnen von der neuen Sache hier auch nur andeutungsweise erzählen.

Wir haben´s ja nicht so dicke. Segeln, Schießen, Spargel, Schluss. Das soll jetzt anders werden. Funktioniert aber nur, wenn es geheim bleibt. Deshalb auch kein Ortsname. Dolgenbrodt, falls Sie das vermuten, ist es nicht. Die haben genug gelitten. Nein, es ist, sagen wir - Degenow. Oder Güllen. Aber sagen wir lieber Degenow, denn so heißen die Orte alle hier. Immer auf -ow. Weshalb manche auch glauben, sie sind schon in Russland bei uns. Tschechow, Molotow, Kalaschnikow. Spricht man aber nicht, unser -ow. Denkt man nur. Es heißt nicht "Pankoff", wie der alte Adenauer sagte, das verrät den Ausländer.

Degenow also. Und geheim. Und auch nur eine vage Hoffnung. Ein simpler Plan.

Wir haben ja, wie gesagt, noch die ollen Schweinställe. Die rotten so vor sich hin. Und die Amerikaner haben ihr Problem mit den Terroristen. Wenn sie die eingefangen haben, die müssen befragt und bestraft und in Schach gehalten werden. Warum nicht eins und eins zusammenbringen? Knast und Kaserne hat jede Gegend gerne. Und was soll sich der Pole oder der Rumäne, unzuverlässig, wie er ist, was soll sich der eine goldene Nase verdienen. Das können wir auch.

Ich stell mir das herrlich vor, wie ich da immer früh mit meinem alten Kombi in das streng geheime Camp fahre und die frischen Brötchen bringe. Unser Fleisch, unser Brot, unser Bier, alles von hier. Und die Dorfjugend kann endlich legitim den Fremden aufs Maul hauen. Das ist doch mal was anderes als immer nur neue Windräder aufstellen überall.

Problem ist nur, man kann sich da nicht so offiziell bewerben für. Man muss es ihm irgendwie unterjubeln, dem Ami. Ihm das Gefühl geben, er ist da ganz schlau von selber drauf gekommen. Naja. Haben wir jetzt an den Steinmeier geschrieben. Der fädelt das fachmännisch für uns ein. Hat ja einen guten Draht zu den Foltertypen. Und wenn dann die Turbane hier ihre Zeit absitzen, grünt und blüht und gedeiht unsere Gegend. Herrlich! Für Geld - wie heißt es so schön - kann man sich eben alles leisten. Ein reines Gewissen zum Beispiel. Oder vielleicht, später mal, sogar ein eigenes Boot.

Maik Kubusch, geboren 1970 in Magdeburg, lebt heute in Bayern. Zuletzt erschien im Freitag 26/2006 sein Text Geburtstagskind.


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00:00 06.04.2007

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